Januar 2000


Fight Club


Wenn ein Vorspann so cool daherkommt wie der von "Fight Club", ist erst mal Vorsicht angesagt. Eine Kamerafahrt von einer einzelnen Zelle bis rauf auf einen Mann, dem gerade eine Knarre in den Mund gehalten wird, begleitet von lauter hämmernder Musik, führt in eine Skyline, die in die Luft gejagt werden soll. Was hat das mit den illegalen Boxkämpfen zu tun, um die es bei dem Filme doch gehen sollte - ein Thema, was viele erst mal davon abhält, sich überhaupt für den Streifen zu interessieren.


Jack leidet an Schlaflosigkeit, vermutet was Ernstes neurologisches oder psychiatrisches. Sein Arzt findet nichts, wiegelt ab, wenn er wissen wolle, was Leiden heißt, solle er doch zur Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe gehen. Wenn die anderen glauben, daß du sterben mußt, hören sie dir wirklich zu. Erstmals kann Jack richtig schlafen, darum sucht er noch mehr skurrile Gruppen Todgeweihter auf. Doch der Effekt ist futsch, als die Schlampe Marla desgleichen tut mit der Einstellung, der Kaffee sei umsonst und das ganze billiger als Kino.

Mittlerweile gibt es eine Reihe von Männern, die mit Anfang 30 noch nichts mit Ehe und Familie am Hut haben. Oft war schon der Vater kein echtes Vorbild, erzogen wurden sie größtenteils von Frauen. Sie versuchen anders, ihr Leben einzurichten. Das Spektrum erstreckt sich von Tylers Bruchbude im Industriegebiet bis zu Jacks katalogreifer Ikeawohnung. Doch die fliegt in die Luft. Der schüchterne Büropedant kommt unter bei einem Gelegenheitsrevoluzzer, den er gerade im Flugzeug kennengelernt hat. Und sie gründen den Fight-Club, eine ganz besondere Selbsthilfegruppe. Doch das ist erst der Anfang von Tylers Programm, jeden zum persönlichen Nullpunkt zu bringen.

Erst vor ein paar Jahren drehte Regisseur Fincher mit Tyler-Darsteller Brad Pitt, der als echter Frauenschwarm gilt, den ebenso düsteren Film "Sieben", in welchem er - theologisch inspiriert - die 7 Todsünden durchexerziert. Davor spielte Brad Pitt schon unter Terry Gilliam in "12 Monkeys" den undurchsichtigen Psychopathen mit Sendungsbewußtsein. Auch in "Fight Club" vermag er mit durchtrainiertem Körper und gewagter Kleidung weibliches wie männliches Interesse zu bannen. Doch sein cooles Auftreten ist eine geringere schauspielerische Leistung als die Rolle von Edward Norton, der auch in skurrilen und peinlichen Situationen ohne Anflug von Kitsch oder Klamauk als Hauptfigur glaubhaft bleibt - eine wichtige Voraussetzung für die psychologische und soziologische Studie, die "Fight Club" liefert. Sorgfältige Wahl der Drehorte und der Ausstattung und anspruchsvolle Kamerafahrten und Trickaufnahmen tragen zum visuellen Genusse bei.

Es geht in "Fight Club" um den heutigen Mann. Postmoderne und Emanzipation der Frau haben ihn um sein Selbstbild als Jäger, Künstler und Held gebracht. Er will sich nicht an eine Frau binden, die ihn oftmals doch nur umkrempeln will. Er hat gelernt, Kritik zu üben, aber seine überkommenen Vorbilder sind so unerreichbar wie die emotionale Seite des Vaters. In einer materiell abgesicherten Gesellschaft erschafft er eine neue Herausforderung, um sich an ihr zu messen und zu wachsen. Und er erkennt sein Bedürfnis, mit Gleichgesinnten ohne überflüssiges Gerede ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Nichts gegen Selbsterfahrung - doch mangelnde Kritik an der Bezugsgruppe kann faschistische Züge hervorbringen. Und davor warnt "Fight Club", ohne den Funken der Subversion zu ersticken. Im übrigen wird unser Allgemeinwissen aktualisiert, besonders über Wirtschaft, Psychologie und Chemie.

Mittlerweile finden sich im Internet mehr als ein Dutzend Rezensionen über den "Fight Club", mit positiver oder negativer Wertung. Dies spiegelt wieder, daß "Fight Club" aktuelle Themen technisch und künstlerisch hochkarätig und zugleich kontrovers in Darstellung und Inhalt ausarbeitet. Es muß nicht jeder diesen Film lieben, das ist auch gar nicht sein Ziel. Ihn zu ignorieren, wäre eine verpaßte Chance zum Aufmerken, Nachdenken und Diskutieren.

 
Michaela Katzer / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Fight Club
(Fight Club)

USA 1999
Regie: David Fincher;
Darsteller: Edward Norton (Jack), Brad Pitt (Tyler Durdon), Helena Bonham Carter (Marla Singer), Meat Loaf (Bob Paulsen), Jared Leto (Angel Face) u.a.; Drehbuch: Jim Uhls nach dem Roman von Chuck Palahniuk; Produzenten: Art Linson, Ross Bell; Kamera: Jeff Cronenweth; Musik: The Dust Brothers; Spezialeffekte: Alex McDowell;

Länge: 139 Minuten; FSK: nicht unter 18 Jahren




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Weitere Rezension zum Film
Von Nina De Fazio
Wertung: * * * * (4 von 5)  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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