November 2001
Die Erfolge, die der Zauberlehrling rief

Harry Potter und der Stein der Weisen


Harry Potter und der Stein der Weisen Als zum Jahreswechsel 1996 / 97 der Roman "Harry Potter und der Stein der Weisen" der bis dahin unbekannten Autorin Joanne K. Rowling erschien, konnte nach dem weltweiten Bucherfolg eine Verfilmung eigentlich nicht lange auf sich warten lassen: Über 100 Millionen Bücher gingen seither schätzungsweise über den Ladentisch, sie sind in 46 Sprachen übersetzt worden, Kinder wurden wieder Leseratten, und auch die Großen lassen sich vom eigentlichen Kinderbuch faszinieren, um nicht zu sagen: verzaubern. Es dauerte aber knapp fünf Jahre und drei weitere literarische Abenteuer des elfjährigen Zauberlehrlings, bis das erste von insgesamt sieben geplanten Büchern auch den Weg auf die Leinwand fand. Der Film "Harry Potter und der Stein der Weisen" vermag zum Glück die dahinter steckende Planung als Kommerzprodukt mit großem begleitenden Merchandising-Aufwand in den Hintergrund zu rücken, und Fans der Harry-Potter-Bücher kommen beim Sehen des Films auf ihre Kosten.

"Er wird berühmt werden - jedes Kind auf der Welt wird seinen Namen kennen!"

Dieses Zitat aus den Anfangsseiten des ersten Buchs, dort rückwirkend wie magische Prophetie der Autorin erscheinend, setzen Regisseur Chris Columbus und Drehbuchautor Steven Kloves an den Anfang ihres Films - hier wohl als Hommage an die Leistung der Autorin gedacht. Zwei Zauberer, Professorin McGonagall (Maggie Smith) und Professor Albus Dumbledore (Richard Harris) sowie ihr Helfer Rubeus Hagrid (Robbie Coltrane), ein gutmütiger, bärtiger Riese, befinden sich des Nachts an für sie ungewöhnlichem Orte, einer kleinen Vorstadtstraße. Aber was sie sogleich tun werden, hat für die drei größte Bedeutung: Ein Baby, jenes, das berühmt werden wird, das einen Anschlag auf seine Familie überlebt hat, nun mit einer blitzförmigen Narbe auf der Stirn gezeichnet ist, legen sie an der Haustür einer Familie ab, den einzigen Verwandten, die das Kind noch hat. Es soll dort, unter den Muggels, den so als Nicht-Zauberern bezeichneten Menschen, die ersten Jahre seines Lebens verbringen und Erfahrungen sammeln - bis die Zeit reif ist, um ihm mitzuteilen, dass mehr in ihm, dem kleinen Harry, steckt. Zehn Jahre lang wächst Harry Potter (Daniel Radcliffe) bei den Dursleys auf, die ihren Sohn Dudley verwöhnen, hingegen Harry als ungeliebtes Stiefkind stiefmütterlich behandeln. Er muss im Schrank unter der Treppe schlafen, aber alle Demütigungen nimmt er hin, er weiß auf seine Weise durchzukommen. Bis Hagrid ihn zum elften Geburtstag aufsucht und nach Ewigkeiten in Trostlosigkeit das freilich schönste Geschenk seines Lebens überbringt: die Aufklärung darüber, dass er etwas Besonderes ist, ein Zauberer nämlich. Harry darf die von Albus Dumbledore geleitete Zauberschule Hogwarts besuchen. Dort erlebt er neue Abenteuer, denn sein Attentäter, von dem Harry nur den Namen kennt, obwohl Zauberer diesen Namen Voldemort aus Angst vermeiden, hat neue Kräfte gesammelt.

Harry Potter und der Stein der Weisen Dass die Verfilmung eines so komplexen Werks wie dem ersten Harry-Potter-Roman ein Parforce-Ritt für den Regisseur werden würde, war abzusehen. Äußerst vielschichtig und mit Liebe zu Details ist das Buch ausgestattet, aber die Vorgabe von Autorin Rowling und der Produktionsfirma Warner Bros., dass der Film sich an das Buch engstens anlehnen soll, haben Regisseur Chris Columbus und sein Drehbuchautor Steven Kloves ("Die Wonder Boys") durchaus mit Bravour gemeistert. Sie wählten den Weg, jede halbwegs bedeutende Einzelheit im Film zu zeigen, wenn auch zumeist auf das Wesentlichste reduziert. Diese Methode funktioniert im Film mit Abstrichen. Sie funktioniert nicht, wenn die spießige Familie Dursley am Anfang des Films äußerst knapp gehalten wird, denn das Buch zeigt durch die Unterdrückung Harrys durch die Adoptivfamilie ein offensichtliches Anliegen der Autorin auf: Ein unter Ungerechtigkeit leidendes Kind - unter Joanne K. Rowlings kleinen Lesern gibt es sicherlich viele, für die das gilt -, bekommt Hoffnungen auf bessere Zeiten aufgezeigt. Kinder haben das Recht, von besseren Zeiten zu träumen, so wie die Identifikationsfigur Harry, der durch Hagrid aus der Misere befreit wird, ein neues Leben fängt für ihn an, ein Leben in einer Zauberwelt, von der er nicht zu träumen wagte: Das Magische bildete im Buch einen Kontrast zur Realität des harten Alltags, der im Buch erstaunlich extrem dargestellt ist. Die strikte Weigerung der Dursleys, die andere Realität, die nicht für sie, die Muggel, wohl aber für Harry gilt, anzuerkennen, im Buch eine perfekte Allegorie für konservatives Denken, wird im Film durch Reduzierung banalisiert, das im Buch radikal starrsinnige Festhalten am Ewiggleichen von Leuten wie Dursleys verkommt im Film durch die schnell abgehakte, simple Nacherzählung zum abstrakt gehaltenen Ereignis, das die Handlung fortführen soll. Allgemein werden gegenüber dem Buch Erklärungen über Ereignisse häufig nicht oder zu überfallartig geliefert, so dass der Zuschauer sich selbst einen Reim draus machen muss, was geschieht. Eine Überforderung des Zuschauers tritt ein; ihm fehlt gewissermaßen das Textbuch. Hier zeigt sich, dass der Film eindeutig eher für die gedacht ist, die das Buch schon kennen.

Die Methode, das Buch en detail, aber in rasanter Spezifizierung aller Einzelheiten auf die Leinwand zu transformieren, funktioniert im weiteren Verlauf des Films dann aber doch: Hogwarts, das Zauberschul-Schloss, ist atmosphärisch hervorragend getroffen. Die Mixtur aus Unterrichtsmief im alten Gemäuer und gleichzeitigem Gruselkabinett des Spukschlosses trifft genau den richtigen Ton, sorgt für viel Humor und gleichzeitig für eine eigenartige Bedrückung. Hier werden sich noch lebensbedrohliche Ereignisse um Harry und die neu gewonnenen Freunde Hermine Granger (Emma Watson) und Ron Weasley (Rupert Grint) abspielen, so ist schon vorweg zu spüren, die den drei Kindern den Schulalltag um das Erlernen von Zaubersprüchen, Besenreiten oder das Brauen von Zaubertränken sekundär erscheinen lassen werden. Der Schul-Alltag in Hogwarts weist, hervorragende Idee der Autorin und im Film genauso gut umgesetzt, Ähnlichkeiten mit Realem auf: Die bösen Blicke des Lehrers, wenn eine Antwort nicht kommt oder ein Fehler gemacht wird, gibt es auch hier, auch eine junge Hexe in Ausbildung wie Hermine Granger kann sich wie eine "normale" Schülerin als fleißige Streberin gerieren, zickig sein und nach einem gemeinsamen Zusammenraufen doch gute Freundin von Harry und Ron, der seinerseits Prototyp des lieben, guten Kumpels ist, werden.

Harry Potter und der Stein der Weisen Diese drei sind als Identifikationsfiguren geradezu perfekt. Die Jungschauspieler sind gut gecastet und noch besser in Szene gesetzt, sie ziehen den Zuschauer durch den Film hindurch dermaßen mit, dass die Riege der zahlreichen Starschauspieler wie Julie Walters, John Hurt und John Cleese in kleinen Gastauftritten wie auch Maggie Smith, Richard Harris, Robbie Coltrane sowie Alan Rickman als sinistrem Professor Snape in ihren eigentlich für den Film bedeutenden Rollen hinter dem Trio zurückstehen. Und doch scheint sich Regisseur Columbus die guten Charakterisierungen der Kinder selbst nicht zuzutrauen, fast zerstört er, was er ideal konstruiert hatte, durch tumbe Dialoge - er lässt einmal Ron pathetisch an die Freundschaft appellieren, als ob diese implizit, also ohne große Worte und damit filmisch besser dargestellt, nicht schon fühlbar dagewesen ist, allein schon im unerbittlichen Zusammenhalt der drei im Kampf gegen das Böse ersichtlich. Das Ende des Films verbockt Columbus gar richtig, der große Schlusskampf Harrys gegen Voldemort ist wie in einem althergebrachten und billigen Action-Film äußerst konventionell inszeniert.

Der erste von sieben geplanten Harry-Potter-Filmen - sieben, da die Autorin Rowling sieben Bücher vorgesehen hat -, kam Ende November 2001 mit einer Rekordzahl von 1200 Kopien in die deutschen Kinos. Zum Vergleich: "Titanic" oder "Star Wars: Episode 1" brachten es zu ihrem Kinostart jeweils auf etwa 400 Kopien. Doch die Planung in gigantischen Größenordnungen ist sinnvoll: In den USA lief der Film gleich mit einem neuen Einspielrekord von umgerechnet 70 Millionen DM nur am ersten Tag an. Das Harry-Potter-Fieber ist nach seinem Ausbruch ungebannt und wird zur Lizenz zum Gelddrucken mit den typischen Merchandising-Begleiterscheinungen, die den Erfolg unzweifelhaft ausbeuten - sogar einen Harry-Potter-Drucker von Hewlett Packard gibt es, man beachte die Initialen. Schade um die schöne literarische Figur und die interessanten Abenteuer, die sie erlebt.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Harry Potter und der Stein der Weisen (Harry Potter and the Sorcerer's Stone) 
 

Alternativ-Titel: Harry Potter and the Philosopher's Stone (internationaler englischer Titel);
GB / USA 2001
Regie: Chris Columbus; Drehbuch: Steven Kloves ("Die WonderBoys")
Darsteller: Daniel Radcliffe (Harry Potter), Rupert Grint (Ronald 'Ron' Weasley), Emma Watson (Hermine (Original: Hermione) Granger), Richard Harris (Professor Albus Dumbledore), Maggie Smith (Professorin McGonagall), Alan Rickman (Professor Severus Snape), Ian Hart (Professor Quirrell), Robbie Coltrane (Rubeus Hagrid), Richard Griffiths (Vernon Dursley), Fiona Shaw (Petunia Dursley), John Cleese (Sir Nicholas De Mimsy-Porpington ("fast kopfloser Nick")), Sean Biggerstaff (Oliver Wood), David Bradley (Argus Filch), Alfie Enoch (Dean Thomas), Tom Felton (Draco Malfoy), Joshua Herdman (Gregory Goyle), John Hurt (Mr. Ollivander), Matthew Lewis (Neville Longbottom), Rik Mayall ("Guest House Paradiso"; Peeves der Poltergeist), Harry Melling (Dudley Dursley), Devon Murray (Seamus Finnegan), Katharine Nicholson (Pansy Parkinson), Leslie Phillips (der sprechende Hut), Chris Rankin (Percy Weasley), Verne Troyer ("Mini-Me" in "Austin Powers 2"; Ghoul), Julie Walters ("Billy Elliot - I will dance"; Mrs. Molly Weasley), Zoë Wanamaker (Madame Hooch), James Waylett (Vincent Crabbe), Bonnie Wright (Ginny Weasley) u.a.;

Länge: 152 Minuten; FSK: ab 6 Jahren



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Offizielle Seite zum Film
<29.11.2001>


Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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