06.02.2013
Reif für die Reifeprüfung

Frances Ha


Frances Ha: Greta Gerwig, Mickey Sumner "Du solltest deine Angelegenheiten auf die Reihe kriegen." Den wohlmeinenden Rat erhält Frances von der Leiterin (Barbara Ross English) der Tanzkompanie, auf deren Bühne die fahrige 27-Jährige steht. Ihr Platz entspricht dem in der Truppe, wo sie sich an aussichtslose Erfolgsträume klammert. Grund zu verzagen hat Frances deshalb keinen. Einmal sind Noah Baumbachs ironische Episoden eines überfälligen Erwachsenwerdens nicht so verkniffen wie die Moral, zum anderen ist Frances dafür Hauptfigur der Comedy-Soap. Deren Co-Autorin und Hauptdarstellerin Greta Gerwig taufte den spröden Coming-of-Age-Streifen nach ihrer Figur: "Frances Ha".

Als Entschädigung dafür, dass ihre tänzerischen Bemühungen sich fast außer Sichtweite des Publikums abspielen, gibt Baumbach der Titelfigur eine individuelle Bühne. Ihre wechselnden Kulissen sind die Wohnungen und Übergangslösungen, von denen sich Frances von einer zur nächsten hangelt. "Ich mag Sachen, die wie Fehler aussehen", steckt sie dem Publikum als kleinen Verweis auf den glimpflichen Ausgang ihrer Stadtneurosen. Bis dahin sind es die absehbaren Rück- und Tiefschläge, die den Takt des Plots vorgeben. "Ich fühle mich mies", sagt sie zu Beginn ihrem zukünftigen Ex-Freund. Der drängt mit Plänen von Zusammenziehen und Haustieranschaffung, wobei letztes verdächtig nach einer Vorübung zur Kinderanschaffung klingt: "Wollen wir nicht zusammen Katzen haben?" Nein verrät ein Blick auf Gerwig, die in lapidaren Gesten und Kommentaren Frances' Widerwillen gegen Rigidität legt. "Du kannst nicht? Du willst nicht!", bemerkt ihr Ex mit Vorwurfstimme, die auch in den lose verknüpften Filmstationen immer lauter wird.

Frances Ha: Greta Gerwig Der nonchalante Witz, mit dem die um lässigen Retro-Charme bemühte Schwarz-Weiß-Odyssee beginnt, weicht stillem Tadel. Er unterminiert die Sympathie für die Protagonistin, die der überraschende Auszug ihrer Freundin Sophie (Mickey Sumner) ohne dauerhafte Bleibe und moralischen Rückhalt für ihren chaotischen Alltag zurücklässt. Die Nachsicht verweigert ihr auch Baumbach, der spontane Leichtsinnigkeit schulmeisterlich bestraft. Auf Verantwortungsflucht fällt man auf die Nase, lautet die Lektion. Ob man es merkt oder eben nicht, wie Frances: "Sophie macht sich über mich lustig, weil ich nicht erklären kann, woher ich meine Schrammen habe." Eine holt sie sich unterwegs zum Geldautomaten, als sie ihren temporären Mitbewohner Miles (Adam Driver) zum Essen einladen will. Die Blamage entsteht wie ein missglückter Paris-Trip und ihre ungelenken Konversationsbemühungen während eines Bekannten-Dinners, dass sie als Chance zum kostenlosen Vollfressen sieht, durch prekäre Karrierechancen.

"Ich bin ungefähr eine Million Mal gefeuert worden", verkündet ein Kumpel: "Das macht einen cool." Sofern man das nötige Geld hat. Frances hat es nicht. Darum mündet die Sitcom, mit der sie ihr Leben vergleicht, in dröge Pflichterfüllung: "Manchmal ist es gut zu tun, was du tun solltest wenn du es tun solltest." Das dramatische Fazit ist ähnlich banal wie die Protagonistin, die ihr Dilemma auf einem Pappschild zu einem ausrangierten Stuhl schildert: "Total normal, hat ehrlich nicht in den Stauraum gepasst. Braucht ein Zuhause." Dort landet Frances schließlich, zusammen mit der Erkenntnis, dass jeder irgendwo reinpasst, wenn er sich nur verbiegt. Wie ihr titelgebendes Klingelschild: "Frances Ha". Es lebe die Anpassung.  

Lida Bach / Wertung:  * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: 2012 Pine District, LLC

 
Filmdaten 
 
Frances Ha (Frances Ha) 
 
USA 2012
Regie: Noah Baumbach;
Darsteller: Greta Gerwig (Frances), Mickey Sumner (Sophie), Michael Esper (Dan), Adam Driver (Miles), Michael Zegan (Benji) u.a.;
Drehbuch: Noah Baumbach, Greta Gerwig; Produzenten: Noah Baumbach, Scott Rudin, Lila Yacoub, Rodrigo Teixeira; Kamera: Sam Levy; Schnitt: Jennifer Lame;

Länge: 85,58 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von MFA+ FilmDistribution e.K.; deutscher Kinostart: 1. August 2013
ein Film auf der Berlinale 2013 in der Sektion Panorama



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der Film im Katalog der Berlinale 2013
<06.02.2013>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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