27.08.2019
Über Leben

Frau Stern


Frau Stern: Ahuva Sommerfeld "Frau Stern" ist ein Film, der das Leben feiert, doch beginnt er mit dem Satz "Ich will sterben." Die Protagonistin, die das sagt, wird es sich anders überlegen. Nicht nur, weil die alte Dame keine Waffe findet, obwohl sie so viele Leute um eine bittet. Auch, weil sie das Leben neu kennenlernen wird. Selbstmordgedanken treffen im Film auf jüdischen Humor. Dies ist ein Wagnis, das Regisseur Anatol Schuster in seinem zweiten Spielfilm nach "Luft" (2017) eingeht – und er gewinnt trotz des hohen Risikos. Der Humor zeigt sich, wenn die alte Jüdin Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) sich auf ein Gleis legt, und ein Spaziergänger vorbeikommt und sie wieder hochzieht. Er zeigt sich, wenn Mitmenschen sie auf ihre übertriebene Nikotinsucht hinweisen. Frau Stern entgegnet: "Das KZ habe ich überlebt. Das Rauchen werde ich auch noch überleben." Auch ihrem Hausarzt passt ihre Sucht nicht. Was geschieht? Er wird mit ihr rauchen.
Manche Durchhänger hat der Film, doch die Machart ist ansonsten passabel.

"Frau Stern" ist unbedingt sehenswert, aber er lebt von seiner Heldin. Was wäre gewesen, wenn die Hauptdarstellerin nicht so gut gewesen wäre... Ein Film, der um seine Protagonistin herum geschrieben wurde, Ahuva Sommerfeld, die mit der Rolle der 90-jährigen Berlinerin Frau Stern im Prinzip sich selber darstellt. Regisseur und Drehbuchautor Schuster begegnete Sommerfeld und hatte seine Filmidee. Er sagt: "Die Gunst der Stunde gebot, mich für sie als Protagonistin sofort zu entscheiden und mit der Drehbucharbeit unverzüglich anzufangen. Mit großer Hilfe von Freunden konnten wir die Dreharbeiten aus dem Stand heraus beginnen, ohne jegliche Förderung und ohne Beteiligung eines Senders. Die imponierende Energie unserer Protagonistin, ihre unerschrockene Art und der trockene Humor trieben uns immer wieder an und halfen, die Darsteller und Mitarbeiter, Studios und sogar meine 15 Monate alte Tochter zum Mitmachen zu motivieren."

Frau Stern: Ahuva Sommerfeld, Kara Schröder In der ersten Szene des Films schaut Frau Stern in die Kamera und sagt trocken: "Ich will sterben." Es ist fast die einzige Einstellung, in der die coole, alte Dame nicht raucht. Sie geht durch Berlin und fragt Leute nach einer Waffe. Die wäre ganz nützlich, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Enkelin Elli (Kara Schröder) wird auch gefragt, und ist entsetzt. Beide Damen werden zusammen kiffen, singen, tanzen, was zur alten Dame führt, dass das Leben neu gelebt wird. Und immer wieder der trockene Humor, der den Film über bleibt, in der Frau Stern zahlreiche interessante Erlebnisse haben wird. Darunter: Sie wird mit ihrer brüchigen Stimme "Summertime" singen, ein Höhepunkt des Films. Der Film wird mit einem Tanz von ihr enden, ein auf den ersten Blick fades, von Schuster unüberlegtes Ende, doch hat es seinen Sinn: Es sagt aus, die Neuköllner Dame habe es sich anders überlegt nach den vielen Ereignissen, die sie erlebt hat. Wegen diesen Erlebnissen, und wegen Ahuva Sommerfeld, ist dieser Film selbst ein Ereignis.

Nicht alles gelingt Regisseur Schuster. Eine Live-Sendung mit ihrem Lieblingsmoderator sprengt Frau Stern einfach, weil sie ihren eigenen Kopf hat. Eine Szene, die misslingt, weil der Darsteller des Talkmasters überkandidelt spielt, eine absichtliche Inszenierung Schusters, um für weiteren Humor zu sorgen. Doch ist dies der größte Missgriff des Filmemachers, der sonst ganz auf Ahuva Sommerfeld setzt, den Film von ihr und ihrem Charisma bestimmen lässt.

Uraufgeführt beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2019, war Sommerfeld trotz ihres Alters von 81 Jahren mit Regisseur Schuster nach Saarbrücken gekommen, um den Film vorzustellen. Und sagte dort: "Im wahren Leben rauche ich nicht so viel." Diese Premiere überlebte sie nicht lange, am 8. Februar 2019 starb Sommerfeld. Der Film wird zur Hommage an eine großartige Frau und zur Ode an das Leben, auch wenn es dem Film gut getan hätte, wenn er zusätzlich nebenbei aus dem einstigen Leben der Frau Stern – und damit aus dem Leben der Frau Sommerfeld – erzählt hätte.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Neue Visionen Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Frau Stern  
 
Deutschland 2019
Regie & Drehbuch: Anatol Schuster;
Darsteller: Ahuva Sommerfeld (+2019; Frau Stern), Kara Schröder (Elli), Pit Bukowski (Kletterer), Robert Schupp (Moderator), Murat Seven (Friseur), Nirit Sommerfeld (Ellis Mutter), Gina Haller (Einbrecherin), Katharina Leonore Goebel (Freundin), Jule Böwe (Barfrau) u.a.;
Produzenten: Adrian Campean, Anatol Schuster; Kamera: Adrian Campean; Musik: Konstantin Schimanowski, Orchester Shlomo Geistreich; Schnitt: Sarah Marie Franke, Anatol Schuster;

Länge: 82,18 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Neue Visionen; deutscher Kinostart: 29. August 2019



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<27.08.2019>


Zitat

"Ich hasse Fernsehen. Ich hasse es wie Erdnüsse. Aber ich kann nicht aufhören, Erdnüsse zu essen."

("I hate television. I hate it as much as peanuts. But I can't stop eating peanuts.")

Regisseur und Schauspieler Orson Welles (1915 - 1985)

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