05.12.2013
Prekäre Promiskuität

Hemel


Hemel: Hannah Hoekstra Ein nahezu perfekt inszeniertes Kleinod aus den Niederlanden zeigen unsere Kinos: "Hemel". Leider aber nur wenige Kinos hierzulande, der Film hätte eine größere Anzahl Kopien, eine größere Verbreitung verdient. Es ist die Charakterstudie einer jungen Frau, die das Leben mit Sex ausfüllt. In Wirklichkeit liebt sie aber nur ihren Vater. Der Film begeht nie den Fehler, das Verhalten der Hauptfigur psychologisch zu durchleuchten, gar zu kritisieren, sondern erzählt einfach – und lässt viele Fragen, die sich aufdrängen, am Ende offen. Fragen, deren Antworten sich der Zuschauer aber selbst erarbeiten kann.

Selten war Sex auf der Leinwand weniger schön anzuschauen. Blasse Körper, nur von fahlem Licht angestrahlt, bestimmen die ersten Minuten des Films. Die Frau und der Mann lieben sich nicht. Sie kennen sich auch erst seit kurzer Zeit, vielleicht seit Stunden. Das Gespräch der beiden nach dem Geschlechtsverkehr ist im Film wiedergegeben – es hat nicht auch nur ein wenig mit harmonischem Gefühl zu tun, sondern verläuft roh, sehr roh. Der Mann bleibt nicht die einzige Zufallsbekanntschaft. Wieder und wieder findet die Frau Männer, um mit ihnen ins Bett zu gehen. Die Frau, sie ist etwa 30, hat einen Namen, der nicht zu ihrem Leben passt: Hemel (Hannah Hoekstra), auf Deutsch Himmel. Als Beruf gibt sie Studentin an, doch ihrem Studium geht Hemel nicht nach. Stattdessen verbringt Hemel die Tage mit Sex. Dabei ist es stets sie, die die Initiative ergreift, sie reißt in Diskotheken und andernorts fremde Männer auf. Dass die Unbekannten schon mal gewalttätig werden können, lässt sie überraschend kalt. Es gibt nur einen Mann, den Hemel wirklich liebt, ihren Vater Gijs (Hans Dagelet). Der aber verliebt sich seinerseits innig in eine andere Frau. Hemel reagiert mit Ausbrüchen von Eifersucht, denn das kannte sie von ihm nicht. Bisher führte er ein ähnliches Leben wie Tochter Hemel: Frauen waren für ihn nie über eine lange Zeitspanne hinweg Gefährtinnen.

Hemel: Hans Dagelet, Hannah Hoekstra Genauso geht Hemel mit Männern um. Warum Hemel es so mit Männern hält, erläutert die Regisseurin des Films, Sacha Polak: Hemel "benutzt Männer, um sich selbst zu finden... Sie lotet eifrig ihre Grenzen aus, in der Hoffnung, herauszufinden, wer sie ist." Der Film selbst erklärt Hemels Selbsterkenntnisse nicht konkret, sie erschließen sich dem Zuschauer erst aus der Mimik, den Gesten und dem Verhalten Hemels. Die junge Frau blickt zumeist kaltherzig und distanziert ihre Umwelt an. Sie mustert kritisch die Körper anderer Frauen, zum Beispiel die der Gespielinnen ihres Vaters. Einmal weint Hemel, am Ende des Films, als man mit ihr darüber spricht, wie ihr Vater sie erzogen hat. Hauptdarstellerin Hannah Hoekstra zeigt unter der Regie von Sacha Polak die zumeist versteckten, aus Kummer am Leben resultierenden Emotionen in beeindruckender Weise. "Hemel" ist ein nahezu literarischer Film, wortkarg im Stil und in der Optik erinnert er an eine Novelle: Auch in gedruckter Form würde der Inhalt seine Wirkung voll entfalten. Einzig die in der zweiten Hälfte des Films stattfindende Reise von Hemel und ihrem Vater nach Spanien fällt aus dem Rahmen: Man hat den Eindruck, Sacha Polak brauchte eine Episode, die den Film auf Spielfilmlänge dehnt.

"Hemel" wurde in der Sektion Forum der Berlinale 2012 gezeigt und gewann im Rahmen dieser Berlinale den wichtigen Fipresci Award, die Auszeichnung der internationalen Filmkritikergilde.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: W-film Distribution / Circe Films

 
Filmdaten 
 
Hemel (Hemel) 
 
Niederlande / Spanien 2012
Regie: Sacha Polak;
Darsteller: Hannah Hoekstra, Hans Dagelet, Rifka Lodeizen, Mark Rietman, Eva Duijvestein, Barbara Sarafian u.a.;
Drehbuch: Eva Duijvestein, Helena van der Meulen; Produktion: Circe Films BV in Koproduktion mit VPRO Television, Jaleo Films und Bella Cohen Films; Kamera: Daniël Bouquet; Musik: Rutger Reinders; Schnitt: Axel Skovdal Roelofs;

Länge: 83,41 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; Original mit deutschen Untertiteln; ein Film im Verleih von W-film Distribution; deutscher Kinostart: 14. November 2013



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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