18.04.2011
"Happiness why do You have to stay so far away ... from me?"
("Glück, warum hältst Du dich von mir so fern?")

Glücksformeln


Glücksformeln: Wiebke Lüth und Marc A. Pletzer (beide 45 Jahre) versuchen, ihre Sinneswahrnehmung mit NLP positiv zu verändern (Text und Foto: Universum Film) Vielleicht war es einfach der falsche Tag. Wer in schlechter Stimmung ist, wird automatisch sensibel für die negativen Aspekte seines Umfelds, erklärt "Glücksformeln" zu Beginn. Die einleitende Erklärung gleicht einer vorsorglichen Rechtfertigung von Larissa Trüby. Wer das Kinodebüt der deutschen Regisseurin aus filmischer Sicht für das Gegenteil ihres Titels hält, war womöglich einfach schlecht drauf. Um den euphemistischen Dokumentarfilm zu schätzen, muss man dennoch geradezu in Hochstimmung sein. Unsere Kritikerin Lida Bach hielt sich beim Kinobesuch nicht an die Vorgabe.

Die Reportage beginnt mit einem doppelten Allgemeinplatz. In guter Stimmung nimmt man auch sein Umfeld positiver wahr, berichtet der Hintergrundkommentar. Dazu Aufnahmen von Menschen, die über den sonnigen Potsdamer Platz laufen. Diejenigen, die hetzen, sehen Obdachlosigkeit, schlechte Nachrichten in den Zeitungen, frustrierenden Alltagstrott. Diejenigen, die schlendern, nehmen das schöne Wetter, die Lebendigkeit und Genussmittel war. Die fröhlichste Perspektive scheint die eines spielenden Kindergartenkindes. Das Soziale, die Bettler, den Lärm und die Katastrophenmeldungen in den Schlagzeilen blendet es einfach aus. Seine Weltsicht übernimmt Trüby in ihrer naiven Reportage über das Glück. Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet.

Glücksformeln: Können Erwachsene überhaupt glücklich sein? Für Luis Boschmann (11 Jahre) ist das schwer vorstellbar (Text und Foto: Universum Film) Der jüngste Protagonist Luis ist der erste und einer der letzten, die über Glück sprechen. Mit seiner augenscheinlich intakten Familie lebt er in einem eigenen Haus in einem pittoresken Waldstück. Trüby zeigt gern malerische Häuser, auf Almen, an der Küste, in gepflegten Wohnanlagen. Ihre Reportage besitzt ein Gespür dafür, die Häuser und ihre Bewohner noch etwas malerischer und perfekter erscheinen zu lassen, als sie es womöglich tatsächlich sind. Doch der Blick eines Wissenschaftlers auf die "World Data Base of Happiness" bestätigt, dass die Deutschen auf einer Skala von eins bis zehn einen Glückswert von 7, 2 erreichen. Dem Film Realitätsferne vorzuwerfen, wäre also völlig ungerechtfertigt. Irgendwoher müssen die ganzen Leute ja kommen, die den Durchschnittswert nach oben treiben. Obwohl man selbst bei Glücksumfragen hartnäckig die Null ankreuzt.

Einwohner von Entwicklungsländern hingegen sind in Glückseligkeit weit abgeschlagen. "Manche von denen haben so viele Sorgen, dass sie sich nur selbst unglücklich machen", bemerkt ein Glücksforscher. Selber schuld, wenn man nicht die positive Seite der Welt sehen kann, wie es die Dokumentation aufzeigt: "Ich bin arbeitslos. Aber zum Glück hat meine Frau eine Arbeit." Über solche vertrauten Fakten gelangt "Glücksformeln" nicht hinaus: Spaß bei der Arbeit, der Freizeit und im Bett macht fröhlich. Der Weg ist das Ziel. Alles eine Frage der Perspektive. Letzte kann sich drastisch wandeln, hat man wie ein ehemaliger Fabrikangestellter "echtes Elend" gesehen. Großer Reichtum störe ihn manchmal, sagt er. Ganz besonders stört er in einer Reportage, die großen Reichtum als alleinige Realität darstellt.

Glücksformeln: Seit 45 Jahren ein Paar: Martin und Margarete Hofer (beide 71 Jahre) empfinden Glück beim Wandern (Text und Foto: Universum Film) Die Interviews lassen Forscher, die sich mit Glück beschäftigen, und Menschen, die es gefunden haben, zu Wort kommen. Unglückliche nicht. Wer "Glücksformeln" nicht gefunden hat, kann ja über das Glück nichts wissen, oder? Die Anfangsszene ist die erste von zahllosen sonnigen Aufnahmen. Nie verdunkelt eine Wolke den blauen Himmel oder die inszenatorische Perspektive. Und selbst wenn, ist da nicht gleich ein Lichtstrahl am Horizont? Selbst die Kinderaugen des elfjährigen Luis sieht die Zukunft nicht so strahlend aus, wie in dem verbrämten dokumentarischen Blick. Als Erwachsener plagt man sich mit "Steuern, irgendwas überweisen und dann auch noch einkaufen gehen". Dinge, die Geld erfordern. Geld scheint die Grundlage des Glücks der Protagonisten.

Dafür kennt zumindest Luis tolle kostenlose Alternativen zu einem Kinobesuch: "mit dem Hund spazieren gehen, Freunde besuchen, einen Freund zum Fußball bringen..." Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere gibt es Visa-Card.  

Lida Bach  / Wertung:  * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Universum Film

 
Filmdaten 
 
Glücksformeln  
 
Deutschland 2010
Regie & Drehbuch: Larissa Trüby;
Produktion: Carolin Dassel, Dirk Hamm, Joseph Reidinger, Larissa Trüby; Kamera: Stefan Karle, Alexander Gheorghiou sowie ferner Kilian Blees, Felix Greif und Sam Spence; Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Bruce Winter; Schnitt: Nikola Gehrke;

Länge: 87 Minuten; ein Film im Verleih von Universum Film; deutscher Kinostart: 14. April 2011



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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