11.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente

Hotel Dallas


Was haben die US-Fernsehserie "Dallas", ein Sonnenblumenöl-Magnat und Ceausescu gemeinsam? Die Antwort auf die Frage, die sich bisher wohl nie jemand gestellt hat, gibt Livia Ungur in ihrer träumerischen Mockumentary. Die New Yorker Filmemacherin ist die Tochter jenes Pflanzenöl-Unternehmers, der sich den Hauptcharakter der beliebtesten Serie im kommunistischen Rumänien zum Vorbild nahm.

Hotel DallasGanz so spaßig, wie der reale Hintergrund von Ungurs Langfilmdebüt klingt, ist er nicht. Unter Ceausescus Terror mangelte es der rumänischen Bevölkerung an allem. Die älteren Bekannten der Regisseurin erinnern sich vor der Kamera, wie sie in den 80ern stundenlang für ein Stück Butter und ein Kilo Zucker anstehen mussten. Aber es gab noch eine andere Welt und die lag im fernen Texas. Dort aßen Leute von Tellern mit Goldrand, lebten in Luxusvillen und wenn sie etwas wollten, bestachen sie jemanden – nicht mit Seife oder Socken wie in Rumänien, sondern mit Millionen Dollars. Dieser magische Ort namens "Southfork Ranch" existierte tatsächlich, allerdings nicht in der titelgebenden Stadt, sondern auf diversen Film-Stets. Dort entstand "Dallas". Die Kult-Serie über die Superreichen und Schönen fegte einmal pro Woche die Straßen leer, in Amerika genauso wie hinter dem Eisernen Vorhang. Im April 1978 flimmerten die Intrigen von Fiesling J.R. Ewing (Larry Hagman) und die bedrohte Beziehung von seinem braven Bruder Bobby Ewing (Patrick Duffy) und der schicken Pamela Barnes über die rumänischen Fernsehbildschirme. Die Serie war ein gigantischer Hit. Kein Wunder, denn viel Konkurrenz gab es im nationalen Fernsehen nicht.

Hotel Dallas Livia Ungurs Mutter zählt drei Sendungen auf, die man abgesehen vom Störbild gucken konnte: Ceausescu, "Dallas" und noch mehr Ceausescu. Der Serienkosmos vermischte Negativklischees und Wunschphantasien von Amerika. Hier hatten die Leute alles und kriegten trotzdem nicht genug. Alles war käuflich und jeder hatte das Geld, es zu kaufen. Hauptdarsteller Larry Hagman spekuliert in einem Talkshow-Interview, die rumänische Regierung habe der Bevölkerung ein möglichst abschreckendes Bild von den Amerikanern einprägen wollen. Eine rumänische Serien-Guckerin meint hingegen, die Sendung sei wie ein Märchen gewesen, zur Besänftigung der unzufriedenen Bürger. Wie die Fiktion die Alltagsrealität und Weltvorstellungen der Menschen beeinflusste, wären spannende Fragen. Zumindest einige, deutet die Fantasy-Doku an, nahmen sich den Materialismus ihrer Lieblingscharaktere zum Vorbild. Einer war Livia Ungurs Vater. Er machte wie J.R. ein Vermögen mit Öl – Pflanzenöl, weshalb man ihn den Sonnenblumen-König nannte. Heute bekommt der gealterte Blumen-Businessmann, der eine Strafe wegen Steuerhinterziehung absitzt, regelmäßig Freigang für Touristen-Führungen durch den Titelort. Das der Southfork Ranch nachempfundene Hotel ließ er einst mit den teils illegalen Einkünften des Geschäfts mit dem flüssigen Gold erbauen.

"Hotel Dallas" geht es weniger um die nationale Geschichte als die seiner Regisseurin. Sie lässt als Kinder in Pionierkostümen bekannte Serien-Momente nachstellen, Schauspieler Musicalnummern über ihre eigene Familienbiografie singen und Bobby Ewings Geist (Patrick Duffy) auftreten. Um dabei zu bleiben muss man schon ein ziemlicher Fan sein, nicht nur des "Dallas"-Clans, sondern dessen der Regisseurin. Die Fake-Doku krankt keineswegs an einer schlechten Idee, nur an etwas zu viel Egozentrik – auch so eine Schwäche der "Dallas"-Figuren.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Hotel Dallas (Hotel Dallas) 
 
Rumänien/USA 2016
Regie & Drehbuch: Livia Ungur, Sherng-Lee Huang;
Darsteller: Livia Ungur (Livia), Patrick Duffy (Mr. Here), Razvan Doroftei (B), Serena Sgardea (P), Maria Croitoru (Livia, jung), Nicu Ungureanu (Ilie, älter), Steluta Ungureanu (Mama), Sherng-Lee Huang (Ilie, jung), Crenguta Hariton (Simona), Neculai Predica (Vali), Ioan Roxin (Emil), Carmen Roxin (Steluta) u.a.;
Produktion: Ungur & Huang; Musik: Samuel Suggs; Schnitt: Sherng-Lee Huang;

Länge: 75 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<11.03.2016>


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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