01.01.2018

Glück

Zwei junge Menschen, die auf je eigene Weise abseits der gesellschaftlichen Norm leben, finden in Doris Dörries Liebesgeschichte glücklich zusammen. Irina (Alba Rohrwacher) floh vor einem Bürgerkrieg aus ihrem osteuropäischen Heimatland und schlägt sich ohne Aufenthaltsgenehmigung in Berlin als Prostituierte durch. Der Berliner Punker Kalle (Vinzenz Kiefer) hingegen ist aufgrund familiärer Probleme von zu Hause abgehauen und schnorrt sich mit seinem Hund auf der Straße durch. Im Grunde fehlt beiden die Perspektive fürs weitere Leben, zumal sie auf der Welt scheinbar niemanden als sich selbst haben. Was sowohl Irina als auch Kalle abhanden gekommen ist, darauf verweist bereits der Titel: Es ist das Lebensglück. Ein Glück also, dass die Außenseiter auf den Berliner Straßen zueinander finden und eine große Liebe ihren Anfang nimmt, die beide vor ihren Lebensproblemen rettet.

Der neue Liebesfilm von Doris Dörrie basiert auf einer Kurzgeschichte des Erfolgsautors Ferdinand von Schirach und feierte seine Weltpremiere auf der Berlinale 2012. Ein typischer Festivalfilm ist "Glück" indes keineswegs, denn dafür tendiert die Drehbuchadaption von Doris Dörrie viel zu sehr zum Vereinfachen, zur inhaltlichen Eindeutigkeit und zu abgeschlossenen Wertungen. Die romantische Erzählung kommt als Folge ohne großartige Zwischentöne aus und fordert das Publikum allenfalls zum emotional aufgewühlten Mitfiebern, nie aber zum eigenständigen Denken auf. Doch es ist nicht nur das alles erklärende Drehbuch, das "Glück" zum harmlosen und allzu eingängigen Filmerlebnis macht, sondern ebenso die bevormundende filmische Umsetzung desselben. Doris Dörrie nutzt beispielsweise einen kaum abbrechenden Klangteppich, um jedwede Gefühlsregung ihrer Hauptfiguren offensiv herauszustellen, und verlässt in Bezug auf die Darstellung der seelischen Nöte der Liebenden, die mit ihren Ängsten und Verletzungen umzugehen lernen müssen, kaum das Niveau eines routinierten Groschenromans.

Bezeichnend für die zugekleisterte Inszenierung ist bereits der dramatische Prolog, der die Erlebnisse Irinas im Bürgerkrieg thematisiert. Mit elegischen Zeitlupenaufnahmen zeichnet Dörrie das glückliche Miteinander der einfachen Leute, das gemeinsame Baden im See und die Verbundenheit mit der Natur. Alles ist gut: In Zeitlupe fließt goldener Honig aus einem Einmachglas und eine handgestrickte Tischdecke mit Schäfchenmuster steht symbolisch für das Glück der familiären Geborgenheit. Als Soldaten die Gegend besetzen, nimmt das Unglück rasch seinen Lauf: Irina kommt nach Hause, findet die Leichen ihrer Eltern auf dem Boden und die Soldaten vergewaltigen die junge Frau auf dem Küchentisch – selbst hier wählt Doris Dörrie Zeitlupenaufnahmen und entrückt die Brutalität der Vergewaltigung mit dramatischer Musik ins Traumhafte. Zwei Szenen weiter steht Irina mit einer blonden Perücke am Berliner Straßenrand und verkauft ihren Körper. Als Figur greifbar geworden ist die Frau bisher jedoch kaum: Ihre ganze Hintergrundgeschichte bleibt eine oberflächliche, reichlich triviale Behauptung.

Überhaupt ist es vor allem die plakative Oberfläche, mit der Doris Dörrie in "Glück" arbeitet. Die Liebesgeschichte zwischen der emotional gestrandeten Ausländerin ohne Papiere und dem arbeitslosen Punker von der Straße bewegt sich durch eine Anhäufung symbolisch aufgeladener Bilder und kommt einer Reihung rührender Szenen gleich. Das Konfliktpotenzial liegt zunächst innerhalb der Beziehung, da es den Liebenden aufgrund ihres bisherigen Lebens fast unmöglich geworden ist, Vertrauen aufzubauen und zuzulassen, und kulminiert schließlich in einem Konflikt mit dem Gesetz, dem eine in der Bilderwelt des Films recht irritierende und blutige Szene vorangeht. An dieser Stelle springt dann ein von Matthias Brandt dargestellter Anwalt mit Herz in die Presche, der die große Liebe zwischen Irina und Kalle erkennt und einem glücklichen Ausgang den Weg bahnt.

Trotz der glatten Erzählweise, die mehr als einmal dem Kitsch frönt, ist Doris Dörrie mit "Glück" immerhin solides Erzählkino für den Vorabend gelungen, und eine Romanze unter tragischen Vorzeichen, die wenigstens zu keiner Zeit langweilig ist. Daher findet das Drama bestimmt sein Publikum, zumal der verwegene Punker mit den stechend blauen Augen und die mit ihren Gefühlen ringende "Pretty Woman" aus dem Bürgerkrieg in aller Deutlichkeit Probleme austragen, die noch jede Liebesbeziehung in der einen oder anderen (natürlich abgemilderten) Form angehen. Doris Dörrie baut aus dem eigentlich in der Alltagsrealität fußenden Stoff ein poetisch gemeintes Rührstück, das bigger than life daherkommt und mal mehr, mal weniger gelungen ins Märchenhafte tendiert. Das ist freilich ihr gutes Recht und als tränenreiches, gut gespieltes Liebesdrama mit einigen Wendungen funktioniert "Glück" auch – zum tiefergehend packenden Filmerlebnis fehlen aber jene Ecken und Kanten, die einer wirklich ergreifenden (Kino-)Liebelei das Profil verleihen.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Glück


Deutschland 2012
Regie: Doris Dörrie;
Darsteller: Alba Rohrwacher (Irina), Vinzenz Kiefer (Kalle), Matthias Brandt (Noah Leyden), Oliver Nägele (Herr W.), Maren Kroymann (Staatsanwältin), Christina Große (Laura Leyden), Paraschiva Dragus (Lisa), Margarita Broich (Punk-Frau) u.a.;
Drehbuch: Doris Dörrie nach der Vorlage von Ferdinand von Schirach; Produzent: Oliver Berben; Kamera: Hanno Lentz; Musik: Hauschka; Schnitt: Frank Müller, Inez Regnier;

Länge: 111,32 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 23. Februar 2012



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"Robby Müller hat das Handwerk und die Kunst der Kameraführung und des Lichtsetzens erneuert und vorangetrieben. Er konnte wie kaum ein anderer in seinen Bildern Stimmungen erfassen und Zustände beschreiben, die mehr über Charaktere erzählten als Dialoge und dramaturgische Strukturen. Er wusste, wie man für eine Geschichte und einen Film ein ganz eigenes Klima erzeugt, in dem seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes 'gut aufgehoben' waren. Für eine Handvoll Filmemacher war er der wichtigste Wegbegleiter."

Regisseur Wim Wenders zum Tode des Kameramanns Robby Müller (04.04.1940 - 03.07.2018)

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