4. April 2006
Endstation Liebe

Gabrielle
- Liebe meines Lebens


Gabrielle - Liebe meines LebensGabrielle Hervey (Isabelle Huppert) atmet mit dem Herzen; für sie heißt Liebe Leben, Leiden und Loslassen. Ihr Mann Jean (Pascal Greggory) dagegen inhaliert das Ideal Liebe mit einem unheilbar gesunden Gespür für die Gefangenschaft der Gemeinsamkeit.

Die Arena der konträren Ehe bildet Paris um 1912: Ein luxuriöses Haus, in das süffisante Gäste kommen. Die Abende lang, voller Diskussionen, Gelächter und Beobachtungen. Ein eingefleischter Zirkel einer aufeinander eingespielten Gesellschaft von vornehmlicher Jovialität. Jeder scheint jeden zu kennen in Ausbrüchen von Ehrlichkeit, Geheimnistuerei, Zweifel oder Freude.

Gastgeber dieser kaschierten Scheinheiligkeit sind Jean und Gabrielle, seit einem Jahrzehnt verheiratet und bestens situiert im Pariser Etablissement. Riten und Repräsentation dominieren deren Leben. Das, was man Gefühl und Leidenschaft nennt, ist hier bloße Attitüde und Stilübung

Gabrielle - Liebe meines LebensDoch eines Tages verlässt Gabrielle das Haus und geht zu ihrem Liebhaber (Thierry Hancisse), dem Chefredakteur gerade jener Tageszeitung, die Jean besitzt. Umso verwunderlicher, da eigentlich beide den großmäuligen und unsensiblen Dauergast ihrer aristokratischen Zusammenkünfte verachten.

Gabrielle hinterlässt Jean lediglich einen Abschiedsbrief, der ihm die Sinnlosigkeit des Zusammenseins plakativ vor Augen führen sollte. Eigentlich - doch er reagiert wie ein beleidigter Pfau.

Dann kehrt sie plötzlich zurück und die Perspektiven haben sich drastisch verändert; jetzt sehen beide sich so, wie sie sind aber nie sein sollten. Doch was die eine will, kann der andere noch lange nicht. Und so fällt es schwer, Haus, Bett und Leben zu teilen, wenn man nicht dieselben Wünsche teilt, geschweige denn die Bereitschaft, die Emotionen des anderen wenigstens zu respektieren.

Daher lautet der zentrale Satz in diesen unschönen Szenen einer Ehe: "Wenn ich gewusst hätte, dass Du mich liebst, wäre ich nie zurückgekommen", klagt die wiedergekehrte, aber nicht wiedergefundene Frau Gabrielle.

Gabrielle - Liebe meines LebensBasierend auf der Kurzgeschichte von Joseph Conrads "Die Rückkehr" analysieren Patrice Chéreau und seine Co-Drehbuchautorin Anne-Louise Trividic (das Erfolgsduo von "Intimacy" und "Sein Bruder") ihre cinéastischen Kunstfiguren: "Ich würde mir wünschen, dass 'Gabrielle' nicht als ein Film über eine Frau jener Epoche um 1912 gesehen wird, sondern als einer mit universeller Aussage; diese Frau, die in ihr Heim zurückkehrt, weil die Liebe dort nicht wohnt, dieser Mann, der es verlässt, weil es immer ohne Leben gewesen ist. Indem wir diese Abendgesellschaften, diese saturierte Welt voller Verpflichtungen, Konventionen und sinnlosem Geschwätz mit der Kamera einfangen, verstehen wir, was die Verrücktheit dieses Mannes, die Unabhängigkeit dieser Frau mit uns zu tun haben", betont Chéreau.

Bewusst betonen deshalb die filmtechnischen Mittel die zentralen Aussagen der brillant agierenden Figuren in diesem theatralischen Kammerspiel-Kino: Der häufige Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbaufnahmen und zwischen dem Laut und Leise in der Film-Musik festigen zwar die Intention des Films, irritieren jedoch bisweilen den überforderten Betrachter.

Besonders beachtlich aber in diesem offiziellen Wettbewerbsbeitrag der Filmfestspiele Venedig 2005 - Isabelle Huppert wurde anlässlich von "Gabrielle" mit einem Spezial-Löwen für ihr schauspielerisches Gesamtwerk bedacht - ist die alles verschlingende, nahe Kamera: Sie fährt mäandrisch mit häufigen Nahaufnahmen (Close Ups) um die Figuren herum, umzingelt sie und martert mitleidend den Zuschauer durch die physische Macht des Minenspiels.  

Jean Lüdeke / Wertung:  * * * * (4 von 5)  
 

Quelle der Fotos: Concorde Film

 
Filmdaten 
 
Gabrielle - Liebe meines Lebens Gabrielle (Italien / Frankreich 2005) 
 
Regie: Patrice Chéreau;
Darsteller: Isabelle Huppert (Gabrielle), Pascal Greggory (Jean Hervey), Claudia Coli (Yvonne), Thierry Hancisse (Chefredakteur), Chantal Neuwirth (Madeleine) u.a.; Drehbuch: Patrice Chéreau, Anne-Louise Trividic nach der Erzählung "Die Rückkehr" von Joseph Conrad; Produktion: Joseph Strub, Eine Coproduktion von Azor Films, ARTE France Cinema - Studiocanal, Love Streams Productions, Albacharia - Network Movie - ZDF / ARTE; Kamera: Eric Gautier; Musik: Fabio Vacchi; Länge: 90 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Concorde Filmverleih; deutscher Kinostart: 12.01.2006



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Homepage des Verleihs:
<12. 1. 2006>


Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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