02.11.2018

Love Stories anno 1968

Ein Sommer in Haifa

Auf den ersten Blick ist "Ein Sommer in Haifa" ein leichter Sommerfilm: Lichtdurchflutete Bilder von Haifa liefern den Rahmen für die Geschichte des jungen Heranwachsenden Arik, der ausgerechnet im Sommer 1968 seine erste Liebe trifft und die teils verbohrte Lebenseinstellung seiner polnischen Eltern zu hinterfragen beginnt. Schaut man die Tragikomödie des israelischen Regie-Altmeisters Avi Nesher ausschließlich auf dieser Ebene, ist ein vergnüglicher Kinoabend gesichert, liefert der Film doch zig Erzählstränge zum Mitfiebern: Arik verliebt sich in die Hippiebraut Tamara, die Cousine seines besten Kumpels Benny, der – ebenfalls in der Pubertät – auch ein Auge auf die sommerlichen Kleider seiner Cousine wirft. Parallel nimmt Arik einen Ferienjob beim alten Holocaust-Überlebenden Yankele an, der in einem Kinohinterzimmer Heiratswillige an Gleichgesinnte vermittelt. Beide Erzählstränge greifen ineinander und in beiden kommt es über Kurz oder Lang zum großen Knall. Dann ist da noch eine Liliputanerin, die sich zu klein für Männer fühlt, eine schöne emanzipierte Frau, der ein schüchterner Bürokrat an der Backe klebt und anderes.

Doch "Ein Sommer in Haifa" hat auf den zweiten Blick noch mehr zu bieten. Die Reise des jungen Helden – genauer: seine Suche nach wahrer Liebe und seine Frage, was das eigentlich genau ist – verwebt Avi Nesher zu einem jederzeit sinnfälligen Netz aus Leitmotiven, die den Themenkomplex "romantische Liebe" aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, ohne dabei definitive Aussagen zu treffen. Denn das Gefühl der Liebe, so könnte man Neshers Verortung desselben zusammenfassen, kann nicht ein für alle mal festgeschrieben werden: Gefühle sind nunmal Gefühle – und bei der Königin der Gefühle finden jeweils (mindestens) zwei Menschen unter je eigenen Vorzeichen zusammen: Liebe passt nicht in Gesetzbücher.

Auf den dritten Blick handelt "Ein Sommer in Haifa" schließlich davon, wie sich die sexuelle Revolution der 68er in Israel bemerkbar machte. Während in Deutschland die Kinder ihre Eltern fragten, warum sie bei Hitler mitgemacht haben, hinterfragt Arik die Motive seiner Eltern, die den Holocaust am liebsten totschweigen wollen. Dass man aber über die menschliche Katastrophe des Dritten Reichs sprechen muss, auch wenn man Opfer und nicht Täter ist, ist ein Anliegen des Films. Als Ursache dafür, dass zunächst weder die Deutschen noch deren abertausende Opfer über den Holocaust reden wollten, entlarvt Avi Nesher auf vergleichsweise subtile Weise die zutiefst menschlichen Gefühle Angst und Scham.

Und damit wären wir wieder bei der Liebe: Denn wer die Angst und die Scham auf der nächsten Party einfach mal überwindet, am besten ohne einen allzu großen Alkoholrausch, der könnte am Ende der Nacht seine nächste große Liebe im Arm halten: Vielleicht, vielleicht aber auch nicht – so bleibt es wenigstens spannend mit der Liebe.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Ein Sommer in Haifa
(Once I Was / Paam Hayiti)

weltweiter Filmtitel: The Matchmaker

Israel 2010
Regie: Avi Nesher;
Darsteller: Tuval Shafir (Arik Burstein, jung), Neta Porat (Tamara), Eyal Schechter (Arik Burstein, erwachsen), Tom Gal (Benny Abadi), Eli Yatzpan (Onkel Nadgi), Maya Dagan (Clara Epstein), Dror Keren, Adir Miller, Yael Leventhal, Yarden Bar Kochva, Kobi Faraj u.a.;
Drehbuch: Avi Nesher nach dem Roman von Amir Gutfreund; Kamera: Michel Abramowicz; Musik: Philippe Sarde; Schnitt: Isaac Sehayek;

Länge: 116,31 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 2. Februar 2012



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"Ich finde es sehr gut, dass es viele Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle fair bezahlt werden. In Hollywood bewegen wir uns allerdings in einer Kunstform, die vom Kommerz bestimmt wird. Deshalb nenne ich es auch 'Show-off-Business'. Filmemachen ist ein brutales Geschäft."

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