31.12.2017

I Killed My Mother

Zu Beginn der Vorstellung mochte ich "I Killed My Mother" nicht so recht und sammelte im Hinterkopf die Eckpfeiler einer mäkeligen Kritik: Auf den allgemeinen Manierismus wollte ich verweisen, auf die fehlende Substanz und die gestelzt artifiziellen Bilder. Kurze Zweifel an diesem vorschnellen Urteil blitzten recht bald auf – dann hatte Xavier Dolan, der junge Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler aus Kanada, meine Einwände zerstreut. Was für ein Debüt! Aber der Reihe nach.

Mit siebzehn Jahren schrieb Xavier Dolan das semi-autobiografische Drehbuch für sein Erstlingswerk, das von einer zerrütteten Mutter-Sohn-Beziehung handelt – mit neunzehn Jahren machte er das zuweilen komische Drama "I Killed My Mother" daraus, das beim Filmfestival in Cannes Premiere feierte und auf breite positive Resonanz stieß – mit einundzwanzig Jahren, mittlerweile existiert mit "Heartbeats" ("Les amours imaginaires") eine zweite Regie-Arbeit Dolans, gilt er unter Cineasten als Hoffnungsträger seiner Zunft. Dass Xavier Dolan sein Kinodebüt in einem Alter inszenierte, in dem angehende Regisseure normalerweise ihre Bewerbungsmappe für die Filmhochschule vorbereiten, lässt der fertige Film indes kaum erahnen. Wie etliche andere Debütfilme erzählt "I Killed My Mother" zwar eine aus der Jugendzeit des Regisseurs abgeleitete Coming-of-Age-Geschichte und lässt verschiedene filmische Vorbilder ziemlich deutlich erkennen (besonders Wong Kar-wai und die französische Nouvelle Vague); mit seiner ästhetischen und narrativen Eleganz hängt der Film gewöhnliche Erstlingswerke jedoch spielend ab.

Der Protagonist ist der 16-jährige Hubert, den Xavier Dolan selbst spielt. Der junge Mann lebt in Québec bei seiner alleinstehenden Mutter Chantale (Anne Dorval), die er innig hasst. Die Beziehung der beiden ist von alltäglichen Sticheleien, lautstarken Wutausbrüchen und zaghaften Wieder-Annäherungsversuchen geprägt: "Man kann sie nicht lieben und nicht nicht lieben", stellt Hubert einmal in Bezug auf seine Mutter fest. Dass er eine Liebesbeziehung mit seinem Klassenkameraden Antonin (François Arnaud) führt, weiß die Mutter nicht – auch sonst hat sie den Kontakt zu ihrem aufbrausenden Sohn verloren (ganz so wie der Vater, der nur in einer einzigen Szene auftritt). Die junge Französischlehrerin Julie (Suzanne Clément) hingegen nähert sich Hubert, ermutigt ihn zum Schreiben und avanciert zu einer verständnisvollen Gesprächspartnerin.

Auf der Ebene der Erzählung lässt "I Killed My Mother" einige Fragen offen. Die tieferen Gründe für den Hass Huberts gegenüber seiner Mutter, immerhin die zentrale Triebfeder des Plots, erfährt das Publikum beispielsweise nicht. Auch die Frage, ob Julie rein freundschaftliche oder romantische Gefühle für ihren Schüler entwickelt, bleibt in der Schwebe – überhaupt sind die Figuren in erster Linie zwischen den Zeilen (beziehungsweise Bildern) greifbar. Wenngleich Hubert einem Videotagebuch intime Gedanken anvertraut und dem Publikum somit ein Stück näher rückt als die anderen Charaktere, kommt er über eine Typisierung als wütender, zuweilen orientierungsloser, spät-pubertärer Rebel Without a Cause nur ansatzweise hinaus – paradoxerweise entwickeln Hubert und die Figuren um ihn herum trotzdem ein individuelles Profil, was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass sie allesamt hervorragend gespielt und von der ästhetischen Gestaltung intuitiv miterzählt werden (das gilt nachdrücklich auch für die Mutter, deren eigenwilliger Einrichtungsstil Bände spricht). Gerade die verschiedenen erzählerischen Leerstellen verweisen auf das Selbstvertrauen des jungen Regisseurs: Im Gegensatz zu den meisten anderen Kino-Debütanten verzichtet Dolan auf klassische Erzählmuster und minutiöse Erklärungen. Ein markantes Beispiel hierfür ist die Homosexualität Huberts, die nicht – wie allgemein üblich – großartig in den Fokus rückt, sondern einfach da ist.

Es ist aber zuallererst die hochgradig stilisierte Oberfläche, die "I Killed My Mother" auszeichnet: Eingestreute Schwarzweiß-Bilder und kräftige Farbaufnahmen, elegische Zeitlupen-Passagen und Videoclip-artige Zeitraffer, Texteinblendungen mit Rimbaud-Zitaten und weitere Referenzen aus dem Kunst- und Kulturbereich vereint Xavier Dolan mit leichter Hand zu einem rauschhaften audiovisuellen Erlebnis. Eine Tendenz zum Selbstzweck (auch zum Manierismus) wohnt der überaus verspielten Stilistik zwar durchaus inne – insbesondere, wenn der Film wiederholt in ästhetische Schauwerte abschweift – im luftleeren Raum steht sie jedoch nicht, da sie die innere Unruhe und Wut Huberts nach außen trägt. Davon abgesehen entfalten die durchweg reizvollen Bilder von Stéphanie Biron eine immer stärker werdende Anziehungskraft, die kritische Fragen nach der dramaturgischen Berechtigung mancher Sequenz obsolet macht: In gewisser Weise ist "I Killed My Mother" filmisches Erzählen in Reinform – dass Xavier Dolan dabei auch mal ins feierlich Kunstvolle abdriftet, tut dem cinephilen Genuss kaum Abbruch.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

I Killed My Mother
(J'ai tué ma mère)

Kanada 2009
Regie & Drehbuch: Xavier Dolan;
Darsteller: Anne Dorval (Chantale Lemming), Xavier Dolan (Hubert Minel), François Arnaud (Antonin Rimbaud), Suzanne Clément (Julie Cloutier), Patricia Tulasne (Hélène Rimbaud), Niels Schneider (Éric), Monique Spaziani (Denise), Pierre Chagnon (Richard Minel), Justin Caron (junger Hubert) u.a.;
Kamera: Stéphanie Weber-Biron; Musik: Nicholas Savard-L'Herbier; Schnitt: Hélène Girard;

Länge: 100,10 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 3. Februar 2011



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"Ich finde es sehr gut, dass es viele Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle fair bezahlt werden. In Hollywood bewegen wir uns allerdings in einer Kunstform, die vom Kommerz bestimmt wird. Deshalb nenne ich es auch 'Show-off-Business'. Filmemachen ist ein brutales Geschäft."

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