02.04.2015

Gojoe

Dunkle Zeiten im alten Japan. Es herrscht Krieg, und während der geschlagene Genji-Clan sich auf dem Rückzug befindet, versucht der Heike-Clan in Kyoto seine Macht zu festigen. Angst geht um, denn Nacht für Nacht werden Heike-Soldaten getötet, von einem Dämon, so heißt es, der an der Gojoe-Brücke lauert. Überaus trefflich, dass Musashibo Benkei (Daisuke Ryu), der das Schwert Dämonentöter führt, in die Gegend zurückkehrt. Nachdem in einer Nacht eine ganze Armeeeinheit ausgelöscht worden ist, schmiedet der Heike-Clan Pläne, Benkei für sich zu gewinnen und ihn zum Kampf gegen den Dämon zu bewegen.

Ein Samurai-Epos ist nicht unbedingt die Art von Film, die man von Sogo Ishii erwartet. Der Regisseur dürfte in Deutschland am ehesten bekannt sein für "Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb" (1984), eine äußerst schrille Gesellschaftssatire, deren Sonderstellung in der japanischen Filmgeschichte unter anderem darin besteht, an einem Tabuthema gerührt zu haben: den nicht aufgearbeiteten Kriegsverbrechen des japanischen Militärs im Zweiten Weltkrieg. Auf überdrehten Humor verzichtet Ishii in "Gojoe" völlig. "Gojoe" definiert sich über seine Atmosphäre, eine unheilschwangere Stimmung, die früh einsetzt und lange aufrechterhalten wird, obwohl die Gefahr, die Soldaten wie Zivilisten bedroht, menschgemacht ist und nicht von übernatürlichen Kräften ausgeht. Wie sich schnell zeigt, treibt nicht etwa ein Dämon sein Unwesen, sondern drei Menschen mit Dämonenmasken ziehen mordend durch die Nacht. Die Identität des Dämons und seiner Begleiter ist bald geklärt, ebenso die Frage, was es mit dem scheinbaren Plünderer Tetsukichi auf sich hat. Nach einem Drittel seiner Laufzeit hat der Film keine größeren Überraschungen mehr zu bieten und beschränkt sich darauf, auf die unvermeidliche letzte Konfrontation hinzusteuern - und nebenbei sein mit Ausnahme des Protagonisten Benkei reichlich eindimensionales Personal zu dezimieren.

Was den Handlungsverlauf betrifft, mögen die Überraschungen fehlen, aber in anderer Hinsicht kann "Gojoe" sehr wohl überraschen. Zum einen wäre die Hauptfigur hervorzuheben. Benkei, ein einstmals gewalttätiger Mensch, wurde von einem buddhistischen Mönch auf den rechten Pfad gebracht. Benkei hat der Gewalt abgeschworen, weicht Auseinandersetzungen wiederholt aus. Entschlossen ist er, den Dämon will er besiegen. Kämpfen will er nicht. Der Protagonist des Films entspricht keineswegs dem Klischee des Kriegers, der zurückgezogen lebt, vergeblich um Hilfe gebeten wird und dann - nachdem ein Freund, ein Angehöriger, ein Unschuldiger sterben musste - seine Meinung ändert, noch einmal zur Waffe greift und fortan höchst effektiv gegen das Böse ankämpft. Auge in Auge mit dem Feind ist Benkei unschlüssig, zweifelt, ob seine Vorgehensweise die richtige ist. Eine zufriedenstellende Lösung findet er nicht, und als Actionheld eignet er sich nur bedingt.

Zum anderen wirft "Gojoe" beiläufig die Frage auf, inwieweit die buddhistischen Lehren für Menschen in Not hilfreich sind? Ein klein wenig an vermeintlich unumstößlichen Werten rütteln, dazu ist Ishii gerne bereit. Angesichts der Dämonengefahr versagen spirituelle und säkulare Führer gleichermaßen, und wenn nicht die Welt, so droht doch zumindest ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft in Barbarei zu verfallen. Es erstaunt, wie viel Freiraum dem Regisseur im Rahmen eines Genrefilms bleibt, zumal es sich bei "Gojoe" um eine sicher nicht niedrig budgetierte Produktion handelt.

Für eine überschaubare Genregeschichte, die in ihrer Ausgangssituation an den ersten Teil der Beowulf-Dichtung erinnert, nimmt Ishii sich viel Zeit. Von Perfektion ist sein Film weit entfernt. Ishii mag sich am ernsten Jidai-geki orientieren, seine Bildkompositionen sind jedoch weniger kunstvoll als die der klassischen Samuraidramen. Das Produktionsjahr macht sich bemerkbar, wenn sporadisch eingestreute Computereffekte der ersten Generation zum Störfaktor geraten. Drastische, comicartig überzeichnete Actionszenen unterstreichen, wie wenig die Soldaten und Gesetzlosen gegen Kämpfer auszurichten vermögen, die alle Menschlichkeit hinter sich gelassen haben. Allein in Benkeis Hand liegt es, den menschlichen Dämon zu bezwingen. In einem durchstilisierten Finale kämpfen die beiden Kontrahenten miteinander auf der Gojoe-Brücke, der Höllenbrücke. Der Täter, der im Krieg Frauen und Kinder getötet hat und seine Taten aufrichtig bereut, und das Opfer, das längst zum Täter geworden ist. Dämonen sind sie beide.  

Marcus Gebelein / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Gojoe
(Gojoe / Gojo reisenki: Gojoe)

Japan 2000
Regie: Sogo Ishii;
Darsteller: Tadanobu Asano (Shanao), Masatoshi Nagase (Tetsukichi), Daisuke Ryû (Benkei), Masakatsu Funaki (Tankai), Jun Kunimura (Suzaku-hougan), Urara Awata (Asagiri) u.a.;
Drehbuch: Sogo Ishii, Goro Nakajima; Produktion: Takenori Sentô; Kamera: Makoto Watanabe; Musik: Hiroyuki Onogawa; Schnitt: Shûichi Kakesu;

Länge: 138 Minuten; deutscher Kinostart: keiner



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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