01.06.2022

Glück auf einer Skala von 1 bis 10

Bedeutende Werke zu zitieren ist nicht das Gleiche, wie sie praktisch umzusetzen. Das gilt für Filme genauso wie für altväterliche Philosophen. Zweite sind in Form von Büchern, Bildern und vor allem Dialogen quasi omnipräsent in Alexandre Jolliens dreifachem Debüt als Drehbuchautor, Co-Regisseur und Hauptdarsteller eines hollywoodisierten Alter Egos. Der physisch gehandicapte Fahrradkurier Igor (Jollien) ähnelt durch seine Distanzlosigkeit und Übergriffigkeit, die als amüsante Herzlichkeit dargestellt werden, einer Manic Pixie Dream Version des Kino-Klischees behinderter Menschen. Dass Igors aufgezwungene Freundschaft Workaholic Louis (Bernard Campan) zu einem besseren, glücklicheren Menschen machen wird, stellt schon die Prämisse des derivativen Plots klar.

Auf einem Rain Man Road Trip nach Italien lernt der in seiner Arbeit vergrabene Bestatter sich die Nonchalance seines lebenshungrigen Reisebegleiters anzueignen. Igor verdankt seine körperlicheren Befreiungserlebnisse hingegen Louis' spendabler Souveränität. Nicht nur dieser Umstand offenbart das mangelnde Bewusstsein für intersektionale Diskriminierung und relativer Privilegien. Dass beider Abenteuer auf ihrem eigenen Status und mit augenscheinlich unbegrenzten Geldmitteln beruht, ignoriert das auch privat befreundete Regie-Duo ebenso die Geringschätzung und Objektivierung weiblicher Figuren. Noch unglaubwürdiger als die generische Story wirkt die Toleranzbotschaft des Loblieds darauf, wie ein überprivilegierter Cis-Mann lernt, mit Egozentrik und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit seine Privilegien noch mehr zu genießen.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Glück auf einer Skala von 1 bis 10
(Presque)

Schweiz/Frankreich 2021
Regie: Bernard Campan, Alexandre Jollien;
Darsteller: Bernard Campan, Alexandre Jollien, Tiphaine Daviot, Julie-Anne Roth, La Castou, Marie Benati, Marilyne Canto, Anne-Valérie Payet, Sofia Manousha, Marie Petiot, Laëtitia Eïdo, Maurice Aufair, Roméo Henchoz, Joachim Chappuis, Annie Christ, Catherine Guggisberg u.a.;
Drehbuch: Bernard Campan, Marine Autexier, Helene Gremillon; Produzent: Philippe Godeau; Kamera: Christophe Offenstein; Musik: Niklas Paschburg;

Länge: 92,19 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 2. Juni 2022



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"Alle Kinder lächeln über die Ansichten ihrer Eltern - bis sie selbst Eltern geworden sind."

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