13.08.2018
Mystizismus in einem Film, auf halber Strecke stehengeblieben

Finsteres Glück


Finsteres Glück: Eleni Haupt als Eliane Hess und Noé Ricklin als Yves Zanini Zwei Jahre brauchte die Schweizer Literaturverfilmung "Finsteres Glück", bis sie den Weg in die deutschen Kinos fand. Eng an Lukas Hartmanns gleichnamigen Roman (2010) lehnt der Schweizer Regisseur Stefan Haupt seinen zwölften Film an (nach u.a. "Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen" 2002 und "Der Kreis" 2014). In ihm sind Realismus und Spiritualität vermengt.
Sonnenfinsternisse bringen Unheil, sprachen die Leute im Mittelalter, und in Roman und Film ist es wirklich so: Ein Junge überlebt als Einziger seiner Familie einen Autounfall. Yves, acht (Noé Ricklin), war auf dem Rückweg aus dem Elsass in die Schweiz, als die Eltern und Geschwister sterben. Im Krankenhaus kümmert sich die Psychologin Eliane Hess (Eleni Haupt, die Frau des Regisseurs) um ihn. Wegen Yves trennt sie bald Arbeit und Privates nicht mehr.
Als Charakterstudie funktioniert der Film, als Film mit mystischen Einsprengseln nicht.

Wer erinnert sich nicht an die Sonnenfinsternis 1999? Sie war in Süddeutschland zu sehen. Oder im Elsass, in dem "Finsteres Glück" teilweise spielt. Viele Menschen machten sich damals auf, in die Gebiete zu fahren, in denen man dem Spektakel beiwohnen konnte. Eine Familie starb an dem Tag auf dem Rückweg aus dem Elsass in die Schweiz, nur ein Junge überlebte, las Autor Lukas Hartmann in der Zeitung und nahm dies zum Anlass, einen Roman über eine fiktive Familie, der ein tödlicher Unfall zustößt, zu schreiben, über das Kind und die überfürsorgliche Betreuung durch eine Psychologin. Laut Pressematerial kam für Hartmann nur Stefan Haupt als Verantwortlicher für eine Verfilmung in Frage: Dessen "Blick auf die Licht- und Schattenseiten des Lebens und 'Gspüri' für Kinderaugen zeichnen den Regisseur aus." Weniger der Kontrast der "Licht- und Schattenseiten des Lebens" spielt für den Filmemacher bei "Finsteres Glück" eine Rolle, sei anzumerken. Vielmehr setzt Haupt auf einen anderen Kontrast, den von Reellem zu Spirituellem, was der Regisseur wie Yin und Yang als so gegensätzlich wie zusammengehörend in seinem Film behandelt. Das Reale ist die Krankenhaus- und Familienwelt, das Über-Reale die Sonnenfinsternis, der Nebel, in dem Yves häufiger herumlaufen wird (oder auch nicht?), sowie das Mystische des Isenheimer Altars, der in Colmar im Elsass zu sehen ist, wohl von Matthias Grünewald stammt und vom Maler sicherlich das fahle Licht einer Sonnenfinsternis wiedergibt. Aber Stefan Haupts Yin und Yang, Reales und Über-Reales, passen im Film nicht zusammen, der Film scheitert bei dieser Verquickung auf hohem Niveau, aber er scheitert.

Finsteres Glück: Noé Ricklin als Yves Zanini und Eleni Haupt als Eliane Hess vor dem Isenheimer Altar Eliane Hess studiert abends gerade einen Bildband zum von ihr sehr geliebten Isenheimer Altar, als sie an ihren Arbeitsplatz gerufen wird: Eine Familie ist ausgelöscht bis auf den achtjährigen Yves. Der liegt nun in einem Züricher Spital. Kaum ist die Psychologin angekommen, sprudelt es aus Yves heraus: "Zuerst haben wir eine Sichel gesehen und dann nur noch eine schwarze Scheibe mit einem Strahlenglanz." Und noch viel mehr erzählt der Kleine, viel, das nicht zu einem Achtjährigen passt, weil es zu intellektuell ist, was ihm in der Szene in den Mund geschoben wird. Klar, der Junge ist traumatisiert, er hat das Geschehene noch nicht begriffen. Aber der Redeschwall ist qualitativ zu hoch für den Minderjährigen. Über eines redet er nicht: den Unfall und den Hergang. War es ein erweiterter Suizid des herrschsüchtigen Vaters?

Yves ist nicht schwerverletzt. Oma und Tante kommen. Letztere will das Sorgerecht. Eliane Hess nimmt Yves bei sich auf, in einem für eine Kinderpsychologin erstaunlich großen Haus, in dem noch ihre zwei pubertierenden Töchter leben. Eliane geht der Junge nahe. Sie verstößt gegen das ungeschriebene Gesetz, Arbeit und Privates zu trennen. Die Tante gewinnt, Yves muss gegen seinen Willen gehen. Er wird wiederkommen. Als Geist im Nebel. Dort sehen die Töchter ihn und später genauso Eliane. Einbildung? Er wird auch real wiederkommen. Die Tante verliert, sie verliert die Kontrolle über Yves, sie gibt auf. Die Familie Hess mit dem Neumitglied Yves fährt ins Elsass. Zum Isenheimer Altar. Und zur Unfallstelle...

"Finsteres Glück" ist, wenn man ihn als eine Charakterstudie sowohl einer Frau, die zum Vormund wird, als auch ihres Schützlings betrachtet, gelungen. Durch das Mystische, das stets auf halber Strecke stehenbleibt, nie ausgearbeitet zur vollen Entfaltung kommt, verfehlt der Film jedoch seine hochgesteckten Ziele, er bleibt ein nicht sehr bedeutsamer Film, den der Zuschauer nicht lange in Erinnerung behält.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: W-film / Aliocha Merker

 
Filmdaten 
 
Finsteres Glück (Finsteres Glück) 
 
Schweiz 2016
Regie: Stefan Haupt;
Darsteller: Eleni Haupt (Eliane Hess), Noé Ricklin (Yves Zanini), Elisa Plüss (Helen Hess), Chiara Carla Bär (Alice Hess), Martin Hug (Adrian), Alice Flotron (Tante Julia), Suly Röthlisberger (Großmutter Zanini), Rebecca Indermaur (Sandra), Peter Jecklin (Dr. Wieland) u.a.;
Drehbuch: Stefan Haupt nach dem gleichnamigen Roman von Lukas Hartmann; Produktion: Triluna Film; Produzent: Rudolf Santschi; Kamera: Tobias Dengler; Musik: Tomas Korber, Fremdton Kollektiv; Schnitt: Christof Schertenleib;

Länge: 118,45 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von W-film; deutscher Kinostart: 16. August 2018



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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