Juni 2001

"Worin liegt der Sinn einer Gesellschaft, die immer reicher wird, aber niemanden glücklicher macht?" - Stoffer

Idioten

Nur wenigen Filmen ist es vergönnt, alle Abstufungen von Reaktionen hervorzurufen. "Idioten" ist einer von ihnen. Von angeekeltem Abscheu, vom Vorwurf der Banalität und Unausgegorenheit bis hin zum größten Lob war den "Idioten" alles beschieden. Lars von Trier ("Europa", "Breaking the Waves", "Dancer in the Dark") hat mit den "Idioten" einen gehaltvollen Film über die Frage nach einem freien, glücklichen Leben in einer scheinbar toleranten Gesellschaft abgeliefert.

Karen, eine Frau mittleren Alters, wird in einem Restaurant Zeugin einer kleinen Störung: Zwei von einer jungen Frau betreute geistig behinderte junge Männer verhalten sich so laut und auffallend, dass sie des Lokals verwiesen werden. Einer der beiden Männer ergreift jedoch Karens Hand und zieht sie mit hinaus, wo sie sich fast widerstandslos zu den dreien in ein Taxi setzt und mitfährt. Doch auf einmal entpuppt sich die Behinderung der Männer als vorgespielt. Die drei jungen Leute sind, wie sich zeigt, Teil einer größeren Gruppe von Frauen und Männern, die sich scheinbar aus Spaß zum Ziel gesetzt hat, in der Öffentlichkeit provokativ die "Idioten" zu spielen. Karen begleitet von nun an mit distanziertem Interesse ihre "Behindertenausflüge" bei Fabrikbesichtigungen, Schwimmbadbesuchen oder beim Skispringen mitten im Sommer. Sie wird ohne Umschweife in die Gruppe integriert, die sich in einem leerstehenden Haus eingerichtet hat. Auch da wird häufig "auf Gaga gemacht", wie die Mitglieder es selbst nennen. Stoffer, der spiritus rector der Gruppe, erläutert ihr das Gruppenkonzept: "Sie suchen ihren inneren Idioten, ..... Ein Idiot zu sein ist ein Luxus und ein Fortschritt. Ein Idiot ist ein Mensch der Zukunft,...." Karen: "Ich würde so gerne verstehen, was ich hier tue!" Stoffer: "Kann doch sein, dass da ein kleiner Idiot drin ist, der raus möchte. Vielleicht will er Gesellschaft?" Stoffer scheint recht zu haben.

Nach ein paar Tagen beginnt die bis dahin zurückhaltende Karen unkontrollierte Laute und Bewegungen zu machen, der "Geist" ist über sie gekommen. Mit einer liebevollen Zeremonie, im Wasser eines Bassins liegend, wird sie endgültig in die Gruppe aufgenommen. Wie eine kleine Gegengesellschaft, in der alle Freiheiten,- bis hin zum Gruppensex, erlaubt und praktiziert werden, lebt die Gruppe in ihrer Enklave, vom Spießerhasser Stoffer angespornt, nach außen glaubwürdig und aggressiv den Idioten zu spielen ("Nicht wir verspotten sie, die verspotten uns!"). Als die Gruppe schließlich ohne einzugreifen zulässt, dass ein Mädchen von ihrem Vater aus der Gruppe gerissen wird, fordert Stoffer alle Beteiligten dazu auf, zu beweisen, dass sie hinter "der Idee" stehen. Alle sollen den Mut haben in ihren familiären und beruflichen Bezügen "den Idioten" zu spielen. Die Gruppe zerfällt, die Mitglieder gehen in ihr bürgerliches Leben zurück, alle geben auf, - außer Karen...

"Die Idioten" wurde im von Lars von Trier mitbegründeten Dogma 95-Stil gedreht - allerdings unter Verstoß gegen Regel 7: Durch die Einfügung von Interviewsequenzen werden zeitliche Verfremdungen vorgenommen -, der sich nach dem Vorbild etwa der Nouvelle Vague zum Zweck der Erneuerung des Kinos - weg von der technisch perfekten Oberfläche, hin zum Inhalt- bewusst Regeln der Kargheit unterwirft, die im Dogma-Manifest, dem "Vow of Chastity" ("Gelöbnis der Keuschheit") nicht ohne Selbstironie wie die 10 Gebote festgesetzt sind:

1. Du sollst "on location" drehen. Es dürfen weder Requisiten, noch Sets genutzt werden. (Wenn eine bestimmte Requisite notwendig ist, so muß ein Drehort gefunden werden, an dem diese schon vorhanden ist).
2. Du sollst den Ton nicht separat von den Bildern produzieren. (Musik darf nur verwendet werden, wenn sie am Drehort zeitgleich live eingespielt wird)
3. Du sollst ausschließlich mit Handkamera arbeiten. Jede Bewegung oder Ruhestellung, die durch Hand erreichbar ist, sei erlaubt.
4. Du sollst nur in Farbe filmen. Eine gesonderte Ausleuchtung ist nicht erlaubt. (wenn zuwenig Licht zum Filmen vorhanden ist, muß die Szene geschnitten werden oder eine einzelne Lampe an der Kamera befestigt werden)
5. Du sollst den Film nicht optisch bearbeiten und keine Filter nutzen.
6. Du sollst keine überdramatische Action in den Film einbauen. (Mord, Waffen und ähnliches dürfen nicht vorkommen)
7. Du sollst weder zeitliche noch geographische Verfremdungen vornehmen.
8. Genre-Filme werden nicht akzeptiert.
9. Du sollst im Format Academy 35mm drehen.
10. Du sollst nicht nennen deinen Namen! Der Regisseur soll weder im Vor- noch im Abspann namentlich erwähnt werden.

Die Handkamera evoziert dokumentarische Echtheit, die von den Schauspielern zum Teil improvisierten Figuren und nicht zuletzt von Triers gekonnte Regie lassen die Handlung authentisch wirken, allein deshalb kann man sich der Wirkung des Films schwer entziehen. Es ist, als sei man dabei.

Aber in den "Idioten" gelingt von Trier vor allem das Kunststück, komplexe und allgemeingültige gesellschaftliche Mechanismen anhand einer fast idiotisch banalen Geschichte zu veranschaulichen. Die "Idioten" dieses Films mögen beim oberflächlichen Hinschauen nichts anderes als wirkliche Idioten sein, wären da nicht ein paar Aspekte, die nachdenklich machten: Ohne es sich selbst immer bewusst zu sein, bricht die Gruppe radikal mit gesellschaftlichen Normen und Begrenzungen, und wenn sie ihre Gesichtszüge verzerrt, zerbricht sie sogar die Maske, die aus antrainierter Mimik besteht. Was sie dahinter vorfindet, scheint wirklich wahrhaftiger zu sein. Paradoxerweise führt gerade die Verstellung, das Idiotenspiel, zur Unverstelltheit. Unverstellt ist hier z.B. ein Liebespaar, das unzähligen Liebespaar-(Film-)Vorbildern zum Trotz über unbeholfen-iditiotische Berührungen zu einer überzeugend innigen und ehrlichen Begegnung findet. Gerade wenn man nicht tut, was man meint, tun zu müssen, hat man die Chance lebendig zu sein. Vielleicht ist das ein unausgesprochenes Motto dieser "Idioten". Aber in "Die Idioten" bleibt es nicht bei solch einer versonnen-versponnenen Quintessenz, denn auf diese Erkenntnis folgt sehr bald die unbarmherzige Einsicht, dass es nur ein Entweder-Oder gibt. Entweder ich lebe, oder ich passe mich an, aber die (spätkapitalistische) Gesellschaft zwingt mich zur Anpassung und zum Verrat meines inneren Idioten und damit zum Verrat an meinem Lebendigsein.

Wie ein unerhörter Aufschrei inmitten einer Zeit, in der Subkultur und Revolte schon lange liberal und marktgerecht vereinnahmt sind, in der Che Guevara nur noch ein T-Shirt-Motiv ist, kommt dieser Film, als sei er direkt aus dem Geist der Hippiebewegung oder der 68er geboren. Wenn (der häufig, wie Guevara!, Zigarren rauchende) Stoffer im Hass auf die verlogenen "Sölleröd-Faschisten"(einen Beamten der Stadt) sich auf der Straße brüllend und tobend die Kleider vom Leib reißt und von seinen Freunden weggetragen, oder eher "in Gewahrsam genommen" wird, dann erinnert er an einen Andreas Baader bei dessen Verhaftung. Das Ganze wirkt wie eine mutierte Revue der 68 und ihrer Folgen, bis hin zum Marsch durch die und dem Aufgeben in den Institutionen. Eine ganze Palette Haltungen zum "System" wird durchgespielt: Die friedliche, aber resignierende, die aggressive, aber sich aufreibende, die sexuell befreite, aber unpolitische, die intellektuelle, aber nur beobachtende und schließlich die religiös anmutende Haltung von Karen, der tragischsten und am Ende sich opfernden Figur. Fragen werden uns üppig viele gestellt, zu einfache Antworten gnädig vorenthalten. Lars von Trier hat einmal gesagt, ein Film müsse sein wie ein Stein im Schuh, den man nicht los wird. Spätestens nach dem Genuss dieses Films habe ich ihn verstanden. Ein Meisterwerk von einem Stein im Schuh!  

Andreas Thomas / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Idioten
(Idioterne)

Dänemark 1998
Regie & Drehbuch: Lars von Trier; Produzenten:Peter Aalbaek Jensen, Vibeke Vindelov; Kamera: Lars von Trier; Musik: Camille Saint-Saens;
Darsteller: Bodil Jorgensen (Karen), Jens Albinus (Stoffer), Anne Louise Hassing (Susanne), Troels Lyby (Henrik), Nikolaj Lie Kaas (Jeppe), Henrik Prip (Ped), Luis Mesonero (Miguel), Louise Mieritz (Josephine), Knud Romer Jorgensen (Axel), Trine Michelsen (Nana) u.a.

Länge: 111 Minuten; FSK: ab 16 Jahren.



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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