17.02.2016
Ein Film der Berlinale 2016, Sektion Forum

Havarie


Womöglich wollen der Dokumentarfilmer Philip Scheffner und die Berliner Autorin Merle Kröger dem Publikum mit ihrem zweigleisigen Projekt "Havarie" einen Eindruck davon geben, wie es sich anfühlt, verloren auf dem Mittelmeer zu treiben. Womöglich wollen sie etwas Elementares vermitteln über den Umgang mit flüchtenden Menschen, die gefangen sind zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen einem neuen Leben und dem Tod. Oder vielleicht ist alles einfach nur gutes Marketing.

HavarieDer Film entstand aus der gemeinsamen Recherche Scheffners und seiner Lebenspartnerin Kröger, deren Buch auf Platz Eins der KrimiZeit-Bestenliste steht. Neben dem Titel scheinen die beiden Werke allerdings vor allem gemein zu haben, dass etwas auf hoher See treibt. Im Buch sind es vier Schiffe, deren Reiserouten sich zufällig kreuzen. Jede Besatzung steht für eine spezielle Perspektive auf die Flüchtlingslage. Die von einer Gruppe nordafrikanischer Refugees, eines Rettungsbootes von der spanischen Küste, eines ukrainischen Frachters sowie eines von Reiselustigen aus aller Welt bevölkerten Kreuzfahrtschiffs mit dem wenig subtilen Namen "Spirit of Europe". Diesen "Geist Europas" repräsentieren sich wiederum eine Reihe von Typen – man müsste das Buch gelesen haben, um zu sagen, ob es Arche- oder doch eher Stereotypen sind – zusammen. Die Reederei hat ihren Sitz in den USA, doch an Bord tummeln sich nepalesisches Sicherheitspersonal, deren indischer Vorgesetzter, ein mit der IRA in Verbindung stehender Ire, ein Erster Offizier aus Frankreich sowie eine jüdische Reisende und der Kapitän aus Deutschland. Das klingt nach Material für ein kontroverses Porträt Europas im Angesicht der Flüchtlingskrise. In Romanform ist es das laut Pressestimmen auch. Allerdings klingt es auch reichlich spekulativ in Anbetracht der täglichen Nachrichten von Tragödien und Katastrophen.

Auf reißerische Schockbilder setzt der Film lobenswerterweise nicht. Vielmehr geht Scheffner ins entgegengesetzte Extrem. Auf der Leinwand erkennt man aufgrund der miserablen Bildqualität nur blaues Meer und einen Punkt am Horizont. Aus dem Infomaterial zum Film weiß man, dass es sich um ein Schlauchboot mit Flüchtlingen handelt. Der Film liefert visuell nur diese rund dreiminütige Videoaufnahme, auf zermürbende 93 Minuten ausgedehnt. Aus dem Off sprechen Menschen, die im doppelten Sinne gesichtslos bleiben: "Es ist ein permanenter Zustand des Wartens", heißt es einmal. Wohl wahr, denn man wartet auch als Zuschauer bald auf das Ende. "Wie lange dauert es noch?", fragt einmal eine der Hintergrundstimmen. Keine Ahnung, Stunden? Dabei sitzt man schon gefühlt Stunden im Kinosaal... Einmal erscheint im Bild die Flanke eines Kreuzfahrtschiffs – wer die Buchvorlage gelesen hat, weiß, welches. Draus könnte eine poignante Gegenüberstellung von Elend und Verzweiflung auf der einen Seite sowie Überfluss und Materialismus auf der anderen werden. Doch dieses Mal gelingt dem Regisseur weder auf dokumentarischer, noch auf fiktionaler Ebene, die Verdichtung von Informationen oder die Konstruktion einer Handlung. Eine emotionale Einbindung des Zuschauers bleibt aus.

Wenn das Projekt eines deutlich macht, dann, dass das Sektionen-Programm der Berlinale einer Vorauslese bedarf, mit dem Ziel, cineastische Filme von solchen zu trennen, die sich eher als künstlerische Installation eignen. Man möchte Kröger und Scheffner glauben, dass "Havarie" mit den besten Absichten entstand – auf filmischer Ebene jedoch erleidet er Schiffbruch.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle des Fotos: pong

 
Filmdaten 
 
Havarie  
 
Deutschland 2016
Regie: Philip Scheffner;
Mitwirkende: Rhim Ibrir, Abdallah Benhamou, Leonid Savin, Terry Diamond, Emma Gillings, Guillaume Coutu-Lemaire, Jackie Kelly u.a.;
Drehbuch: Merle Kröger, Philip Scheffner; Produzenten: Merle Kröger, pong Film, Meike Martens, Blinker Filmproduktion, Peter Zorn, Worklights Media Production, Marcie Jost, Worklights Media Production; Kamera: Terry Diamond, Bernd Meiners; Musik: Blue Waters Band; Schnitt: Philip Scheffner;

Länge: 96,58 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 26. Januar 2017



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Der Film im Katalog der Berlinale
<17.02.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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