18.02.2013
Mutter Betties Fahrt ins Glück

Madame empfiehlt sich


"Es gibt in meinem Leben nicht einen Moment, der mir einfallen würde, der nicht von einem ihrer Filme beeinflusst ist", sagt Emmanuelle Bercot über die Hauptfigur ihrer bigotten Belanglosigkeit. Auch im Leben der Protagonisten gibt es keinen Moment, der nicht vom Film beeinflusst wäre. Allerdings sind es nicht Leinwandklassiker einer französischen Filmikone, sondern der Horrorfilm eines Mainstream-Regisseurs.

Madame empfiehlt sich: Catherine Deneuve "Es gibt gewisse Regeln, die man einhalten muss, um erfolgreich einen Horrorfilm zu überleben", verkündet in jenem Werk ein Charakter. Bercots Heldin Bettie (Catherine Deneuve) verstößt gegen sie alle. Den moralistischen Horror von "Madame empfiehlt sich" überlebt sie folglich nicht – zumindest nicht erfolgreich. Alles, weil sie den ungeschriebenen Gesetzen von Bürgertum und Patriarchat nicht gehorcht. "Regel Nummer eins: Du kannst keinen Sex haben." Bettie hat Sex. Da die Regisseurin und Drehbuchautorin so prüde ist wie das verstaubte Sittenkonzept, das sie idealisiert, verschließt sie die Kameralinse, doch nicht die Augen vor Betties Sünde mit dem weit jüngeren Marco (Paul Hamy). Ihren Genusslust kompensiert Bettie mit dem Bruch der nächsten Regel: "Nummer zwei: Du kannst nie trinken oder Drogen konsumieren." Bettie trinkt und konsumiert Drogen. Erstes führt zu der Bettgeschichte. Zweites ist der Anlass ihres Aufbruchs, der nebenbei emotionaler Zusammenbruch, privater Umbruch und der nächste Regelbruch ist.

"Nummer drei: nie, niemals, unter irgendwelchen Umständen sag: Ich komm gleich wieder. Denn du wirst nicht wieder kommen." Bettie sagt "Ich komm gleich wieder" und geht bloß schnell Zigaretten holen. Unzählige Menschen sind davon nie zurückgekehrt. Eine davon ist Bettie, die ihr eigenes Restaurant auf der Suche nach Zigaretten zurücklässt und ins Auto steigt. Der Wagen ist ein Klassiker, der seine besten Tage längst hinter sich hat; wie die Fahrerin, die einst regionale Schönheitskönigin war. "Miss Normandie" 1969 kennen lediglich die Miss-Wahl-Kuratoren, die sie mit Telefonanfragen zu einem Jahrgangs-Treffen plagen. Gleiches tut Bettie mit dem Langzeitliebhaber, der sie abrupt verlässt. Derart frustriert muss sie wenigstens die Sucht befriedigen und geht – "Elle s‘en va", zitiert Catherine Deneuve den Originaltitel der seichten Hommage, in der sie womöglich deshalb schlicht Catherine Deneuve ist, weil Bercot es so will.

Madame empfiehlt sich Das inszenatorisch und dramatisch gleichermaßen fade Roadmovie ist auf doppelter Ebene ein Familienfilm über Mütter und Kinder. Enkel Charly, den die mit ihrer Tochter (Camille) entzweite Bettie unterwegs kennenlernt, spielt Nemo Schiffman, Sohn von Kameramann Guillaume Schiffman und Bercot. Sie inszeniert sich indirekt als Tochter Deneuves/Betties, die beim Abschlussfoto, wo den Schönheitsköniginnen eine Werbekampagne unterbreitet wird, zusammenbricht. Der einen Karriereschritt verhindernde Schwächeanfall spiegelt den Autounfall, der einst Betties Teilnahme an der Miss-Frankreich-Wahl vereitelte. Technische, materielle und physische Kondition versperren ihr hartnäckig den autarken Weg, den sie bisher vergebens verfolgte. Nun lenkt sie ihr Dasein wortwörtlich in konservative Bahnen. Vereinzeltes Aufbegehren bestraft der Plot umgehend. Bettie wird beschimpft, steht erst ohne Geld da, dann ohne Auto und schließlich im Regen.

Jede Station zeigt ihr, dass sie ausgeliefert ist ohne Mann, und sei es nur ihr Enkel. Ihn ersetzt der Großvater, der Bettie im Krankenhaus aufsucht. Dorthin bringt sie die Ohnmacht, in der ihre Hilflosigkeit kulminiert. Nach dem Erwachen ist sie auf dem Weg der Besserung, körperlich und charakterlich. Ihre Rekonvaleszenz zum Reaktionismus verklärt das Bravourstück an Bourgeoisie mit einer Familienszene, bei der sich die Provinzelite im Landhausidyll zum Gartenschmaus trifft. Wie es sich für eine anständige Tochter, Mutter und Oma gehört steht Bettie dort statt im eigenen Restaurant in der Küche des Kindesvaters, um den Bürgermeisterkandidaten, seine Freunde und vier Generationen zu bekochen. Wie sie zu Filmbeginn erkennt: "Ich bin eine liebende Frau, die betrogen wurde." Vom Leben und einem Film, der Selbsteinkerkerung als Selbstbefreiung ausgibt.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Jean-Marie Leroy (Foto oben), Fidelité (Foto unten) über berlinale.de

 
Filmdaten 
 
Madame empfiehlt sich (Elle s'en va) 
 
Frankreich 2013
Regie: Emmanuelle Bercot;
Darsteller: Catherine Deneuve (Bettie), Nemo Schiffman (Charly), Gérard Garouste (Alain), Camille (Muriel), Claude Gensac (Annie) u.a.;
Drehbuch: Emmanuelle Bercot, Jérôme Tonnerre; Produktion: Fidelité Films; Produzenten: Olivier Delbosc, Marc Missonnier; Kamera: Guillaume Schiffman; Schnitt: Julien Leloup;

Länge: 113,13 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Wild Bunch Germany GmbH; deutscher Kinostart: 13. Februar 2014
ein Film im Wettbewerb der 63. Berlinale 2013



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der Film im Katalog der 63. Berlinale 2013
<18.02.2013>


Traueranzeige

verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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