13.11.2022

Entschleunigter Film über Suchtverhalten

Ein Gauner & Gentleman

Robert Redford hatte angekündigt, "Ein Gauner & Gentleman" (2018) sei sein letzter Film als Schauspieler. Auch als Produzent des Films fungierend, hatte der zum Zeitpunkt des Drehs 82-Jährige vor, sich nochmal groß in Szene zu setzen. Wie zu Zeiten von "Zwei Banditen" (1969) oder "Der Clou" (1973) agiert Redford erneut als Ganove. Natürlich, wie der Filmtitel schon sagt, als Gentleman-Ganove, dem die Sympathien des Kinopublikums zufliegen. Als Vorlage des Films dient das reale Leben eines Mannes namens Forrest Tucker, der Banküberfälle, manchmal mehrere an einem Tag, durchführte. Und fast genauso häufig aus Gefängnissen ausbrach, darunter Hochsicherheitsgefängnissen.
Bei aller Sympathie: Tucker war ein Verbrecher. Der Film glorifiziert ihn. Und einen Überfall verharmlost "Ein Gauner & Gentleman". Einen Überfall mit Schusswechsel. Der nur erwähnt, nicht gezeigt wird. Aber der in die Jahre gekommene Redford spielt großartig.

Forrest Tucker hat es wirklich gegeben, vergleiche die englischsprachige Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Forrest_Tucker_(criminal). Nicht zu verwechseln mit dem 1986 verstorbenen Schauspieler gleichen Namens, starb der kriminelle Tucker 2004 mit 83 Jahren im Gefängnis. Die Wikipedia zitiert ihn: "18-mal erfolgreich und zwölfmal nicht erfolgreich" versuchte er Gefängnisausbrüche. Während die Wikipedia diese betont, legt der Film auf etwas anderes großen Wert: Seine Banküberfälle vollzog er mit charmantem Lächeln und Beruhigung der Bankangestellten, aber auch mit Waffe. Und im Film schwingt erst latent, später manifest mit: Es ist Suchtverhalten. Dies lässt sich an folgendem Dialog erkennen:

"Ganz ehrlich: In Ihrer Lage gäbe es doch gewiss einen leichteren Weg, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen." – "Kumpel. Hierbei geht es doch nicht darum, den Lebensunterhalt zu verdienen. Mir geht es einfach um das Leben."

Im Original ist es ein Wortspiel um "a living" (Broterwerb) und "living" (Leben).

"Ein Gauner & Gentleman" fängt mit einem von Tuckers Banküberfällen 1981 in Texas an. Auf der Flucht lernt er Jewel (Sissy Spacek) kennen, die er immer wieder treffen wird. Spacek ist als Jewel unterfordert, immer nur lieb lächelnd. Beider Dialoge sind seicht gehalten, passend zum Film, der das Kriminelle von Tucker locker-lässig erzählt, ja für die Thematik entschleunigt daherkommt. Tuckers Konterpart ist der von Casey Affleck gespielte John Hunt (hunt = Jagd). Hunt nimmt die Ermittlungen auf, er nimmt es persönlich, denn er war bei einem Bankraub vor Ort, ohne es zu merken. Der Gegensatz der beiden Kontrahenten besteht darin, dass Hunt verkniffen und verbiestert, Tucker eloquent und höflich agiert. Aber Hunt findet bald etwas über die Vergangenheit des Gauners heraus, obwohl das FBI ihn ablöst.

Tucker handelt mal allein, mal mit zwei Komplizen, die von den auf alt, fast senil getrimmten Schauspielern Danny Glover und Tom Waits dargestellt werden. Ein Raub der Drei geht schief, einer blutet nach dem Schusswechsel. Der Überfall wird nicht gezeigt. Der Grund: So bleibt Redfords Bösewicht ein Gentleman; der größte Schwachpunkt des Films. Denn Verbrecher, obgleich höflich, zumindest im Film, bleibt Verbrecher. Die einzige wirkliche Stärke des Films ist es, Sucht in wenngleich unüblicher Form auszuformulieren. Nicht Sucht nach Geld, darum geht es Tucker nicht. Er braucht die Überfälle, als Kick, genauso die zahlreichen Gefängnisausbrüche (erst am Filmende nacherzählt), auch als Kick. Sucht um des Lebens willen, Sucht um der Sucht willen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Ein Gauner & Gentleman
(The Old Man & the Gun)

USA 2018
Regie & Drehbuch: David Lowery;
Darsteller: Robert Redford (Forrest Tucker), Casey Affleck (John Hunt), Sissy Spacek (Jewel), Danny Glover (Teddy), Tom Waits (Waller), Tika Sumpter (Maureen), Ari Elizabeth Johnson (Abilene), Teagan Johnson (Tyler), Gene Jones (Mr. Owens), John David Washington (Lt. Kelly), Elisabeth Moss (Dorothy), Isiah Whitlock Jr. (Detective Gene Dentler), Keith Carradine (Captain Calder) u.a.;
Produktion: Toby Halbrooks, Bill Holderman, James M. Johnston, Anthony Mastromauro, Dawn Ostroff, Robert Redford, Jeremy Steckler, James D. Stern; Kamera: Joe Anderson; Musik: Daniel Hart; Schnitt: Lisa Zeno Churgin;

Länge: 93 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 28. März 2019



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"Die Liebe, die ich im Leben empfinde, meine Zerrissenheit, mein Glück - alles fließt in die Filme ein, ist Teil von ihnen... Wenn ich einen Film sehe, nachdem ich ihn gemacht habe, erkenne ich mein Leben darin wieder."

Schauspielerin Jeanne Moreau (1928 - 2017)

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