18.06.2019
Mut zum Menschlichsein in einer rohen Gesellschaft

Eine moralische Entscheidung


Eine moralische Entscheidung Kaveh Nariman ist nachts mit dem Auto in Teheran unterwegs, als ihn ein Raser von der Straße abdrängt und er ein Motorrad rammt, das rechts neben ihm fährt. Auf dem umgestürzten Motorrad saß eine vierköpfige Familie, völlig ungesichert, ohne Helme. Kaveh ist Arzt und er fängt sofort an, alle zu untersuchen und zu versorgen. Er bietet wiederholt seine Hilfe an, alle oder nur den achtjährigen Jungen, der leichte Schmerzen zu haben scheint, ins Krankenhaus zu fahren. Er möchte nicht die Polizei rufen, weil seine Versicherung abgelaufen ist, aber er bietet finanzielle und immer wieder medizinische Unterstützung an. Der geschädigte Familienvater Moosa weigert sich jedoch unerklärlicherweise, die Hilfe anzunehmen. Er nimmt widerspenstig etwas Geld an, und verspricht, ins Krankenhaus zu fahren, aber er fährt dann doch daran vorbei. Am nächsten Tag wird der Junge in Kavehs Klinik der Gerichtsmedizin zur Autopsie eingeliefert – er ist tot.

Die Autopsie ergibt zunächst eine andere Todesursache als den Unfall – dadurch ist Kavehs Schuldgefühl erstmal in Frage gestellt. Aber die Autopsie hat auch nicht Spätfolgen eines Unfalls untersucht, weil Kaveh ihn verheimlicht hat. Moosa seinerseits sucht Rache bei der Person, die er für schuldig hält, ist aber auch von Scham geplagt, weil er seinen Sohn nicht behandeln ließ.

Eine moralische Entscheidung Der Film ist eine Charakterstudie der zwei Männer, Kaveh und Moosa, die in tiefe moralische Verzweiflung geraten. Und gleichzeitig ist der Film eine dokumentarische Aufnahme der infrastrukturellen und gesellschaftlichen Mängel im Iran, bedingt durch knochenharte Armut und einen Staat, der darin versagt, seine Bürger zu schützen. Laxe Verkehrsregeln und Versicherungspraktiken, ungesichertes Terrain mit Löchern, in die man zu Tode stürzen kann, ungenügende Kontrollen der Mitarbeiter in Fabriken, keine finanziellen Hilfen für Familien Arbeitsloser. So trifft die Armut am Ende die Schwächsten. Und so können Situationen eskalieren, Todesopfer fordern, die vermeidbar wären. Menschliche Verrohung droht, wenn niemand die Verantwortung für die sinnlosen Opfer übernimmt. Von Schutz des Gesetzes und staatlicher Fürsorge entbehrt, reduzieren sich Tragödien darauf, wie viel Menschlichkeit das Individuum aufbringt.

Die dokumentarische Erzählweise des Films, minimalistisch in der Emotionalität, ohne moralischen Fingerzeig, mit einer urteilslosen Kamera, die geduldig die kleinen ruhigen Gesten sowie die gewalttätigen und aufreizenden aufzeichnet, lässt die Charaktere der zwei Männer immer deutlicher hervortreten. Das Zaudern, das Verschweigen, das Verzweifeln, das Verdrängen, das Vorpreschen, das Wiedergutmachenwollen, das Aufopfern. Die Zuschauer erfahren, was es bedeutet, ein Mann zu sein im Iran. Die Nebenrollen, auch die Frauenrollen im Film sind nur in Bezug auf die zwei handelnden Männer abgestimmt und heben ihre soziale Männerrolle und die damit im Konflikt stehende menschliche nur noch mehr hervor.

Der sehenswerte Film "Eine moralische Entscheidung" hat verdienterweise mehrere Preise u.a. beim Filmfest Venedig, Filmfest Hamburg oder Chicago International Film Festival erhalten.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Noori Pictures

 
Filmdaten 
 
Eine moralische Entscheidung (No Date, No Signature) 
 
Iran 2017
Regie: Vahid Jalilvand;
Darsteller: Navid Mohammadzadeh (Moosa), Amir Aghaee (Dr. Kaveh Nariman), Hediyeh Tehrani (Dr. Sayeh Behbahani), Zakieh Behbahani (Leila), Saeed Dakh, Alireza Ostadi u.a.;
Drehbuch: Vahid Jalilvand, Ali Zarnegar; Produzenten: Ehsan Alikhani, Ali Jalilvand; Kamera: Morteza Poursamadi, Payman Shadmanfar; Musik: Peyman Yazdanian; Schnitt: Vahid Jalilvand, Sepehr Vakili;

Länge: 103,12 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der farbfilm Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 20. Juni 2019



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Zitat

"Ich hasse Fernsehen. Ich hasse es wie Erdnüsse. Aber ich kann nicht aufhören, Erdnüsse zu essen."

("I hate television. I hate it as much as peanuts. But I can't stop eating peanuts.")

Regisseur und Schauspieler Orson Welles (1915 - 1985)

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