14.05.2016

Ewige Jugend


Optisch ist der Film ein Rausch. Die Schweizer Bergwelt mit dem Super-Luxus-Hotel wird unnachahmlich eingefangen, alle Szenen in den Zimmern, den Bädern, den Gärten, auf den Bergwiesen wirken gestaltet wie Gemälde, die Kameraeinstellungen und -fahrten wechseln ständig (Großaufnahme, Panorama, Froschperspektive, Vogelperspektive...) und passen sich geschmeidig dem Geschehen an, wie auch der technisch ausgetüftelte Soundtrack aus Pop- und klassischer Musik. Ein Hauch von "Zauberberg" wird spürbar. Aber trotz der interessanten Themen (Alter, Jugend, Rückschau, Schönheit, Kunst...) und der schauspielerischen Glanzleistungen ist der Film insgesamt doch enttäuschend. Der Trailer vermittelt ein falsches Bild: die wenigen Gags sind hier zusammengefasst, es sind aber auch alle! Die Dialoge wirken oft pseudophilosophisch, die Handlung übertrieben (z.B. der Hitler-Auftritt des jungen Schauspielers Jimmy Tree), die Zusammenhänge bisweilen unklar. Die im Netz verbreiteten Meinungsäußerungen gehen weit auseinander. Ein User schreibt, er sei "erstmalig drauf und dran" gewesen, "einen Film nicht bis zum Ende anzuschauen", ein anderer dagegen meint, es war "ein Film, den ich zweimal sehen musste."

Wovon handelt der Film? Fred Ballinger (Michael Caine) ist ein berühmter Komponist und Dirigent, der nun im Ruhestand lebt. Er verbringt seinen Urlaub in besagtem exklusiven Wellness-Hotel, zusammen mit seinem Freund Mick Boyle (Harvey Keitel), der trotz seiner 80 Jahre mit seinem Team am Drehbuch seines aktuellen Films arbeitet. Ballingers schöne Tochter Lena (Rachel Weisz) ist zugleich seine Assistentin, auch sie wohnt im Hotel. Sie wird von ihrem Mann Julien (Ed Stoppard), dem Sohn Micks (!), verlassen, der sich in den schrägen Popstar Paloma Faith (spielt sich selbst) verliebt – Grund: Sie sei gut im Bett. Als ein Abgesandter des Buckingham-Palastes Ballinger bittet, noch einmal vor der Queen aufzutreten, lehnt dieser ab. Keine andere Sängerin als seine Frau dürfe seine "Simple Songs" vortragen, und seine Frau könne nicht mehr singen. (Am Ende erfährt man, dass sie in Venedig in geistiger Umnachtung in einer Klinik lebt.) Umgeben wird dieses Ensemble von verschiedenen liebevoll charakterisierten Nebenfiguren: dem jungen Schauspieler Jimmy Tree (Paul Dano), der Masseurin (Luna Zimic Mijovic), der Miss Universum (sehr sexy: Madalina Diana Ghenea), der alternden Diva Brenda Morel (Jane Fonda), die ihre Rolle in Micks Film mit einer beißenden Kritik an ihrem ehemaligen Förderer absagt. Einige skurrile Auftritte hat ein ungemein dicker Kurgast, den man zunächst gar nicht als Diego Maradona erkennt.

Ein Reigen unterschiedlichster künstlerisch tätiger Personen, in deren Gesprächen und Aktionen das Thema durchdekliniert wird: Was ist Leben, was ist Kunst? Kann man im Alter noch kreativ sein? Was ist Liebe? Im Mittelpunkt stehen die beiden alten Stars: Musiker und Regisseur. Ballinger ist ja keineswegs so apathisch, wie der Arzt glaubt, und Boyle will ja noch einmal ein großes Alterswerk schaffen. Caine und Keitel spielen voll auf, sind einander gegenüber, aber auch mit Blick auf die Kurgäste, frech, ironisch und zynisch, philosophieren ständig, ob beim Essen, beim Baden, beim Spazierengehen.

Der italienische Arthaus-Regisseur Paolo Sorrentino ist sicher ein Meister seines Fachs. Das zeigte schon sein opulenter Film "La grande bellezza". Aber trotz der erlesenen Schönheit der Bilder und der genialen Details hat die Tragikomödie "Ewige Jugend" eine eher künstliche als künstlerische Aura und wirkt stellenweise larmoyant, langatmig und überkonstruiert.

Vielleicht sollte man mal ein Lob an die Synchronsprecher richten, sie sind vorzüglich, allen voran Jürgen Thormann als Stimme von Michael Caine (auch bekannt als Stimme von Peter O'Toole, Jean Rochefort, Henry Fonda, Max von Sydow u.v.a.) und Joachim Kerzel als Stimme von Harvey Keitel (auch bekannt als Stimme von Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper u.v.a.).  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Ewige Jugend (Youth) 
 
Italien/Frankreich/GB/Schweiz 2015
Regie & Drehbuch: Paolo Sorrentino;
Darsteller: Michael Caine (Fred Ballinger), Harvey Keitel (Mick Boyle), Rachel Weisz (Lena Ballinger), Paul Dano (Jimmy Tree), Jane Fonda (Brenda Morell), Roly Serrano (Diego Maradona), Alex MacQueen (Abgesandter der Queen), Ed Stoppard (Julian Boyle), Paloma Faith (sie selbst), Madalina Diana Ghenea (Miss Universe) u.a.;
Produzenten: Nicola Giuliano, Francesca Cima, Carlotta Calori; Kamera: Luca Bigazzi; Musik: David Lang; Schnitt: Cristiano Travaglioni;

Länge: 124,27 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Wild Bunch Germany GmbH; deutscher Kinostart: 26. November 2015



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<14.05.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe