28.01.2013
Der Fall Murat Kurnaz in einem perfekten Film

5 Jahre Leben


5 Jahre Leben Der Fall war ein Politikum: 2001 wurde der Deutsch-Türke Murat Kurnaz von den Amerikanern des Terrorismus beschuldigt und nach Guantanamo verschleppt. Was er dort durchmachte und andere Insassen dort wohl immer noch erleben, konnte man bisher nur ahnen trotz der Bilder aus dem US-Lager Abu Ghreib im Irak. Dieser Film ändert das. Kurnaz verließ seinerzeit Bremen, um in Pakistan angeblich eine Koranschule zu besuchen, kurz nach dem 11. September 2001. Oder wollte er Terrorist werden? Der Film stellt diese Frage nicht, er enthält keine explizite Unschuldsvermutung oder das Gegenteil. Schon allein das macht den Film wertvoll. Selbst wenn Kurnaz womöglich gegen die Amerikaner zu Felde ziehen wollte, hätte er dafür sowieso mehr als gebüßt, denn dafür, was man ihm antat, gibt es keine Rechtfertigung. Nach fünf Jahren konnte Kurnaz Guantanamo verlassen.

Die Schließung von Guantanamo, des US-Gefangenenlagers auf Kuba, hatte US-Präsidentschaftskandidat Obama 2008 zu einem Wahlversprechen gemacht. Dann kam er an die Macht, und der Präsident erfüllte seine Ankündigung nicht. Bis heute nicht. Das Überbleibsel aus der Regierungszeit George W. Bushs existiert noch immer.

Es ist eine wahre Geschichte. Als Murat Kurnaz in Guantanamo einsaß, berichteten die Medien vom "Bremer Taliban". Latent schwang mit, und der Leser folgte dem, beeindruckt durch den 11. September: Kurnaz ist schuldig. In den Reportagen wurde nicht geschildert, wie es Kurnaz im US-Lager erging. Dies zeigt "5 Jahre Leben", basierend auf Kurnaz‘ Buch "Fünf Jahre meines Lebens", gedreht von Regisseur Stefan Schaller, der schon während der Inhaftierung von Kurnaz mit dessen Bremer Anwalt Kontakt aufgenommen hatte. Schaller ist ein Nachwuchsregisseur, der Film ist seine Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg. Dass es ein Langfilmdebüt ist, merkt man nicht: Schallers Film ist professionell inszeniert. Seine Stärke sind die fast dokumentarische Authentizität und die wirklichkeitsnahen Dialoge.

Frage des Verhörenden: Sie waren in Afghanistan? Antwort des Gefangenen: Nein, Pakistan. Entgegnung des Verhörenden: Aus meinen Unterlagen geht hervor, dass Sie in Afghanistan waren. Entgegnung des Gefangenen: In Pakistan wurde ich verhaftet. Die Amerikaner brachten mich nach Afghanistan. Dort kam ich in ein Lager.

Als der Verhörspezialist Gail Holford (Ben Miles) ins Leben des Murat Kurnaz (Sascha Alexander Gersak) in Guantanamo tritt, setzt er einen besonderen Kontrast: Sein Hemd ist blütenweiß. Zuvor sah man Schmutz, Blut, Folter, Erniedrigung. Holford, das ist der erste Eindruck, scheint zivilisierter zu sein als die amerikanischen Soldaten. Aber bald wird deutlich: Er ist der Schreibtischtäter, der mit allen Mitteln ein Geständnis benötigt: Kurnaz soll zugeben, dass er zu den Taliban wollte. Also lässt Holford weiter foltern und erniedrigen. Nicht nur Kurnaz. Aber Kurnaz verweigert, im Gegensatz zu anderen, ein Geständnis. Also muss er länger leiden. Seine Würde wird verletzt, doch sein Überlebenswille nicht gebrochen.

Mit 19 Jahren brach Murat Kurnaz von Bremen nach Pakistan auf. Kurz nach 9/11 wird er bei einer Sicherheitskontrolle verhaftet. Dies zeigt der Film nicht. "Fünf Jahre Leben" setzt ein, als Kurnaz in Guantanamo eintrifft. In Rückblenden, inszeniert als Kurnaz' Erinnerungen, erfährt der Zuschauer vom Leben davor: Beschäftigung in einer türkischen Diskothek in Bremen. Die Ermordung eines Freundes. Hinwendung zur Religion. Heirat. Dazu kontrastierende Bilder von Guantanamo: Folter, Schikanen der Wärter, manchmal Isolationshaft. Leute von BND und BKA waren in Guantanamo. Sie reisten ohne Kurnaz wieder ab. Aus politischen Gründen.

Der Verlust der Rechtsstaatlichkeit, der Niedergang von Moral und Gesetz in der westlichen Welt sind das Thema des Films. "5 Jahre Leben" ergänzt Kathryn Bigelows neuen Film "Zero Dark Thirty", der von der Jagd auf Osama Bin Laden handelt und ebenfalls Folter und Misshandlungen Gefangener zeigt. Die USA wollen Rache für 9/11 und ignorieren dafür blindlings die Genfer Konventionen. "Im Zweifel für den Angeklagten" gilt nicht mehr. Es gibt keine Anklage und keinen Beweis für Kurnaz' Schuld. Der Film belegt Kurnaz' Unschuld nicht, aber er besagt in Bildern, die lange nachwirken: Wer das System Guantanamo mit seinen Repressalien ohne Geständnis durchhält, ist unschuldig.

"5 Jahre Leben" wendet sich gegen ein Vorurteil von Justiz und Gesellschaft: Wer inhaftiert ist, müsse schuldig sein.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle des Fotos: Max Ophüls Preis

 
Filmdaten 
 
5 Jahre Leben  
 
Deutschland 2012
Regie & Drehbuch: Stefan Schaller;
Darsteller: Sascha Alexander Gersak (Murat Kurnaz), Ben Miles (Gail Holford), Timur Isik, David Ali Hamade, Trystan W. Pütter, John Keogh u.a.;
Produktion: teamworX TV&Film GmbH, Filmakademie Baden-Württemberg; Produzent: Jochen Laube; Kamera: Armin Franzen; Schnitt: Simon Blasi;

Länge: 95,49 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Zorro Filmverleih; deutscher Kinostart: 23. Mai 2013



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<23.05.2013>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe