publiziert 12. Juli 2006

Auflehnung gegen das Angepasstsein

Einer flog über das Kuckucksnest 


Im Jahre 1975 wird der mehrfache Gewalt- und Sexualstraftäter R.P. McMurphy (Jack Nicholson) aus dem Gefängnis in eine Nervenheilanstalt überwiesen, um die letzten Tage seiner Haftstrafe in diesem für ihn scheinbar angenehmeren Umfeld abzusitzen. Er beginnt bald, sich gegen die leitende Schwester der Station, Ratched (Louise Fletcher), welche die Schwächen und Probleme ihrer Patienten gnadenlos gegen diese ausspielt, aufzulehnen.
Ohne sich bewusst zu sein, was für ihn auf dem Spiel steht, provoziert er die Schwestern bei dem Versuch, mehr Menschlichkeit in die Station zu bringen. Dies rächt sich in der Verlängerung seines Zwangsaufenthaltes auf unbestimmte Zeit. Als die Patienten bei einer der täglichen Gesprächssitzungen, die mehr an der Psyche der Insassen zehren als dass sie ihnen nützen, Widerstand leisten, werden aggressive Behandlungsmethoden zu Strafmaßnahmen umfunktioniert. Dies bestärkt McMurphy in seinem Vorhaben, der Anstalt zu entfliehen. Bei seinem Fluchtversuch in der vermeintlich letzten Nacht kommt es zur Eskalation...

Die Paradoxie zwischen Menschlichkeit, zermürbender Alltagsroutine, dem Wunsch nach Selbstbestimmung und der aufgezwungenen Vormundschaft bilden den Kern der im Film wiedergegebenen Konflikte. Mit der Reflexion der Zustände in US-amerikanischen Nervenheilanstalten greift Forman ein damaliges Tabuthema auf. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Ken Kesey aus den sechziger Jahren bietet der Film einen erschreckenden Einblick in die experimentellen Fehlbehandlungen seitens des häufig überforderten Personals und den daraus entstehenden Konsequenzen. Da sich niemand an dieses kontroverse Thema heranwagte, blieb das Projekt lange Zeit unrealisiert, bis man sich letztendlich an eine Umsetzung mit stark eingeschränkten finanziellen Mitteln wagte.

Zunächst dominieren langwierige, sich wiederholende Sequenzen die Sichtweise auf den Film, da dieser zu Beginn keinem direkten Handlungsstrang zu folgen scheint.
Der Zuschauer kann sich schnell in die Hauptperson, die als einzig nachvollziehbares Individuum auftaucht, hinein versetzen, da auch ihm die routinierten Abläufe grotesk und stupide erscheinen. Dauernd wiederkehrende Routine und dieselbe, sich wiederholende Musik verdeutlichen dem Zuschauer die bedrängende Situation der Patienten, sodass man in das Dahinvegetieren derselben mit einbezogen wird. Dennoch wird eine gewisse Distanz zu den Darstellern, mit Ausnahme des Protagonisten, während des gesamten Filmes nicht überwunden, da es für den Zuschauer schwer möglich ist, sich in diesen wieder zu erkennen. Der gesamte Ablauf der Handlung ist darauf ausgelegt, zu verdeutlichen, dass die anlaufende Maschine unaufhaltsam dem Punkt des Durchdrehens entgegenläuft.

Der Film konfrontiert den Zuschauer mit abstrus wirkenden Szenen, welche in ihrer Unwirklichkeit dennoch eine gewisse Faszination hervorrufen.

Milos Forman inszenierte ein andersartiges Werk, welches allen Beteiligten großes Können abverlangte, da die Charaktere vielschichtig und schwer durchschaubar sind. Ziel der darstellerischen Leistung war es nicht, ein ästhetisch schönes Werk zu realisieren, sondern als Spiegelbild der Gesellschaft zu dienen. McMurphys verzweifelter Aufruf an die Patienten: "Ihr seid doch nicht mehr oder weniger verrückt als jedes Durchschnittsarschloch auf der Straße!" zeigt, dass Menschlichkeit selbst aus stabilen Systemen der Grausamkeit ausbricht.

Weder durch aufregende Bilder, noch durch ergreifende Musik wird der Zuschauer an diesen Film gebunden, stattdessen werden ihm nackt und steril wirkende Einstellungen präsentiert; fließende Übergänge fehlen gänzlich. Als Inkarnation der Sterilität kehrt schmutziges weiß während der gesamten Länge des Filmes wieder, wodurch ein entfremdender Eindruck entsteht.

Die klassische Musik, welche einen entscheidenden Bestandteil der Stationsatmosphäre bildet und dabei als Darstellung von Routine genutzt wird, driftet während Szenen des Durchdringens der Menschlichkeit in dissonante Bereiche ab. Damit entsteht als Paradox eine harmonische Musik, eingesetzt als verhasstes Therapiemittel, und wirre, wilde Klänge in Szenen der menschlichen Wärme und Freude.

Paradox wirkt ebenfalls die "Besetzung" der Abteilung, da keinerlei Unterscheidung zwischen geistig Behinderten und psychisch Gestörten getroffen wird. Dabei werden nicht nur die inakzeptablen Behandlungsmethoden und die fehlende Kompetenz des Personals angesichts psychischer Störungen aufgegriffen, sondern ebenso auch die Abschiebung von (psychisch) Schwächeren seitens der Gesellschaft.

Trotz seiner Auszeichnung mit fünf Oscars (darunter für den Besten Film) gilt der Film als umstritten und gewagt. Diese Einschätzung hält bis zum heutigen Tage an, auch da die Thematik trotz ihres Alters noch immer nicht veraltet ist, sondern der Schlüsselkonflikt seine Aktualität beibehält.

Gemeinschaftsrezension von Mats Moskopp, Esther Trilsch und Juliane Ulbricht / Wertung:  * * * * *  (5 von 5) 
 


 
Filmdaten 
 
Einer flog über das Kuckucksnest 
(One Flew over the Cuckoo's Nest) 
USA 1975 

Regie: Milos Forman;
Darsteller: Jack Nicholson (R.P. McMurphy), Louise Fletcher (Schwester Ratched), Will Sampson (Häuptling Bromden), Danny DeVito, William Redfield, Vincent Schiavelli u.a.; Drehbuch: Lawrence Hauben, Bo Goldman nach dem gleichnamigen Roman von Ken Kesey; Produktion: Michael Douglas, Saul Zaentz; Kamera: Haskell Wexler; Musik: Jack Nitzsche; Länge: 134 Minuten; FSK: ab 12 Jahren



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