18.07.2011
Der Sand der Zeit

Ein Sommersandtraum


Ein Sommersandtraum: Frölein Da Capo, Fabian Krüger Schweizer Filme haben es auf dem internationalen Markt nicht leicht, auch nicht im Nachbarland Deutschland. Mit viel Phantasie und Originalität durchbricht Peter Luisi mit seinem neuesten Film diese Regel. Seine Komödie "Der Sandmann" fand hierzulande einen Verleih, der sich am ursprünglichen, bereits mehrfach benutzten Titel stieß und, in Anlehnung an William Shakespeare, mit "Ein Sommersandtraum" einen schlechteren wählte. Mit dem "Sommernachtstraum" des großen britischen Dichters hat Luisis Film nicht gerade viel gemein. Der Schweizer Filmemacher, der auch das Drehbuch verfasste, hat sich für die Komödie einen ungewöhnlichen Plot ausgedacht.

Ein Mann kommt mit einem besonderen Problem zu einem Psychiater. Benno (Fabian Krüger) löst sich allmählich in Sand auf. Eine interessante Metapher, findet der Psychiater. Doch für Benno ist es keine Metapher. Sondern ein bedrohlicher Zustand. Es begann mit ein paar harmlosen Körnern im Bett und am Arbeitsplatz, und steigert sich zu Bergen von Sand. Es ist sein Körper, der zerfällt. Wie Benno darauf reagiert, wie er verzweifelt kämpft und es doch immer schlimmer wird, wie er seinen Sand bald sogar für sich ausnutzt, ist äußerst komisch inszeniert. Der noch junge Mann findet heraus, er rieselt, wenn er seine Umgebung schlecht behandelt.

Ein Sommersandtraum: Filmplakat Benno ist alles andere als ein freundlicher Mensch. Er hat eine Freundin (Florine Elena Deplazes), die er gerne belügt, er pflegt eine ganz andere Art von Beziehung zu einer weiteren Frau, Sandra (Frölein Da Capo alias Irene Brügger), deren Café unter seiner Wohnung er immer wieder aufsucht, nur, um zu stänkern, indem er Sandra als talentfreie Musikerin bezeichnet. Diese weiß sich zu wehren: Des Nachts musiziert Sandra in ihrem Café, was das Zeug hält. Benno ist einen Stock höher wegen des Lärms – fast – zu bemitleiden. Als das Unglück mit dem Sand beginnt, wird ihm in Träumen bewusst: Nur seine Intimfeindin kann ihn retten. In Luisis Film verlieben sich schließlich zwei, die sich vorher hassten. Wo Liebe hinfällt? Es ist ein Manko des Films, dass zwei, die nicht zueinander passen, die sich ständig verbal angreifen, am Ende etwas überraschend zusammenfinden. Bis dahin lässt Peter Luisi zum Vergnügen des Zuschauers in seinem Film viel geschehen.

Ein Sommersandtraum: Frölein Da Capo, Fabian Krüger Charles Dickens' Ebenezer Scrooge und Bill Murrays Figur aus dem Film "... und täglich grüßt das Murmeltier" waren zweifellos Vorbilder für die von Luisi erdachte Figur des Benno, der zum Sandmann wird. Luisi setzt seine Filmidee sehr hintergründig um, er zeigt viel Liebe zum Detail. Der Film enthält viel Humor und besticht durch eine intelligente Behandlung des Themas Identitätskrise. In der Tat ist der rieselnde Sand eine Metapher. Ein Gleichnis für das vorbeiziehende Leben, dem man Positives abgewinnen sollte. Behutsam und nicht mit dem Holzhammer, auch mit einem Schuss Ironie, vermittelt Peter Luisi seine Intention dem Zuschauer.

In Saarbrücken, beim Filmfestival Max Ophüls Preis, ist der Schweizer Regisseur Peter Luisi ein gern gesehener Gast. 2011 war der Komödienspezialist zum dritten Mal da – mit seinem dritten Langfilm nach "Verflixt verliebt" und "Love Made Easy". In Saarbrücken waren die Festivalbesucher von dem Film begeistert: Luisi erhielt den mit 3000 Euro dotierten Publikumspreis. Auch bei vielen anderen Filmfestivals rund um den Erdball gab es verdientermaßen weitere Auszeichnungen für "Ein Sommersandtraum". Mit dem Film könnte Luisi sich endgültig in der Filmbranche etablieren.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Neue Visionen

 
Filmdaten 
 
Ein Sommersandtraum  
 
Schweiz 2011
Regie & Drehbuch: Peter Luisi;
Darsteller: Fabian Krüger (Benno), Frölein Da Capo, bürgerlich Irene Brügger (Sandra), Beat Schlatter (Max), Florine Elena Deplazes (Patrizia), Sigi Terporten (Stefan), Kaspar Weiss (Walter), Michel Gammenthaler (Dimitri), Urs Jucker (Psychiater) u.a.;
Produzenten: David Luisi, Peter Luisi; Produktion: Spotlight Media Productions in Koproduktion mit dem Schweizer Fernsehen; Kamera: Lorenz Merz; Musik: Martin Skalsky, Christian Schlumpf, Michael Duss;

Länge: 90,33 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Neue Visionen; deutscher Kinostart: 21. Juli 2011



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<18.07.2011>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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