07.03.2017

Elle (2016)


Elle (2016): Filmplakat So wurde die Geschichte einer Vergewaltigung noch nie erzählt. Interessiert, aber ohne Anteilnahme verfolgen in der ersten Szene die Augen ihrer Katze, wie ein maskierter Mann auf dem Fußboden ihrer Wohnung über Michèle Leblanc herfällt. Als ob damit gleich zu Beginn die Haltung des Erzählens bestimmt würde. Der Film wird keine Stellung beziehen zu all den Tabus, die in seinem Verlauf gebrochen werden: Sei es der Massenmord, den Michèles Vater vor vielen Jahren in dem Viertel begangen hat, wo sie heute noch lebt, der Toyboy, den ihre greise Mutter Irène sich hält, Michèles Affaire mit Robert, dem Mann ihrer besten Freundin Anna oder das Spiel, auf das sie sich mit ihrem Vergewaltiger einlässt. Der Zuschauer ist alleine, mit sich und einer Vielzahl offener Handlungsstränge, die unaufgeregt und souverän um die Schatten und Abgründe der Gesellschaft kreisen. So entsteht die Möglichkeit, einen neuen und freien Blick zu gewinnen auf Schuld und Scham, auf Liebe, Freundschaft und Familie.

Sexualität und Gewalt wurden in früheren Filmen des Regisseurs Paul Verhoeven ("Basic Instinct", "Türkische Früchte") in einer Weise dargestellt, die zum Teil heftige Kritik zur Folge hatte. In "Elle" läuft die Verbindung der beiden Themen auf einer rasiermesserscharfen Grenzlinie der Provokation. Die Souveränität der Protagonistin, die Art der Darstellung könnte dem Film leicht den Vorwurf einhandeln, seinen Gegenstand in verharmlosender Weise zu behandeln.

Nachdem der maskierte Vergewaltiger ihr Haus verlassen hat, fegt Michèle mit Schaufel und Handbesen die Scherben einer Vase zusammen. Wegen Unterleibsblutungen lässt sie sich ein Bad mit viel Schaum ein, indem sie dann regungslos liegen bleibt. Vielleicht ist es dieser stille Moment, in dem in der gestandenen Frau die Entscheidung reift, dass sie das Stigma eines Vergewaltigungs-Opfers nicht tragen will.

Elle (2016): Christian Berkel, Isabelle Huppert Denn sie war schon einmal das Opfer gesellschaftlicher Stigmatisierung. Vor über vierzig Jahren ist ein Bild durch die Medien gegangen, auf dem sie als kleines Mädchen zu sehen war, in Unterwäsche, über und über mit Asche bedeckt vor den schwelenden Überresten des Mobiliars ihres Elternhauses. Nachdem ihr Vater in einem religiösen Wahn 27 Menschen, darunter auch Kinder, umgebracht hatte, war er blutbespritzt nach Hause gekommen und hatte gemeinsam mit seiner Tochter all ihren Besitz verbrannt. Bis in die Gegenwart des Films, in der Michèle erfolgreich eine kleine Computerspiel-Firma leitet, muss sie als "Psycho-Tochter" eines Massenmörders Anfeindungen von Unbekannten aushalten, sich als krank und ekelerregend beschimpfen lassen.

Gerade in diesem Trauma liegt Michèles Stärke und das Besondere dieser Filmfigur. Sie weiß, wie man gegen den Sog eines Abgrundes sein Leben in einer Art von Normalität führt.

Als sich in der Badewanne an der Oberfläche des Schaums auf der Höhe ihres Unterleibs ein roter Blutfleck in markanter Dreiecksform bildet, wischt sie ihn mit zittriger Hand weg. Später mit Freunden, beim Essen in einem Restaurant räuspert sie sich nur kurz und sagt dann geradeheraus, dass sie vergewaltigt worden sei – bevor es zum Essen und zum Champagner übergeht. Die entstehende Szene ist komisch, mit einer zerbrechlichen, stets gefährdeten Leichtigkeit inszeniert, die überhaupt die Grundstimmung des Films ausmacht.

Mit der Polizei will Michèle nichts zu tun haben, nicht noch einmal in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Als sie von einer unbekannten Nummer sexuell anzügliche SMS erhält, nimmt sie mit der ihr eigenen Professionalität selbst die Suche nach ihrem Vergewaltiger auf. Dabei entsteht ein gefährliches und erotisches Spiel mit der Gewalt.

Elle (2016): Isabelle Huppert Dem Vorwurf der Verharmlosung entzieht sich der Film dabei durch Isabelle Hupperts differenziertes Spiel. Immer scheint auch die Verletzbarkeit und Angst unter ihrer harten Souveränität durch, lässt uns trotz ihrer Stärke und Kälte mit dieser Figur fühlen. Der Film befreit in der Figur der Michèle die Vergewaltigung von der ihr verliehenen Stigmatisierung, ohne den Schrecken und das Brutale an ihr zu leugnen. Wie nebenbei vollbringt der Film eine feministische Meisterleistung, indem er überzeugend und ohne jede Prätention zeigt: Eine Frau muss sich von einer Vergewaltigung nicht ihre Würde nehmen lassen.

Um dieses Kernthema herum sind viele hervorragend choreographierte Szenen erzählt: Wie Michèle beim Entwickeln der Spiele all die männlichen Nerds herumkommandiert, die für sie arbeiten, die Stelldichein mit Robert, eine Begegnung mit der neuen Freundin ihres Schriftsteller-Exmannes, die Konflikte ihres Sohnes Vincent mit seiner verrückt-berechnenden Freundin Josie, ein Weihnachtsessen mit den schrägen Nachbarn; all das ist ausgezeichnet in Szene gesetzt und gespielt und trägt trotz seiner Vielseitigkeit zum Grundthema des Films bei: einem nüchternen, und auf diese Weise würdevollen Umgang mit Schuld und Scham, mit den Abgründen unserer Existenz.  

Simon Probst / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: 2016 SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinema, Entre Chien et Loup

 
Filmdaten 
 
Elle (2016) (Elle (2016)) 
 
Frankreich/Deutschland/Belgien 2016
Regie: Paul Verhoeven;
Darsteller: Isabelle Huppert (Michèle Leblanc), Laurent Lafitte (Patrick), Anne Consigny (Anna), Christian Berkel (Robert), Charles Berling (Richard Leblanc), Virginie Efira (Rebecca), Judith Magre (Irène Leblanc) u.a.;
Drehbuch: David Birke nach dem Roman "Oh..." von Philippe Djian, adaptiert von Harold Manning; Produzenten: Saïd Ben Saïd, Michel Merkt; Kamera: Stéphane Fontaine; Musik: Anne Dudley; Schnitt: Job ter Burg;

Länge: 125,50 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von MFA+ FilmDistribution e.K.; deutscher Kinostart: 16. Februar 2017

Auszeichnungen:
Golden Globe Award 2017 für Isabelle Huppert;
Huppert war auch für den Academy Award (Oscar) 2017 nominiert
zahlreiche weitere Preise



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<07.03.2017>


Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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