12.02.2015
Berlinale-Wettbewerbsfilm

Eisenstein in Guanajuato


"Ein langes, sich hinziehendes sinnloses Abenteuer, das nirgendwo hinführt", nennt Finanzmanager Hunter Kimbrough (Stelio Savante) das Filmvorhaben des manischen Regisseurs Sergei Eisenstein (Elmer Bäck) in Mexiko. Oder spricht er tatsächlich von Peter Greenaways wahnwitziger Persiflage?

Eisenstein in Guanajuato Der britische Filmemacher zitiert auf der Pressekonferenz zu seinem Bärenkandidaten seinen Landsmann John Donne in einer persönlichen Version: "No film is an island." Es gibt immer einen filmhistorischen Bezug, wenn nicht im Kopf des Regisseurs, dann in dem des Zuschauers. Der ist auf der Berlinale mal belustigt, mal irritiert und bisweilen abgestoßen von der gewagten Groteske, die trotz ihrer allzu angestrengten Offensivität beeindruckt. Mit lustvoller Drastik illustriert der von Körperflüssigkeiten und Exkrementen mindestens ebenso wie von seinen ewigen Themen Sex und Tod faszinierte Greenaway die Exzessivität seiner Titel- und Symbolfigur. Der Hauptcharakter ist weniger Abbild des realen Eisenstein als eine weitere der exzentrischen Allegorien, die Greenaways Caliban von einem Film überall und in alle Richtungen herstellt: Sub, Hyper, Mega und nicht zu vergessen Metaebenen stapeln sich in schwindelerregende Höhe, bis das konfrontative Konstrukt in ein babylonisches Sprachgewirr zusammenstürzt. Da liegen sie willkürlich verstreut, all die drolligen Metaphern und Parabeln auf zeitgeschichtliche, politische und intellektuelle Umbrüche. Mitten drin sitzt Eisenstein, in der Hand einen Totenschädel aus Zucker, wie ein speckiger Hamlet.

Ein Prinz der Filmkunst, eine tragische Gestalt, ein Genie, das einen Verrückten spielt oder ein Verrückter, der ein Genie spielt: all das ist der aus dem revolutionierten Russland angereiste Star des jungen Kinos zugleich, als er im Jahr 1931 in Mexico aufschlägt. Seinen Umweg über Europa und das widerspenstige Hollywood rekapituliert er in einer verbalen Salve, die auf seine Entourage die glanzvollen Namen von Film- und Society-Ikonen wie Maschinengewehrkugeln abfeuert. Wer so angibt kompensiert selbstredend einen Minderwertigkeitskomplex, den Eisenstein offen bekennt. Mögliche psychologische Analysen seiner Person nimmt er gern vorweg und formt sie zu Bonmots: "Ich bin ein Ausländer. Im Ausland bin ich wie ein Kind." Das große Kind hüpft auf dem Bett, tollt durch die Gassen und dreht für sein nächstes Projekt "Que Viva Mexico", gesponsert von Upton Sinclair und dessen Gattin Mary (Lisa Owen). Sie drischt in Reithosen paternalistische Affronts, die das vermeintlich idealistische Engagement der US-amerikanischen Künstlerkreise für Eisenstein ähnlich dubios erscheinen lassen wie die Förderung des Sowjetstaats. Der hat den Regisseur so scharf im Auge wie das Banditen-Trio, das unermüdlich vor seinem Hotel abwartet und – wägt, ob er einen Überfall lohnt. "Bei mir ist nichts zu holen", sagt Eisenstein, der sich im weißen Anzug im Hotelcafé wie ein Imperialist die Schuhe polieren lässt und über die Unverzichtbarkeit guter Fußbekleidung schwadroniert – wie über diverse andere Themen. Sein Führer und Verführer Palomino Cañedo (Luis Alberti) erfüllt vor allem die Funktion des homoerotischen Eyecandy und Publikum.

Die Bühne ist das gleich einem Theaterset gestaltete Hotelzimmer. Dort tobt der "wissenschaftliche Dilettant mit enzyklopädischem Interessen" sich müde, obwohl das Schlafen neben seinem attraktiven Begleiter Palomino nicht ohne Risiken und Verlockungen ist. Mancher Kinozuschauer stößt sich womöglich an einer ausgiebigen Sexszene, die meisten jedoch eher daran, dass jede noch so offenkundige Allegorie zu Tode erklärt wird. Fast scheint Greenaway gleich seinem Hauptcharakter zu fürchten, den anderen könnte noch die leichterkenntlichste der grandiosen Ideen entgehen. Die Exorbitanz der Assoziationen hat ihren Reiz, aber letztendlich macht sie überdrüssig. Wie Eisenstein am Telefon ("Death should always be ready to take a call.") ermahnt wird: "Jetzt halt deine Aufregung im Zaum und erzähl mir Sachen, die unsere Zuhörer vielleicht hören wollen!"  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle des Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Eisenstein in Guanajuato (Eisenstein in Guanajuato) 
 
Niederlande / Mexiko / Finnland / Belgien 2014
Regie & Drehbuch: Peter Greenaway;
Darsteller: Elmer Bäck (Sergei Eisenstein), Luis Alberti (Palomino Cañedo), Rasmus Slatis (Grisha Alexandrov), Jakob Öhrman (Eduard Tisse), Maya Zapata (Concepción Cañedo), Lisa Owen (Mary Craig Sinclair), Stelio Savante (Hunter Kimbrough) u.a.;
Produktion: Submarine; Produzenten: Bruno Felix, Femke Wolting, San Fu Maltha, Christina Velasco L; Kamera: Reinier van Brummelen; Schnitt: Elmer Leupen;

Länge: 110,03 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 12. November 2015

Ein Film im Wettbewerb der 65. Berlinale 2015



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<12.02.2015>


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