19.11.2015

Ein Sommer in der Provence


Ja natürlich: Fast alle Provence-Klischees kommen vor, die Olivenhaine, die typischen Speisen und Gewürze, die sonnendurchflutete karge Landschaft, schwarze Stiere, die über die Wiesen laufen, romantische Dorffeste ... aber sie stimmen ja auch alle und geben somit der ganzen Geschichte ihre wichtigen Ingredienzien.

Für die Teenager Léa (Chloé Jouannet), Adrien (Hugo Dessioux) und ihren taubstummen kleinen Bruder Théo (Lukas Pelissier) beginnen die Sommerferien. Zum ersten Mal fahren sie in die Provence zu ihrem Großvater Paul (Jean Reno), den sie wegen eines Familienzwistes gar nicht persönlich kennen. Das nächste Kino ist 10 km entfernt, der Internetzugang ist begrenzt. Das ist nicht der coole Urlaub, den sie sich gewünscht sich haben, selbst wenn Großmutter Irène (Anna Galiena) in Gegensatz zu ihrem grantigen Mann die Kinder mit Freude empfängt. Außerdem erfahren sie kurz vor der Abreise, dass der Vater die Familie verlassen will. Mit dem Großvater, dem alten Farmer, der nach Meinung der Kids ein sturer Bock ist, kommt es wiederholt zu Streit und Zank. Die Ferien werden chaotisch, aber die Generationen gehen aufeinander zu; man begreift, dass man eine Familie ist, die zusammenhalten muss. Der Opa sagt zum Schluss: "Das war der schönste Sommer meines Lebens", und es wirkt nicht kitschig.

Wie kommt es zu diesem Ende? So langweilig, wie die Kinder befürchtet haben, ist das Leben im Süden gar nicht. Denn Adrien verliebt sich in die Dorfschönheit Magali (Aure Atika) und Léa in den draufgängerischen Stierkämpfer Tiago (Tom Leeb). Und sie lernen den Großvater von seiner weichen Seite kennen. Als Tiago Léa Drogen verabreichen will, rettet Paul die Enkelin aus dessen Klauen.

Entscheidend ist die Entwicklung der Beziehungen zwischen Alt und Jung, wobei es darum geht, dass die Kommunikation stimmt. Nicht von ungefähr "versteht" sich der kleine taubstumme Théo am schnellsten mit dem Großvater. Wenn dazu Simon und Garfunkels Lied "Sound of Silence" ertönt, ist das natürlich kein Zufall. Nach allen Reibereien, die pointiert in dieser romantischen Tragikomödie ausgespielt werden, kommt das Happy End – der Familienfrieden – wie erwartet.

Dass die Kinder per Internet die alten Kumpels des Großvaters aus der 68er-Zeit auftreiben, die dann mit Motorrädern anrauschen und ein musikalisches Fest feiern (darunter der 86-jährige, immer noch coole Chansonnier Hugues Aufray), ist eine schöne Reminiszenz und ein Zeichen, dass die alten Freiheitsideale durchaus noch gelebt werden.

Der Film ist teilweise autobiographisch: Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Rose Bosch hat selbst in der Provence gelebt und verstand sich nicht besonders gut mit ihrem Großvater. Jean Reno hat seit 20 Jahren ein Haus in der Gegend. Haupt-Drehort war das Dorf Eygalières bei Saint-Rémy-de-Provence an der Bergkette der Alpillen. Dort haben die Schauspieler während der Dreharbeiten auch gewohnt. Die Stierkämpfe und der Ausflug von Léa und Tiago wurden in der angrenzenden Camargue gedreht.

Optisch schwelgt der Film in Bildern der sonnenüberfluteten Provence, man sieht Pauls herrlichen Olivenhain, man hört die Zikaden zirpen, und man meint tausend Düfte zu riechen (Kamera: Stéphane Le Parc).

Fazit: Eine gefühlvolle Familiengeschichte in traumhafter Umgebung, vorgeführt von vorzüglichen Darstellern, allen voran der geniale Jean Reno, der ausnahmsweise mal keinen Thriller-Helden verkörpert.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Ein Sommer in der Provence (Avis de mistral) 
 
Frankreich 2014
Regie & Drehbuch: Rose Bosch;
Darsteller: Jean Reno (Paul), Anna Galiena (Irène), Chloé Joaunnet (Léa), Hugo Dessieux (Adrien), Lukas Péllisiser (Théo); Aure Atika (Magali), Tom Leb (Tiago), Hugues Aufray (Elie), Charlotte de Turckheim (Laurette), Jean-Michel Noirey (Jean-Mi) u.a.;
Produzent: Alain Goldman; Kamera: Stéphane Le Parc; Musik: Elise Luguern; Schnitt: Samuel Danési;

Länge: 104,32 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Concorde Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 25. September 2014



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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