27.09.2013

Fickende Fische

Ein junger Mann erlebt in den Wirren der Pubertät die erste Annäherung an das andere Geschlecht. Soweit nichts Außergewöhnliches, doch im Film von Almut Getto haben die Hauptfiguren Jan und Nina mit Problemen zu kämpfen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das eigentlich Bemerkenswerte an "Fickende Fische" ist allerdings, wie natürlich und unaufdringlich er eine Geschichte um Vertrauen, Liebe und die Auseinandersetzung mit dem Tod erzählt.

Die namensgebenden Fische dienen dem Film vor allem als ungezwungener Einstieg in das Thema Sex. Die Protagonisten finden über die Fortpflanzung der Meerestiere auf natürliche Weise zu dem Thema, das im Teenageralter die Gemüter so sehr wie kein anderes umtreibt und besonders für HIV-Infizierte ein schwieriges Feld darstellt. Metaphorisch spielt vor allem das Wasser eine bedeutende Rolle. Die wiederkehrenden Szenen von Jan, der in der Badewanne taucht und die Unterwasser-Schwimmszenen mit Nina spiegeln wider, wonach sich die beiden sehnen: Schwerelosigkeit, Ruhe und die Abwesenheit von allem außer dem Partner. In Jans Fall tritt dabei vor allem in den Badewannenszenen immer wieder das Motiv des Erstickens hervor. Obwohl es so einfach scheint, so kann er doch nicht vor dem Leben fliehen und muss immer wieder aufs Neue seinen Dämonen gegenübertreten.

Wie die Infektion Jans Familie beeinflusst, wird erst nach und nach deutlich. Da ist der Großvater, der an dem Unfall beteiligt war, der zur verhängnisvollen Transfusion führte. Dort sind die nach außen hin starke Mutter, die innerlich langsam zerbricht und der Vater, der unfähig ist, seine Emotionen zu zeigen und immer gehofft hat, mit seinem Sohn boxen gehen zu können. Je mehr Jan in der Beziehung zu Nina die eingeübten Verhaltensweisen ablegt, desto mehr eskaliert die Situation, und die tiefer liegenden Emotionen treten zum Vorschein. Hier steht eindeutig die Tabuisierung oder zumindest die mangelnde Kommunikation über ein einschneidendes Erlebnis am Pranger. Der Film hält damit dem Bild der heilen Welt, das mit so viel Mühe gepflegt wird, einen Spiegel vor und fordert es heraus, indem er den Störfaktor Nina wie eine Bombe einschlagen lässt.

Doch auch das andere Extrem, die extreme Offenheit wird nicht glorifiziert. In Ninas Umfeld sind schon im Teenageralter Vibratoren, Prostitution und Alkohol altbekannte Themen. Dadurch ist sie zwar über alle Massen schlagfertig und kann sich in dem rauen Umfeld behaupten, musste aber viel zu schnell erwachsen werden. Sie genießt daher die unbekümmerten Stunden mit Jan und lässt sich von seiner Carpe-Diem-Einstellung anstecken. So zeigt ihre enorme Risikofreude und Spielwut eigentlich nur, wie kindliche Verhaltensmuster aussehen, wenn sie erst in der Pubertät ausgelebt werden können. Daraus folgt klarerweise, dass die beiden sich gegenseitig etwas geben, was sie zuhause nicht finden. Sie machen damit die ersten Schritte auf dem Weg des Erwachsenwerdens und werden dabei mit essentiellen Fragen konfrontiert: Wem kann ich vertrauen? Wie gehe ich mit Zurückweisung um? Welchen Unterschied kann ich in der Welt machen?

All diese Themen werden durch eine unaufdringliche Liebesgeschichte zusammengehalten. Mit genau dem richtigen Tempo kommen sich die Protagonisten näher. Nach dem dramatischen Höhepunkt zerplatzt die Verliebtheits-Blase zwar vorerst, aber nur um sich zum Ende des Films hin wieder neu zu formen und stärker als vorher zu sein. Insofern stellt die Liebesgeschichte eine Hyperbel zu allen anderen Handlungssträngen dar. Auch wenn es zwischenzeitlich Krisen durchzustehen gilt, so lohnt es sich doch zu kämpfen. Am Ende werden durch mehrere Ereignisse alte Bande von Nina und Jan gekappt, sodass sie unbekümmerter in einer gemeinsame Zukunft blicken können. Ein wirklich beeindruckend unaufdringlicher Film, der das Thema HIV behutsam und sensibel verarbeitet und dabei sowohl gut unterhält, als auch zum Nachdenken anregt.  

Hendrik Neumann / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Fickende Fische


Deutschland 2002
Regie & Drehbuch: Almut Getto;
Darsteller: Tino Mewes (Jan), Sophie Rogall (Nina), Annette Uhlen (Lena Borcherts), Hans-Martin Stier (Hanno Borcherts), Ferdinand Dux (Opa Borcherts), Angelika Milster (Angel), Jürgen Tonkel (Wolf), Thomas Feist (Roger), Uwe Rohde (Onkel Dieter), Ellen Ten Damme (Caro), Suzanne Vogdt (Eva), Adrian Zwicker (Jonas), Veit Stübner (Dr. Weishaus) u.a.;
Produzent: Herbert Schwering; Koproduzentinnen: Andrea Hanke (WDR), Claudia Simionescu (BR); Kamera: Andreas Höfer; Musik: Tom Deininger, Sten Servaes; Schnitt: Ingo Ehrlich;

Länge: 104 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der ottfilm GmbH; Kinostart: 15. August 2002

Auszeichnungen:
NRW Nachwuchspreis für Regie 2001
Max-Ophüls-Preis 2002: Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten (zweithöchste Auszeichung des Festivals)



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Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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