13.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Wettbewerb

Hedis Hochzeit


Wie der Hauptcharakter seiner allegorischen Kinoromanze drückt Regisseur Mohamed Ben Attia seine Intentionen lieber mit Bildern aus als mit Reden. Sogar seine Worte sind oft mehr Wortbilder, die unterstreichen, was die schlichte Handlung offenbar macht. Eines ist der Name des Protagonisten Hedi (Majd Mastoura), der zugleich seinen Seelenzustand und die filmische Atmosphäre beschreibt.

HediHedi bedeutet ruhig. Es meint sowohl die Ruhe vor dem Sturm der Gefühle, die den jungen Tunesier ergreifen werden, als auch die Ruhe nach dem Sturm der Revolution, die 2010/2011 das Land ergriff. Zu Beginn scheint alles in dem Spielfilmdebüt des tunesischen Filmemachers von einer bleiernen Schwere befallen. Es ist nicht Gelassenheit, die über der Landschaft und ihren Bewohnern liegt, sondern eine lähmende Passivität. Eine neue Regierung und neue Freiheiten haben den Charakteren scheinbar kein besseres Leben beschert. Den Alltag Hedis und seiner Familie bestimmen eherne Traditionen. Eine äußere Revolution bedeutet eben noch keine innere. Das Konservieren der alten Zwänge ist für die Figuren zum Mechanismus geworden und dazu eine unbewusste Flucht davor, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Hedi ergibt sich dieser Apathie, die ihm mit dem Namen in die Wiege gelegt scheint. Folglich ist es vor allem seine resolute Mutter Baya (Sabah Bouzouita), die dem jüngeren der beiden Söhne seine Lebensplanung abnimmt. Während Hedi teilnahmslos zusieht, plant sie seine Hochzeit mit der für ihn ausgewählten Khedija (Omnia Ben Ghali). Die junge Frau trägt selbst schwer an den religiösen und familiären Erwartungen, auch wenn sie und ihr zukünftiger Gatte unterschiedliche Wege gefunden haben, sich mit den indirekten Unterdrückungen zu arrangieren.

Hedi Khedija, die auf den ersten Blick selbstbewusst und zielstrebig wirkt, hat das Erfüllen der konservativen Pflichten so verinnerlicht, dass sie glaubt, die aufoktroyierten Ziele seien ihre eigenen. In dieser Hinsicht erinnert sie an eine jüngere Version von Baya, die letztendlich nur tut, was die Gesellschaft von ihr als Mutter erwartet. Die Hochzeitsvorbereitungen betreibt sie weniger mit Freude, als mit Disziplin. Hedi zieht sich von alledem in die Welt seiner Gedanken und seiner Zeichnungen zurück. Als sein Vorgesetzter ihn auf Geschäftsreise nach Mahdia schickt, ist das für ihn eine willkommene Gelegenheit, während der Feierlichkeiten physisch von der Bildfläche zu verschwinden. Emotional war er ohnehin permanent abwesend. Der Ausflug wird für den introvertierten Hauptcharakter zu einer Reise zu seinem im Dornröschenschlaf liegenden Selbst. In der Küstenstadt trifft er die lebhafte Rim (Rym Ben Messaoud), die als Animateurin in einem stagnierenden Hotelbetrieb arbeitet. Mangels Touristen animiert sie Hedi, für den es Liebe auf den ersten Blick ist. Dabei ist die Romanze in Attias Erzählung nur ein Teil einer verspäteten Coming-of-Age-Story. Hedi gelangt in doppeltem Sinne an eine Kreuzung, wo er allein entscheiden muss, wie es weitergeht.

Das Ringen des wachgeküssten Protagonisten um und mit seiner persönlichen Freiheit wird zur Metapher für das Bestreben von Tunesiens junger Generation, sich ihre Selbstbestimmtheit und eigene Perspektiven zurückzuerobern. Es ist auch dramaturgisch ein Bild in simplen Zügen, aber dennoch ein ansehnliches.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Frédéric Noirhomme/Nomadis Images/Les Films du Fleuve/Tanit Films

 
Filmdaten 
 
Hedis Hochzeit (Inhebbek Hedi) 
 
Tunesien / Belgien / Frankreich 2016
Regie & Drehbuch: Mohamed Ben Attia;
Darsteller: Majd Mastoura (Hedi), Rym Ben Messaoud (Rim), Sabah Bouzouita (Baya), Hakim Boumessoudi (Ahmed), Omnia Ben Ghali (Khedija) u.a.;
Produzentin: Dora Bouchoucha Fourati; Koproduzenten: Jean Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Nadim Cheikhrouha; Kamera: Frédéric Noirhomme; Musik: Omar Aloulou; Schnitt: Azza Chaabouni, Ghalya Lacroix, Hafedh Laaridhi;

Länge: 88 Minuten; deutscher Kinostart: 22. September 2016



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Der Film im Katalog der Berlinale
<13.02.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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