| 13. Juni 2002
Ist der Butler immer der Mörder?
Gosford Park Wenn Regie-Veteran Robert Altman einen Whodunnit-Krimi dreht, so darf man sich sicher sein: Es steckt mehr in dem Film als die ledigliche Suche nach dem Mörder, die Altman, dem Soziologen auf dem Regiestuhl, eher der Movierung der Handlung dient, als dass sie des Films eigentliches Hauptereignis wäre. Altmans Augenmerk gilt, wie schon in seinen Klassikern von "M.A.S.H." bis "Short Cuts", einer genauen Beobachtung der Gesellschaft mit ihren Macht-Spielereien durch Rangordnungen und den sich daraus ergebenden gegenseitigen Abhängigkeiten. "Gosford Park" spielt in der gleichen Sphäre der Krimis der großen Autorinnen des Genres, Agatha Christie und Dorothy L. Sayers, dem britischen Landadel und seiner Dienerschaft; aber wenn Sir William McCordle (Michael Gambon) sein letztes Wochenende als Gastgeber einer Jagdgesellschaft nicht mehr zu Ende zelebrieren kann, fächert Altman nach und nach, mehr als es in jedem anderen Krimi der Fall sein könnte, in nahezu geruhsam-genüsslicher Art eine Palette an von der Gesellschaft durchgeführten wie akzeptierten Immoralitäten auf. Ein Film wie ein großer Countdown. Es ist das Jahr 1932, das Prinzip der strikten Klassenteilung ist im Vereinigten Königreich und da vor allem im Adel noch intakt und wird erst später, wie der Zuschauer rückblickend weiß, durch das verstärkte Auftreten der Demokratie in seinen Grundfesten erschüttert. Robert Altman selbst hat das Jahr, in dem der Film spielt, auf kurz vor den Beginn des Dritten Reichs gelegt, damit nicht "Hitlers politischer Aufstieg die Stimmung beherrscht", aber die demnächst anstehende geschichtliche Zäsur ist durch die bloßen Nennung der Jahreszahl vorweg zu spüren und wegen der im Film eminenten Bedeutung von Macht und Herrschaft durch Ordnungsgewalt von Belang. Der Baronet Sir William McCordle und seine Frau Lady Sylvia (Kristin Scott Thomas) haben auf ihren Landsitz Gosford Park geladen, und alle, alle kommen. Von der snobistischen Countess of Trentham (Maggie Smith) über sämtliche Lords und Ladies, für die die Anwesenheit auf Gosford Park gesellschaftliche Pflicht ist, bis hin zu zwei Amerikanern aus dem Filmschaffenden-Bereich, dem Schauspieler und Sänger Ivor Novello (den es wirklich gegeben hat; gespielt von Jeremy Northam), der an diesem Wochenende Tratsch über den kommerziellen und angeblich künstlerischen Misserfolg seines letzten Films "The Lodger" eines Letzteren umgibt ein Geheimnis, das ihn zu einer der bedeutenderen Figuren des Films machen wird: Über das Geheimnis ist so weit zu sagen, dass Denton eine Stellung im Film einnimmt, die Altmans eigentliches Thema, das Verschwimmen der getrennten Zuordnung zur Belle Etage und zur Lakaienschaft, raumgreifend darstellt. Wie auch Ivor Novellos abendliche Gesangseinlage, während der dann in einer sehenswerten Parallelmontage der Mord geschehen wird - Novello wird zu einem Lied nach dem anderen mehr gezwungen als aufgefordert, obwohl so manch ein Gast sich in Wahrheit aus reinem Snobismus gar nicht daran erfreuen kann -, nur für eins steht: Diese Gesellschaft ist Theater für sich, Novello ist nur ein Protagonist auf einer Bühne, die Zugehörigkeit zur jeweiligen Klasse nur durch Geburt und nicht durch Intelligenz bestimmt. Theater: Das Szenenbild des Films folgt der Logik des englischen "Upstairs/Downstairs"-Prinzips, dem Synonym für die Trennung der beiden Klassen. Unten im Haus ist die Dienerschaft aufgehoben, nie würde sich ein Mitglied der Upper Class dorthin verirren, umgekehrt ist den Lakaien der Aufenthalt oben nur bei der Ausübung von Pflichten erlaubt.
Die dualistische Aufteilung findet sich bis in die Besetzungen hinein: Sowohl zwei geadelte Schauspielerinnen wie zwei geadelte Schauspieler, die Dames Maggie Smith und Eileen Atkins genauso wie die Sirs Michael Gambon und Derek Jacobi spielen jeweils zwei Diener wie zwei Mitglieder der Upper Class. Viele Schauspieler von Weltformat, viele Schauspieler-Legenden, viele Schauspieler allgemein weiß Regisseur Robert Altman stets in seinen Filmen gleichberechtigt zu einem Ensemble zu vereinen. Es ist das Markenzeichen des Altmeisters geworden, dass er diese gigantische Menge Stars zu handhaben weiß und diese die stets genauso üppig veranlagte Handlung ohne Qualitätseinbuße tragen. Kein Schauspieler wirkt unterfordert, nicht in den Klassikern "M.A.S.H", nicht in "Nashville", "Eine Hochzeit" oder "Short Cuts". Und so auch hier nicht, in dem gesellschaftlichen Mikrokosmos des englischen Adels, den Altman sich für "Gosford Park" ausgesucht hat, in seinem Abgesang auf die Standesunterschiede; einem Film, dem man zuweilen Langatmigkeit vorwerfen muss. Monarchy in the U.K., in seiner Auflösung begriffen: Ein Film mit der Thematik des Verfalls der Klassenzugehörigkeit kommt ausgerechnet in den Tagen in die deutschen Kinos, in denen Queen Elizabeth II. ihr 50. Thronjubiläum feiert, das so laut wie nie von Rufen nach dem Ende der Monarchie begleitet wird, da das Staatsoberhaupt von United Kingdom sowieso an Macht und Einfluss verloren hat: Einen drastischeren Verweis kann Robert Altman nicht geben. Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) Quelle der Fotos: Ottfilm
Filmdaten Gosford Park (Gosford Park) Regie: Robert Altman; Drehbuch: Julian Fellowes nach einer Idee von Robert Altman und Bob Balaban; Produzenten: Robert Altman, Bob Balaban, David Levy; Ausführende Produzenten: Jane Barclay, Sharon Harel, Robert Jones; Co-Produzenten: Jane Frazer, Joshua Astrachan; Kamera: Andrew Dunn; Schnitt: Tim Squyres; Produktionsdesigner: Stephen Altman (Sohn von Robert Altman); Musik: Patrick Doyle; Kostüme: Jenny Beavan; Casting: Mary Selway; USA 2001, Länge: 137 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Vertrieb von United International Pictures und im Verleih von ottfilm; Film-Homepage: http://www.gosfordpark.de
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