11.06.2019

Ghosted (2009)

In der Regel begegnen uns Geister im Kino in einschlägigen Mystery- und Gruselfilmen. Insbesondere das asiatische Kino hat das Motiv in den letzten Jahren mit Filmen wie "The Eye" oder "Ring" zu neuen Blüten getrieben. Nun greift die deutsche Regisseurin Monika Treut das Thema auf und verbindet es in ihrem Film "Ghosted" mit westlichen Motiven. Dabei hat sie keinen Gruselfilm im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine subtile und genau beobachtete Charakterstudie entworfen, eine Parabel über den Verlust eines geliebten Menschen und – gleichsam nebenbei, auf der Metaebene – einen Film über das Kino.

Die Hamburger Videokünstlerin Sophie (Inga Busch) verliebt sich in die taiwanesische Schönheit Ai-Ling (Ke Huan-Ru). Die beiden leben eine zeitlang in Hamburg zusammen, bis Ai-Ling unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt. Sophie, die den Verlust nur langsam verkraftet, reist nach Taipeh und präsentiert auf einer Ausstellung Fotos und Videoaufnahmen ihrer verstorbenen Freundin. Dort trifft sie auf eine Journalistin, die mehr über Ai-Lings Tod erfahren möchte und zunehmend als eine Wiedergängerin der Verstorbenen erscheint...

"Ghosted", eine deutsch-taiwanesische Koproduktion, ist in mehrfacher Hinsicht ein Grenzgänger zwischen fernöstlicher und westlicher Kultur: Der Film wechselt im Rahmen einer pointiert arrangierten, sich stetig kommentierenden Rückblenden-Struktur zwischen den beiden Handlungsorten Taipeh und Hamburg, die Ästhetik orientiert sich einerseits am europäischen Autorenfilm, andererseits an asiatischen Filmen (etwa denen von Hou Hsiao-hsien) und Treut verbindet das europäische Doppelgängermotiv aus der Romantik mit Geistermythen aus Asien.

Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit sind dabei fließend. Ohne daraus einen großen Sensationseffekt zu machen, lässt Treut beides immer wieder ineinander fallen. Die Video-Aufnahmen der verstorbenen Ai-Ling sind in gewisser Weise Erinnerungsbilder Sophies, visuelle Manifestationen der Vergangenheit. Und so können auch die flüchtigen Geisterbilder gelesen werden: als Erinnerungen.

Durch das doppelbödige Spiel mit den DV-Aufnahmen und Fotografien ist "Ghosted" nicht nur ein Film über Trennungsschmerz, Erinnern und Vergessen, sondern auch ein Film über sich selbst. Monika Treut hat mit einfachen Mitteln ein filmisches Rätsel entworfen, dass in mehrfacher Hinsicht einen Sinn ergibt und stetig auf sich selbst Bezug nimmt. Es liegt beim Zuschauer, sich ein Bild zu machen. Trotz der ästhetischen und thematischen Stringenz lässt Monika Treut ihm dafür genügend Freiraum.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn



Filmdaten

Ghosted (2009)


Deutschland/Taiwan 2009
Regie: Monika Treut;
Darsteller: Inga Busch, Marek Harloff, Jana Schulz, Ke Huan-Ru, Hu Ting-Ting u.a.;
Drehbuch: Monika Treut, Astrid Ströher; Produzent: Chien Li-Fen; Kamera: Bernd Meiners; Musik: Uwe Haas; Schnitt: Renate Ober;

Länge: 92 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 30. April 2009



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Zitat

"It is, what it is."

So kurz kann eine Filmkritik sein. Aus Leonard Maltin's Movie Guide, einem Buch mit kurzen Filmkritiken; der Satz gilt dem Film "Scooby-Doo 2" (2002).

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