17.10.2010
Johann Goethes Lehrjahre

Goethe!


Goethe!: Alexander Fehling "Lecket mich" schreibt der junge Mann tanzend in den Schnee, nachdem er durch die Doktorprüfung fliegt. Und zitiert dabei sein zu dem Zeitpunkt abgelehntes Drama "Götz von Berlichingen". Statt auf den uns wohlvertrauten alten Goethe wirft Regisseur Philipp Stölzl einen Blick auf den Jungspund, als der noch lange nicht der Dichterfürst, der wichtigste deutsche Schriftsteller war. Stölzls Goethe, überzeugend dargestellt von Alexander Fehling, ist in diesem Film zunächst einfacher Praktikant, besäuft sich gerne, nimmt sogar mal in Form von Tollkirschen Drogen - und verliebt sich unglücklich. Der Perspektivwechsel auf einen zunächst überhaupt nicht erfolgreichen Goethe ist interessant, aber dem in Filmen so häufig behandelten Thema ménage à trois kann Stölzl nichts Neues abgewinnen.

Sein vielleicht berühmtester Roman ist "Die Leiden des jungen Werther" (oder auch: "Die Leiden des jungen Werthers", 1774). Wie viele andere Schriftsteller hat auch Johann Wolfgang von Goethe, da noch ohne "von", sich vom eigenen Leben inspirieren lassen, um dieses Buch zu schreiben. Seine Liebe zu Lotte Buff, die damit endete, dass sie einen anderen heiratete, fand durch den "Werther" Eingang in die Weltliteratur, nicht einmal den Vornamen der Geliebten änderte er im Roman. Auch den Freitod der Titelfigur übernahm Goethe aus der Wirklichkeit: Ein Freund namens Karl Wilhelm Jerusalem nahm sich wegen nicht erwiderter Liebe das Leben.

Der "Werther" wurde bereits auf die Leinwand übertragen. Bislang nicht verfilmt wurden Goethes Lehrjahre in Wetzlar, wo er 1772, 23 Jahre alt, Praktikant am Reichskammergericht wurde und sich in Lotte, Verlobte seines Kollegen Johann Christian Kestner, verliebte. Regisseur Philipp Stölzl ("Baby", "Nordwand") erzählt nun die frühen Lebens- und Liebeserfahrungen des größten deutschen Dichters auf der Leinwand nach, mit Alexander Fehling in der Rolle des jungen Goethe, Newcomerin Miriam Stein als Lotte, Moritz Bleibtreu als Kestner und Volker Bruch als Jerusalem.

Goethe!: Filmplakat Literaturwissenschaftler, vor allem die Goethe-Kenner, werden aufschreien: Bei Philipp Stölzl lernt Lotte Buff ihren späteren Ehemann Kestner fast zeitgleich mit Goethe kennen – in Wirklichkeit waren sie schon vier Jahre verlobt, als Goethe in deren Leben trat. Im Film lässt Lotte den "Werther" als Buch herausgeben; stattdessen hat Goethe den Roman als Katharsis genutzt, Gedanken an Freitod vertrieben und selbst seinen Text einem Verleger vorgelegt. Und es gab auch kein Duell zur Satisfaktion Kestners, wie der Film behauptet, mit anschließender Verwahrung Goethes im Kerker. "Dichtung und Wahrheit", wie die Autobiographie Goethes um die 40 Jahre später heißen wird, als zwei einander gegenüberstehende Begriffe, Stölzl erlaubt sich Freiheiten. Warum auch nicht. Solche gestalterischen Elemente dramatisieren den Stoff, ohne die eine 1:1-Nacherzählung der "Wahrheit" wohl zu fade ausgefallen wäre. So wird Goethe nicht nur zum tragischen Helden, sondern zu einer fast punkigen Pop-Ikone, die den Zuschauer womöglich zum angestaubten Bücherschrank greifen lässt, um zu lesen, was der gesellschaftliche Außenseiter so geschrieben hat. Und Darsteller Alexander Fehling tut sein Bestes, um die Filmfigur bemerkenswert zu machen. Ebenso wie die als Lotte Buff auf der Leinwand debütierende Miriam Stein, deren Nachname passenderweise genauso lautet wie der einer Freundin Goethes, Charlotte von Stein, deren enge Beziehung zueinander in ihrer Tragweite nie exakt geklärt worden ist. Moritz Bleibtreu, eben noch Joseph Goebbels in "Jud Süß – Film ohne Gewissen", spielt Kestner perfekt als biederen Vorgesetzten Goethes, der musisch nicht interessiert ist und dadurch fast bei Lotte scheitert, bis ausgerechnet Goethe ihn rettet und sich die eigenen Chancen bei Lotte verbaut. Dies ist ein Einfall der Drehbuchautoren, der in seiner Dramaturgie so vorhersehbar ist wie der ganze Film in seinen Einzelheiten. Denn die ménage à trois, die Dreiecksbeziehung Goethe, Lotte, Kestner ist auf der Leinwand nicht neu, sogar schon in "Werther"-Filmen thematisiert, oder in "Effi Briest", Theodor Fontanes Roman und dessen Verfilmungen: Ähnlich wie Baron Innstetten um die Hand Effis hält Kestner um die Lottes an und wird vom Vater des Mädchens verkuppelt: Es geht ums Geld und ums Ansehen, die durch die Heirat gewonnen werden. Zweckehen wie nun hier in "Goethe!" – Lotte rettet ihre Familie aus der Armut – sind althergebracht und langweilen den Zuschauer regelrecht, weil Stölzl es nicht anders darstellt als in den genannten, älteren Filmen. Er kann dem Thema keine neue Nuance beifügen, es wirkt antiquiert, jetzt noch einmal diese Thematik anzuschneiden.

Goethe!: Alexander Fehling, Miriam Stein Aber was von diesem Film bleibt, sind schöne Landschafts- und Stadtaufnahmen und ein strahlender Held: "Goethe rockt" war der ursprüngliche Filmtitel. Daraus wurde "Goethe" mit Ausrufezeichen, welches sowohl für die Anrede oder gar Beschimpfung eines Unangepassten steht als auch dafür, dass dieser noch nicht erfolgreiche Goethe mit seiner jugendlichen Rebellion dem Zuschauer eine perfekte Identifikationsmöglichkeit bietet, ja ihn in seinen Bann schlägt: Goethe rockt wirklich.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Goethe!   
 
Deutschland 2010
Regie: Philipp Stölzl;
Darsteller: Alexander Fehling (Johann Goethe), Miriam Stein (Lotte Buff), Moritz Bleibtreu (Albert Kestner), Volker Bruch (Jerusalem), Burghart Klaußner (Lottes Vater), Henry Hübchen (Johanns Vater), Hans-Michael Rehberg (Gerichtspräsident Kammermeier), Linn Reusse (Anna Buff) u.a.;
Drehbuch: Philipp Stölzl, Christoph Müller, Alexander Dydyna; Produktion: Senator Film, deutschfilm in Co-Produktion mit Warner Bros. Film Productions Germany, SevenPictures, Erfttal Film, Goldkind Film, HerbX Film, Summerstorm Entertainment, Magnolia Filmproduktion, CC Medien; Produzenten: Christoph Müller, Helge Sasse; Co-Produzenten: Anatol Nitschke, Stefan Gärtner, Joachim Kosack, Klaus Dohle, Sven Burgemeister, Michael Bully Herbig, Christian Angermayer, Nina Bohlmann, Babette Schröder, Matthias Triebel; Producer: Alexander Dydyna; Co-Producer: Markus Reinecke; Kamera: Kolja Brandt; Musik: Ingo L. Frenzel; Schnitt: Sven Budelmann;

Länge: 99 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros. Pictures Germany; deutscher Kinostart: 14. Oktober 2010



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<17.10.2010>


Zitat

"Filme Deine Morde wie Liebesszenen, und filme Deine Liebesszenen wie Morde."

("Film your murders like love scenes, and film your love scenes like murders.")

Regisseur Alfred Hitchcock

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