10.03.2011
Der Menschenfeind

Ganz nah bei Dir


Paul hatte Recht. "Wenn Paul etwas nicht passt, zieht er sich einfach in seinen Panzer zurück", weiß Phillip. Will Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Almut Getto in "Ganz nah bei Dir" hier zaghaft eine Seelenverwandtschaft zwischen Paul und Phillip andeuten? Paul ist eine Schildkröte und geradezu extrovertiert verglichen mit seinem Besitzer Phillip. Mit dergleichen aufdringlicher Amateurpsychologie versucht die mittelmäßige Romantikkomödie "Ganz nah bei Dir" hartnäckig als originell und tiefsinnig durchzugehen. Dass "Ganz nah bei Dir" ganz nah bei Hauptakteurin Katharina Schüttler bedeutet, tröstet nicht über die Beliebigkeit der uninspirierten Romanze hinweg.

Für die sich mit Affären, Konflikten und materiellen Sorgen plagenden Normalmenschen hat Phillip (Bastian Trost) nur Herablassung übrig. "Paul würde solche Spielchen nie mitspielen", denkt sich der verklemmte Eigenbrötler. Dass Phillip sich nicht bei Schildkröte Paul, sondern seinem einzigen Freund Aaron (Andreas Patton) auf die Couch legt, um seinen Seelenmüll abzuladen, liegt an seiner Selbstgefälligkeit. "Ganz nah bei Dir" heißt während der geruhsamen Anlaufzeit der Komödie ganz nah bei Phillip. Dessen Zurückgezogenheit ist unverhohlene Arroganz. "Ich lasse mir doch nicht von einem Kellner sagen, wo ich hingehen soll!", empört sich der Bankangestellte, als sein unhöfliches Verhalten in einem Lokal auffällt. Ob Phillips Kontaktarmut selbstverschuldet ist oder bemitleidenswerte Verlassenheit, hinterfragt die Regisseurin nicht. Aus dem Besserverdiener wird emotional und finanziell bald ein Reicher, nachdem die hübsche Lina (Katharina Schüttler) in Phillips Leben stolpert. Im Lokal stößt die Blinde sein Glas um. Der Film spielt nun das konventionelle Romantikkomödienschema herunter: Gestichel, Annäherung, Verliebtheit. Nachdem ein Einbruch in seine Wohnung Phillip möbel- und schildkrötenlos zurückgelassen hat, nimmt Lina den Hilflosen bei sich auf. Zwischen den beiden entspinnt sich eine zaghafte Romanze.

Gutes Zeitgefühl beweist "Ganz nah bei Dir" zweifach: Gerade, als die Handlung ins gänzlich Konventionelle abgleitet, taucht die überzeugende Katharina Schüttler auf. Der unverkrampfte filmische Umgang mit physischer Beeinträchtigung zählt zu den raren Momenten, in denen "Ganz nah bei Dir" näher ans Leben rückt. Phillips Wandlung vom selbstbezogenen Eigenbrötler zum liebevollen Beziehungsmenschen hingegen ist ebenso vorhersehbar wie unglaubwürdig. Wo überhaupt sein Problem liegt, wenn er mit seiner bornierten Einstellung gut durchs Leben kommt, fragt sich nicht nur Amateurpsychologe Aaron. Echte Konflikte scheint der Hauptcharakter nicht zu kennen. Seine Zuneigung zu Lina wirkt wie die unaufrichtige Annäherung an die einzige Person, die sich für ihn interessiert. Gelegenheit macht Liebe. Diebe natürlich auch, und so gelangt Phillip zu allem Überfluss zu überraschendem Reichtum.

Neben Witz fehlt es "Ganz nah bei Dir" an Tempo. Gemächlich wie die Schildkröte Paul schleicht die dröge Romanze dahin. In die Tiefe geht das Autorentrio, welches am Drehbuch schrieb, weder bei den Charakteren noch in der Handlung. Die im engagierten Spiel Katharina Schüttlers aufkeimende Romantik wird von der Banalität der Handlung erstickt. Das Talent der Darsteller, die das einzig Sehenswerte sind, verschenkt der Film. Im Kino wünscht man sich bei "Ganz nah bei Dir" ganz weit weg.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Ganz nah bei Dir   
 
Deutschland 2009
Regie: Almut Getto;
Darsteller: Bastian Trost (Phillip), Katharina Schüttler (Lina), Andreas Patton (Phillips Therapeut), Traute Hoess (Ramona), Heiko Pinkowski (Kommissar Hoffmann), Jürgen Rißmann (Polanski), Aline Staskowiak (Hausmeisterin), Jörg Malchow (Fuchs Junior), Axel Olsson (Fuchs Senior), Oscar Ortega Sánchez (Kellner), Arndt Schwering-Sohnrey (BP-Beamter) u.a.;
Drehbuch: Speedy Deftereos, Almut Getto, Hendrik Hölzemann; Produktion: Dirk Decker, Michael Eckelt, Jeanette Würl; Kamera: Michael Wiesweg; Musik: Jakob Ilja;

Länge: 91 Minuten (Kino; DVD: 88 Minuten); FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Timebandits Films; deutscher Kinostart: 12. November 2009



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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