19.07.2019

Engel des Bösen
- Die Geschichte eines Staatsfeindes

Renato Vallanzasca (Kim Rossi Stuart), der verwegene und in Italien legendäre Gangster, bleibt stets der erzählerische Fixpunkt der Filmbiografie "Engel des Bösen". Von den Siebzigern bis in die frühen Neunziger bebildert der italienische Regisseur Michele Placido den Werdegang seines Protagonisten, wobei er wie ein alter Western-Biograf an Vallanzascas Seite klebt und alle Nebenfiguren der Dominanz der Hauptfigur unterordnet. Der Regisseur ist mehr an einer akribischen Aufbereitung der wahren Ereignisse interessiert, als an einer in sich schlüssigen Filmerzählung.

Ein wenig erinnert "Engel des Bösen" an die journalistische Arbeit, die Paolo Sorrentino vor zwei Jahren mit seiner Giulio-Andreotti-Biografie "Il Divo" leistete: Hier wie dort geht das Drehbuch davon aus, dass der Zuschauer zumindest die Eckdaten der Geschichte bereits kennt, und versucht eine Perspektive auf den (italienischen) Mythos einzunehmen. Die Sichtweise, die "Engel des Bösen" auf Renato Vallanzasca einnimmt, ist dabei eine recht einseitige. Zwar blendet Placido die von seiner Hauptfigur ausgeführten oder befohlenen Gewalttaten keineswegs aus, unterm Strich überwiegt jedoch die Faszination für den kriminellen Lebemann: Von schönen Frauen, Pressevertretern und dem kleinen Mann umschwärmt, von Kim Rossi Stuart charismatisch und attraktiv verkörpert, erscheint der Bankräuber und Mörder als ein smarter Beau mit Ehrenkodex, der so tollkühn ist, dass er noch aus jedem Gefängnis ausbricht.

Wer die Biografie von Renato Vallanzasca nicht kennt, muss bei der Sichtung von "Engel des Bösen" zwangsläufig Einbußen hinnehmen. Erklärungen und zeitliche Kontextualisierungen liefert das Drehbuch kaum, was es mitunter erschwert, die vielen handelnden Personen einzuordnen. Die Inszenierung von Michele Placido trägt mit einigen unmotivierten visuellen Spielereien, zeitlichen Sprüngen und dem hohen Erzähltempo ebenfalls dazu bei, dass "Engel des Bösen" in die Summe seiner Einzelteile zerfällt. Schlussendlich bleibt nur die eindrückliche Performance von Kim Rossi Stuart, die den Film zumindest phasenweise aufwertet – den berüchtigten Kriminellen lernt das Publikum jedoch kaum kennen.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Engel des Bösen - Die Geschichte eines Staatsfeindes
(Vallanzasca - Gli angeli del male)

Italien/Frankreich/Rumänien 2010
Regie: Michele Placido;
Darsteller: Kim Rossi Stuart (Renato Vallanzasca), Filippo Timi (Enzo), Valeria Solarino (Consuelo), Moritz Bleibtreu (Sergio), Paz Vega (Antonella D'Agostino), Francesco Scianna (Turatello), Gaetano Bruno (Fausto), Lino Guanciale (Nunzio), Paolo Mazzarelli (Beppe), Nicola Acunzo (Rosario), Giorgio Careccia (Carmelo) u.a.;
Drehbuch: Kim Rossi Stuart, Michele Placido, Antonio Leotti, Toni Trupia, Andrea Leanza und Antonella D'Agostino nach dem Buch von Renato Vallanzasca, Carlo Bonini und Antonella D'Agostino; Produzent: Elide Melli; Kamera: Arnaldo Catinari; Musik: Negramaro; Schnitt: Consuelo Catucci;

Länge: 128,02 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 24. Februar 2011



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Zitat

"Immer, wenn ich 'Mr. Fonda' höre, schaue ich zur Tür in Erwartung, dass er zurückkommt."

("Whenever I hear 'Mr. Fonda', I look over at the door, figuring he's come back.")

Schauspieler Peter Fonda (23. Februar 1940 - 16. August 2019) über seinen übermächtigen Vater, Schauspieler Henry Fonda (1905 - 1982)

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