25.10.2017
Ein Film wie ein Trip

Good Time


Good Time: Filmplakat Der Filmtitel "Good Time" ist pure Ironie: Es sind schlechte, ganz schlechte Zeiten für Constantine, genannt Connie (Robert Pattinson). Ein Bankraub ist dem jungen Gauner zwar geglückt, aber nur ihm gelingt danach die Flucht. Seinen geistig behinderten Bruder Nick (Benny Safdie), den Connie für den Überfall missbrauchte, hat die Polizei geschnappt. Um seinen Bruder zu befreien, wagt Connie viel. Für ihn beginnt eine nächtliche Odyssee ins Ungewisse.
"Good Time" ist grandioses Erzählkino, die Regie-Brüder Safdie erfinden immer neue gelungene Wendungen. Connies Irrfahrt zelebrieren sie dazu als einen Trip, verbunden mit hämmernden Beats und gewöhnungsbedürftigen Nahaufnahmen, selten sieht der Zuschauer Filmfiguren in der totalen oder halbtotalen Kameraeinstellung. Hauptdarsteller Pattinson hingegen nutzt seine Chance nicht, aus dem Schatten der "Twilight"-Filme herauszutreten, er hat nur eine Gesichtseinstellung drauf. Aber auch dies könnte man so erklären: Die Probleme seiner Figur lassen nicht viele Emotionen zu.

Ein weiterer Film im New Yorker Großstadtganoven-Milieu, und nicht der schlechteste: "Good Time" zeigt den Asphalt-Dschungel pur. Der Film beginnt zwar mit der Hochglanz-Architektur Manhattans im Anflug auf den weltberühmten Stadtteil, zeigt aber im Verlauf des Films immer schmuddeligere, abstoßendere Seiten der Weltstadt New York. In einem klinisch sauberen Raum kümmert sich ein Therapeut um Nick. Das Gespräch verläuft, wie das Gespräch eines Therapeuten mit einem geistig Behinderten verläuft, normal. Bis Connie das Zimmer stürmt und Stress macht. Von diesem Augenblick an wird Connie immer unter Stress stehen, sich oft mühsam beherrschend. Der junge Mann und sein Bruder begehen einen Banküberfall. Der Zuschauer ahnt mittlerweile: Nick macht ungewollt mit. Die Polizei kriegt ihn, Connie entkommt. Für Letzteren wird der Tag lang. Denn er versucht, seinen Bruder zu befreien. Es wird ihm gelingen – und auch wieder nicht.

Good Time: Robert Pattinson Die Brüder Benny und Josh Safdie, von denen Benny den behinderten Nick spielt, haben sich einiges für die Handlung und den Stil, mit dem sie wiedergegeben wird, erdacht. Lohn für die Anstrengungen und Ideen: die Einladung in den Wettbewerb von Cannes 2017; der Soundtrack gewann einen Preis. Originell ist der Film allein schon durch Nahaufnahmen – es gibt fast nur sie –, die in kräftige Farben getaucht sind, und durch die begleitenden Beats, die gut die aufgepeitschte Stimmung Connies demonstrieren. Aber der Film erzählt auch druckreif, er könnte 1:1 eine Novelle sein; er erzählt so, dass das Interesse des Zuschauers nie nachlässt. Die Botschaft von "Good Time" ist das althergebrachte "Verbrechen lohnt nicht", denn Connie hat alle Mühe, um seinen Bruder zu kämpfen. Und um sich selbst.

Wer sich auf die ungewöhnliche Erzählweise als Trip mitsamt noch ungewöhnlicheren Kameraeinstellungen einlässt, kann dem Film eine Menge abgewinnen. Schade, dass der Film irgendwann unvermutet endet, er könnte länger sein, mit weiteren Einfällen. Aber der Schluss des Films, der Abspann läuft schon, überrascht mit Kritik am Umgang mit geistig behinderten Menschen, die von den Therapeuten ersichtlich wie Kleinkinder behandelt werden.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: temperclay Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Good Time (Good Time) 
 
USA 2017
Regie: Benny & Josh Safdie;
Darsteller: Robert Pattinson (Connie Nikas), Benny Safdie (Nick Nikas), Taliah Lennice Webster (Crystal), Jennifer Jason Leigh (Corey Ellman), Barkhad Abdi (Wachmann im Vergnügungspark), Necro (Caliph), Peter Verby (Peter, der Psychiater), Saida Mansoor (Agapia Nikas), Gladys Mathon (Annie), Rose Gregorio (Loren Ellman) u.a.;
Drehbuch: Ronald Bronstein, Josh Safdie; Produzenten: Sebastian Bear-McClard, Oscar Boyson, Terry Dougas, Paris Kasidokostas Latsis; Kamera: Sean Price Williams; Musik: Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never; Schnitt: Ronald Bronstein, Benny Safdie;

Länge: 101,29 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der temperclay Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 2. November 2017



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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