20.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Wettbewerb

Genius
- Die tausend Seiten einer Freundschaft


Genius Da steht er im Gang des Verlagsgebäudes von Scribner's Sons und schreit einfach drauflos. Er reißt die Arme in die Luft, geht in die Knie und schreit vor Freude so laut, dass es Verleger Maxwell Perkins noch durch die gemauerten Wände hören kann. Dieser hält inne, für den Bruchteil einer Sekunde vielleicht. Weder verdreht er die Augen, noch seufzt er oder hebt die Augenbrauen. Und lässt den Zuschauer doch unmissverständlich wissen, dass derlei Gefühlsausbrüche absolut nicht seine Sache sind. Ganz im Gegensatz zum gerade von ihm entdeckten Schriftsteller Thomas Wolfe, aus dem alles ungehemmt heraussprudelt: Wörter, Sätze, Gefühle, Meinungen, Urteile. Michael Grandage, bislang der Theaterarbeit zugetan, inszeniert in seinem Filmdebüt eine Arbeits- und Machtbeziehung zwischen zwei Männern, die vor allem von der komplementären Charakterzeichnung und beeindruckenden Schauspielkunst Colin Firths und Jude Laws lebt. "Genius" ist gut gemachte Unterhaltung mit einigen Schwächen – genial ist er nicht.

New York in den Zwanzigerjahren. Es ist das New York von Schriftstellergrößen wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald. Noch kennt niemand Thomas Wolfe. Der steht eines Tages im Büro des Mannes, der den beiden eben genannten zum Durchbruch verhalf, steht immer wieder auf, obwohl er mehrfach aufgefordert wird, Platz zu nehmen, gestikuliert wild und frotzelt missmutig: "Warum schicken Sie mir die Absage nicht per Brief? Ich ziehe es vor, meine Absagen per Brief zu bekommen." Perkins schließlich nutzt eine Lücke im Redeschwall des hypernervösen, gleichzeitig überschwänglichen und doch devoten Schreibers, um ihm mitzuteilen, er wolle ihn unter Vertrag nehmen. Einzige Bedingung: Wolfe soll sein überbordendes, mehr als tausend Seiten umfassendes Skript erheblich kürzen. Mithilfe des Lektors und Verlegers Perkins.

Genius Was folgt, ist ein Ringen um jede Formulierung, ein Kampf um die Daseinsberechtigung von Metaphern, Wortneuschöpfungen, rhetorischen Fragen und ellenlangen Beschreibungen. Dankenswerterweise wird – auf dieser Berlinale keine Selbstverständlichkeit – in diesem Film über literarisches Schaffen tatsächlich literarisches Schaffen thematisiert: Macht eine Streichung den Text wirklich besser? Oder nur anders? Wenn das Gefühl, das beschrieben werden soll, so grell und kraftvoll wie ein Blitz ist – sollte dann nicht auch die Beschreibung des Gefühls kurz und prägnant sein? Verwoben wird die Kunstdebatte mit der Darstellung einer äußerst ambivalenten Beziehung: Thomas Wolfe alias Jude Law ist nach anfänglichem Erfolg seines Romans "Schau heimwärts, Engel" von seiner Grandiosität so überzeugt, dass er sich legitimiert fühlt, allen anderen seine Neurosen aufzuzwingen. Der so zurückgenommene wie der Höflichkeit verpflichtete Max Perkins scheint kaum wahrhaben zu wollen, wie der Exzentriker – wäre er nicht Schriftsteller, würde man sagen: Borderliner – immer mehr Bereiche seines Lebens dominiert. Und deformiert.

Die immer stärker hervortretende Vereinnahmung Maxwells durch Wolfe kritisiert seine Gattin, die gleich beim ersten gemeinsamen Abendessen von Wolfe abgekanzelt wird, weil sie sich als Dramatikerin einer angeblich minderwertigen und der Prosa unterlegenen Gattung verschrieben habe. Das mag – man denke an Grandages bisheriges Schaffen – als selbstreferentielle Ironie gemeint sein, lässt weibliche Kunstproduktion in der dargestellten Welt aber als irrelevant erscheinen. Überhaupt, das Frauenbild! Sowohl die Gattin von Perkins, schlimmer aber noch die Geliebte von Maxwell, Aline Bernstein, gehen zwar eigenen künstlerischen Tätigkeiten nach, definieren sich lediglich über die Aufmerksamkeit, die ihnen die Männer zuteilwerden lassen. Als Wolfe sich immer stärker im gemeinsamen Schaffensprozess mit Maxwell vergräbt, provoziert Aline mit einem hysterisch-theatralischem Suizid-Versuch, und Nicole Kidman muss dieses nach Beachtung heischende Nervenbündel verkörpern. Anstrengend.

Wolfes Selbstüberschätzung gipfelt in einer rohen Beleidigung des Schriftstellerkollegen F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce) – ein spannendes Gegenmodell zu dem dauerpräsenten Drauflosschreiber, dem die Regie durchaus mehr Raum hätte geben können. Perkins verteidigt Scott daraufhin leidenschaftlich: "Wie viel haben Sie heute geschrieben? Tausend Worte? Fünftausend? Wenn er Glück hat, hat er hundert geschafft. Wenn es ein guter Tag für ihn war. Und er muss schreiben, so wie Sie!" Danach schweigt Wolfe endlich, und man atmet erleichtert durch, dass der distinguierte Gentleman Perkins auch mal die Contenance verlieren darf.

"Genius" profitiert vor allem vom Wechselspiel seiner beiden gegensätzlichen Haupt-Protagonisten: Der raumgreifende, narzisstische, laute Megalomane hier, der zurückhaltende, empathische, bescheidene Denker da. Interessanterweise bleibt Colin Firth mit seiner präzisen, zurückgenommenen Spielweise stärker im Gedächtnis als der das Overacting strapazierende Jude Law. Der Plot selbst gibt nicht so viel her: Kunstproduktion (die, die ernst zu nehmen ist) ist selbstverständlich Männersache, ist potenziell toxisch für alle sonstigen Beziehungen – und macht nicht glücklich. Dennoch sehnt man sich gegen Ende des Films nach der "guten alten Zeit", in der der Erstling eines Autors knapp 800 Seiten umfassen durfte – und doch zum Bestseller wurde.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Marc Brenner/Pinewood Films

 
Filmdaten 
 
Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft (Genius) 
 
GB/USA 2016
Regie: Michael Grandage;
Darsteller: Colin Firth (Maxwell Perkins), Jude Law (Thomas Wolfe), Nicole Kidman (Aline Bernstein), Laura Linney (Louise Perkins), Guy Pearce (F. Scott Fitzgerald), Dominic West (Ernest Hemingway) u.a.;
Drehbuch: John Logan; Produzenten: James Bierman, Michael Grandage, John Logan; Kamera: Ben Davis; Musik: Adam Cork; Schnitt: Chris Dickens;

Länge: 104,39 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 11. August 2016



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Der Film im Katalog der Berlinale
<20.02.2016>


Zitat

"Filme Deine Morde wie Liebesszenen, und filme Deine Liebesszenen wie Morde."

("Film your murders like love scenes, and film your love scenes like murders.")

Regisseur Alfred Hitchcock

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