09.01.2023

Landjunge trifft Stadtfrau, verhasste Brüder treffen sich wieder

Großstadtklein

Ein Film der Produktionsfirma Til Schweigers. Er ist für eine deutsche Komödie manierlich und einfühlsam inszeniert. Ein junger Mann vom Lande muss in die Großstadt wechseln. Ole (Jacob Matschenz) verliebt sich dort, in Berlin, in die Freundschaft-plus-Beziehung Fritzi (Jytte-Merle Böhrnsen) seines Cousins Rokko (Klaas Heufer-Umlauf), doch die bindet sich aus Gewohnheit nicht. Schrullige Charaktere wie Oles Vater Heinz (Markus Hering) oder Rokkos Vater Manni (Tobias Moretti) - Brüder, die sich hassen - dominieren den herzensguten Film, so wie Oles Land-Freunde Marcel (Pit Bukowski) und Ronny (Kostja Ullmann) ihm in die unvertraute Stadt nachfolgen, samt Mopeds in Rokkos Wohnung. Alles schön anzusehen. Allerdings: Dass "Großstadtklein" in der Darstellung eines Schwulen, des einzigen des Films, in den 1970er-Jahre-Style verfällt, stört nicht nur, sondern zerstört fast den gesamten Film. Und ein blutiger Intimrasur-Witz darf auch nicht fehlen.

Regisseur Tobias Wiemann dankt im Abspann allen, die an seine Idee für diesen Film geglaubt haben. "Großstadtklein" ist sein Debüt als Spielfilmautor und -regisseur, nachdem er für Til Schweigers Barefoot Films bereits anderweitig tätig war. Später folgten die Filme "Amelie rennt" (2017) und "Der Pfad" (2022). In "Großstadtklein" studiert Wiemann das Dasein als Einzelkämpfer an unvertrautem Orte. Und das Verlieben. Wie dieses Funkensprühen funktioniert, in diesem Fall zwischen dem naiv-unerfahrenen Ole und der scheinbar selbstbewussten Fritzi, ist facettenreich geschildert. Die weiteren Charaktere sind expressiv gezeichnet, allen voran Tobias Morettis bockige Vaterfigur. Viel Wert legt Wiemann darauf, zu zeigen, dass die junge Frau (Böhrnsen, mit der Wiemann seit dem Filmjahr 2013 verheiratet ist) ihre Bindungsunfähigkeit zu sprengen versucht. Wie das eventuell am Ende des Films geschehen mag, wie es gelingen mag, die väterlichen Brüder sich zusammenraufen zu lassen, ist clever erzählt.

Einzig der Berliner Arbeitskollege, der als Klischee-Homosexueller intrigant ist, reißt den Film in die Tiefe. 1970er-Hass auf Schwule lässt negativst grüßen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Großstadtklein


Deutschland 2013
Regie & Drehbuch: Tobias Wiemann;
Darsteller: Jacob Matschenz (Ole), Jytte-Merle Böhrnsen (Fritzi), Klaas Heufer-Umlauf (Rokko), Tobias Moretti (Onkel Manni), Pit Bukowski (Marcel), Kostja Ullmann (Ronny), Ulrike Krumbiegel (Susanne), Heinz W. Krückeberg (Opa Karl), Markus Hering (Heinz), Karl Kranzkowski (Herr Traumbach), Niels-Bruno Schmidt (Pfarrer), Tim Wilde (Autobesitzer) u.a.;
Produzenten: Julia Etzelmüller. Til Schweiger, Tom Zickler; Kamera: Martin Schlecht; Musik: David Jürgens, Dirk Reichardt; Schnitt: Olivia Retzer;

Länge: 98 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 15. August 2013



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"Wer sich mit der Kunst verheiratet, bekommt die Kritik zur Schwiegermutter."

Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef (1925 - 2002)

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