10.08.2010

Tanz in den Abgrund

Hochzeitspolka

Hochzeitspolka: Christian Ulmen "Länderehe" muss für Christian Ulmen ein Begriff von einzigartigem Wohlklang sein. Nicht aufgrund der Assoziationen von Völkerverständigung, kultureller Bereicherung und internationaler Gemeinschaft, welche sich damit verknüpfen ließen, sondern des unendlichen komödiantischen Potenzials. Was könnte grotesker, wahnwitziger, unsäglicher sein, als zwei Menschen unterschiedlicher Nationalität, die einander dass Ja-Wort geben? Filme wie "Hochzeitspolka", lautet die simple Antwort. Kein Vorurteil ist zu abgedroschen, kein Witz zu dümmlich. Auf der Leinwand führt "Hochzeitspolka" einen anstrengenden Tanz um grobe Klischees und Stereotypen auf.

Was sie an ihrem Bräutigam Frieder (Christian Ulmen) liebe, fragt der Pfarrer dessen Zukünftige Gosia (Katarzyna Maziag). Das wüsste sie nicht, antwortet die junge Polin. Eine überaus nachvollziehbare Antwort angesichts des schmierigen deutschen Geschäftsführers Frieder, den die hübsche junge Frau ehelichen wird. Vor anderthalb Jahren ist Frieder, um eine lukrative Position in der Zweigstelle eines deutschen Unternehmens zu ergattern, aus dem ländlichen Heide in eine polnische Kleinstadt umgesiedelt. Polen sei "Im Grunde ein wildes Land!", warnt ihn sein Vater vor der Abreise. Wie Recht er mit seinem Vorurteil hat, muss das missmutige Familienoberhaupt am eigenen Leib erleben, als er mit seiner Gattin Frieders Hochzeit besucht. Weit wilder als die in ihrer Voreingenommenheit gegenüber Deutschen noch gemäßigt erscheinenden Polen verhalten sich jedoch Frieders überraschend aus dessen Heimat angereisten Freunde Jonas (Fabian Hinrichs), Manni (Waldemar Kobus), Paul (Lucas Gregorowicz) und Knack (Jens Münchow). Die ungebetenen Gäste, die Frieders Ex-Freundin Ines (Alexandra Schalaudek) mitgebracht haben, sind Frieders ehemalige Band-Kumpanen. Zur deutsch-polnischen "Heizeitspolka" Gosias und Frieders spielen die Provinz-Rocker mit fremdenfeindlichem Krawall auf.

Hochzeitspolka: Christian Ulmen, Katarzyna Maciag Regisseur Lars Jessen betrachtet das abstoßende Verhalten der ungehobelten Landesgäste alles andere als kritisch. Seine "Hochzeitspolka" tanzt um einen einzigen geschmacklosen Witz: Deutsche, die Polen ein Familienfest verderben. In die voreingenommenen Beleidigungstiraden von Frieders Kumpeln stimmt die Komödie ungeniert ein. Vom selbstironischen Spiel mit nationalen Vorurteilen und Eigenheiten ist das billige Machwerk weit entfernt. Die einzige Art von Liebe, welche der unromantische Klamauk über eine misslungene Heirat glaubhaft vermittelt, ist die Liebe Christian Ulmens zu nationalen Klischees. Bereits in der ähnlich klischeelastigen Komödie "Maria, ihm schmeckt's nicht" verkörperte Christian Ulmen einen Deutschen, der den Fehler begeht, eine Frau zu heiraten, deren Vater Italiener ist. Wenn zur Hälfte italienische Wurzeln so schlimm sind, wie schrecklich muss dann eine polnische Herkunft sein, dachten sich die Produzenten von "Hochzeitspolka" anscheinend. In ihrem groben Klamauk geht es verbal und handgreiflich gegen die Polen, welche laut Jonas keinerlei Achtung verdienen: "Respekt muss man sich verdienen. Den gibt's nicht einfach so." Das miserabel inszenierte und gespielte Werk darf gemäß dieser Aussage getrost verachtet werden.

Hochzeitspolka: Tim Sikyea, Katarzyna Maciag Regisseur Jessen bewies schon mit seiner vulgären Jugendkomödie "Dorfpunks" ein untrügliches Gespür für das Inszenieren von unkomischen Prollkomödien und brachte "Hochzeitspolka" mit Unterstützung der Filmstiftung NRW und der Deutschen Filmförderfonds auf die Leinwand. Dass Fördergelder für das niveaulose Projekt ausgegeben wurden, stimmt traurig. Von den "versteckten Vorzügen", die Gosia ihrem Gatten attestiert, besitzt der unansehnliche Film "Hochzeitspolka" nicht einen. Selbst ein hartnäckiger Störer wie Jonas hat da ein Einsehen: "Ich denke, es wäre ein sehr guter Moment, den Leuten zu sagen, dass hier bald Feierabend ist." Man hofft, nach der filmischen Trauerveranstaltung hat es sich auch mit Ulmens Komikerlaufbahn ausgetanzt.  

Lida Bach / Wertung: 0 von 5 Punkten

Quelle der Fotos: X Verleih


Filmdaten

Hochzeitspolka


Deutschland / Polen 2010
Regie: Lars Jessen; Drehbuch: Ingo Haeb, Lars Jessen, Przemyslaw Nowakowski; Produktion: Christoph Friedel, Claudia Steffen; Kamera: Marcus Kanter;
Darsteller: Christian Ulmen (Frieder Schulz), Katarzyna Maciag (Gosia), Fabian Hinrichs (Jonas), Waldemar Kobus (Manni), Lucas Gregorowicz (Paul), Jens Münchow (Knack), Alexandra Schalaudek (Ines) u.a.

Länge: 99 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; Kinostart: 30. September 2010



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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