12.03.2016

Episodenfilm nach Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe

Extraordinary Tales

Ein Zwiegespräch auf dem Friedhof: Edgar Allan Poe, der Rabe, sieht sich konfrontiert mit dem Tod. Am Ende eines langen verbalen Schlagabtauschs steht nicht weniger als die Frage nach der Unsterblichkeit des Dichters. Die Antwort fällt doppeldeutig aus: "Nimmermehr", spricht der Rabe. Der Körper des Schriftstellers ist vergänglich, seine Texte werden ihn überdauern.

Was Filmadaptionen betrifft, hat die Zugkraft Poes seit dem Höhepunkt in den Sechzigerjahren nachgelassen. Mit "Extraordinary Tales", fünf Episoden, gerahmt von dem Gespräch zwischen Rabe und Tod, leistet Raul Garcia einen Beitrag, Poe am Leben zu erhalten, wobei seine Umsetzung insofern eine Besonderheit darstellt, als es sich um einen reinen Animationsfilm handelt. Dass der Regisseur fünf der bekanntesten Kurzgeschichten ausgewählt hat – keine Vorlage, die nicht bereits verfilmt wäre –, Geheimtipps also ausbleiben, erweist sich als unproblematisch. Auf Werktreue wurde bei den bisherigen Verfilmungen selten Wert gelegt. Garcia arbeitet mit dem erklärten Ziel, sich der Vorlage so weit wie möglich anzunähern, will den Geist der jeweiligen Geschichte einfangen. "Extraordinary Tales" übernimmt Passagen des Originaltexts, überzeugt in visueller Hinsicht aber mit eigenständigen Ideen. Bei der Suche nach einer treffenden Bebilderung lässt Garcia seiner Fantasie freien Lauf.

Der Stil der Animationen variiert von Episode zu Episode. So zeigt sich das titelgebende Anwesen in "Der Untergang des Hauses Usher" expressionistisch verfremdet; der Regisseur nennt Edvard Munch als Einfluss und den tschechischen Puppentrickfilm. Völlig anders "Die Tatsachen im Fall Waldemar". Anfangs in einzelne Panels aufgelöst, steht die Episode in der Tradition der EC Comics der Fünfziger, die schon 1982 und 1987 in den von Stephen King geschriebenen "Creepshow"-Filmen aufgegriffen wurde. Düstere Bilder dominieren "Grube und Pendel": die Festung von Toledo, die nichts Gutes verheißt. Welch ein Kontrast "Die Maske des Roten Todes" – farbenfroh, Anklänge an Aquarellmalerei, beschwingte Tanzszenen, der ausschweifende Maskenball mit seinen Vergnügungen, unmittelbar bevor die Stimmung kippt...

"Das verräterische Herz", mit Ausnahme des fließenden Blutes ganz in Schwarz-Weiß, ist minimalistisch und zugleich maximal effektiv. Störgeräusche begleiten den Erzähler, die Tonspur knistert und knackt, eine schlecht erhaltene Aufnahme von Bela Lugosi, die gerade deshalb, weil die Restauration sich fernab gewohnter Standards bewegt, perfekt zu den verstörenden Bildern passt. Die übrigen Episoden sind mit Christopher Lee (in einer seiner letzten Rollen) und Julian Sands nicht minder hochkarätig besetzt, dazu gesellen sich die genreaffinen Regisseure Guillermo del Toro und Roger Corman (ein Cameoauftritt als Prinz Prospero) sowie die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke. Eine deutschsprachige Fassung ist noch nicht angekündigt; gegenüber der Prominenz des Originals kann eine deutsche Synchronisation nur verlieren, denn Sprecher mit vergleichbarem Standing existieren hierzulande nicht. Als bestmögliche Lösung könnte man sich vorstellen, aus dem einschlägigen Hörbuchbereich bekannte Sprecher wie David Nathan einzusetzen.

Aus einer Struktur von fünf Episoden plus Rahmenhandlung und einer Gesamtlaufzeit von circa siebzig Minuten ergibt sich zwangsläufig, dass die Teilfilme nicht allzu lang sein dürfen. Bei Episoden, die auf Kurzgeschichten von wenigen Seiten basieren, bringt das kaum Schwierigkeiten mit sich, aber "Der Untergang des Hauses Usher" musste im Vergleich zu Poes Erzählung spürbar gestrafft werden. Seinem Anspruch, den Geist der Vorlage zu bewahren, wird Garcia gerecht, allerdings bleibt ungenutztes Potenzial. Ein paar zusätzliche Minuten, etwas mehr Zeit für Details und aus einem sehr guten Segment wäre ein hervorragendes geworden. Bei "Grube und Pendel", einer Episode, die Fotorealismus anstrebt, macht sich das sicherlich schmale Budget bemerkbar. Insbesondere die Animation des Protagonisten wirkt unfertig. Von solchen Mankos sollte sich das geneigte Publikum jedoch nicht abschrecken lassen. Wer sich für Poe begeistert, kommt an Garcias Film nicht vorbei.

"Das verräterische Herz" und "Der Untergang des Hauses Usher", die wahrscheinlich gelungensten Episoden, wurden 2005 und 2012 bereits einzeln veröffentlicht, beide waren in der Kategorie Bester animierter Kurzfilm auf der Shortlist für den Oscar. Nun ist der Langfilm fertiggestellt, und obwohl über einen Zeitraum von neun Jahren entstanden, fügen die Segmente sich mühelos zusammen, erwächst aus formal divergierenden Schauergeschichten ein ästhetisches Ganzes, ein atmosphärisch dichtes Werk, das dem Raben zu neuem Leben verhilft: "Extraordinary Tales" ist eine der besten Poe-Verfilmungen.  

Marcus Gebelein / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Extraordinary Tales
(Extraordinary Tales)

Luxemburg/Belgien/Spanien/USA 2013
Regie & Drehbuch: Raul Garcia;
Mitwirkende Sprecher: Roger Corman, Guillermo del Toro, Cornelia Funke, Stephen Hughes, Christopher Lee, Bela Lugosi (Archivaufnahme), Julian Sands u.a.;
Produzent: Stéphan Roelants; Musik: Sergio de la Puente;

Länge: 103 Minuten; Kinostart: unbekannt



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"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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