18.04.2017

Ein Mann von Welt

In der ersten Szene kehrt Ulrik (Stellan Skarsgård) nach zwölf Jahren Gefängnis in die Freiheit zurück – der Protagonist wird, so hat es Christian Petzold einmal in Bezug auf eine Gefängnisentlassung als Filmauftakt formuliert, vom Kino geboren. Doch so zögerlich wie Ulrik vom Gefängnistor in die karge Landschaft blickt, scheint ihm die neue Freiheit nicht sonderlich zu gefallen: "Schau nach vorne!" ruft ihm ein Aufseher zu, doch Ulrik wendet den Blick unsicher nach hinten in den Gefängnishof. Dazu passt auch, dass er als erstes seine Gangster-Kumpanen von früher aufsucht. Ein Mord aus Eifersucht brachte ihn in den Knast, nun soll der verräterische Hauptzeuge dafür zahlen – zumindest will das Ulriks alter Boss Jensen (Bjørn Floberg), der stets in Begleitung seines lächerlichen Adjutanten Rolf (Gard Eidsvold) auftritt. Ulrik hingegen scheint nicht so recht zu wissen, was er will. Also lässt er sich zunächst einmal auf den Plan ein, während er einen Job in einer Autowerkstatt annimmt und eine dürftige Keller-Bleibe bezieht.

"Ein Mann von Welt", der seine Weltpremiere unter dem Titel "A Somewhat Gentle Man" im Wettbewerb der 60. Berlinale feierte und dort den Publikumspreis gewann, bietet das, was das Publikum gemeinhin von einer Komödie aus Nordeuropa erwartet: jede Menge schwarzen Humor. Der norwegische Regisseur Hans Petter Moland setzt dabei vor allem auf die Präsenz seiner Hauptfigur Ulrik, die der zuletzt in Hollywood tätige Stellan Skarsgård mit Leichtigkeit füllt. Der altmodische Pferdeschwanz und die rüstige Figur, die sprachlose Unsicherheit im zwischenmenschlichen Kontakt und die grobe Brutalität: all das verkörpert Skarsgård sehr plastisch in kleinen wie großen Gesten und trägt damit einen Großteil dazu bei, dass "Ein Mann von Welt" stets unterhaltsam ist – zumal seine Figur die dramaturgische Entwicklung des Films quasi im Alleingang vorgibt.

Die aufgeräumten, oft statischen und trostlosen Bilder von Kameramann Philip Øgaard ("Nord") und der lakonisch-ruhige Erzählrhythmus von Regisseur Hans Petter Moland spielen Skarsgård dabei zu. Doch bis ganz zum Ende kann Ulrik den Zuschauer nicht mitnehmen, denn mit zunehmender Spieldauer wird immer deutlicher, dass seiner Geschichte ein relevanter Unterbau fehlt. Das platte Finale setzt der geringen Substanz dann die Krone auf und so ist es letztlich vor allem die Hauptfigur, die in Erinnerung bleibt, dieser unbeholfene Mann, dem die Frauen warum auch immer zu Füßen liegen, der seinen mittlerweile erwachsenen Sohn neu kennenlernen muss und der mit seiner Vermieterin derart unspektakulären Sex hat, dass man den Blick nicht abwenden kann.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Ein Mann von Welt
(En ganske snill mann)

Titel für den englischsprachigen Markt: A Somewhat Gentle Man

Norwegen 2010
Regie: Hans Petter Moland;
Darsteller: Stellan Skarsgård (Ulrik), Jorunn Kjellsby (Karen Margrethe), Bjørn Floberg (Rune Jensen), Gard B Eidsvold (Rolf), Jannike Kruse (Merete), Bjørn Sundquist (Sven), Kjersti Holmen (Wenche), Jon Øigarden (Kristian), Jan Gunnar Røise (Geir), Julia Bache Wiig (Silje) u.a.;
Drehbuch: Kim Fupz Aakeson; Produzenten: Finn Gjerdrum, Stein B. Kvae; Kamera: Philip Øgaard; Musik: Halfdan E; Schnitt: Jens Christian Fodstad;

Länge: 111 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 9. Dezember 2010



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"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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