09.07.2010
Bis(s) das Blut gefriert

Eclipse
- Bis(s) zum Abendrot


Eclipse - Bis(s) zum Abendrot: Bella (Kristen Stewart) und Edward (Robert Pattinson) "Jetzt ist die Zeit, um Fehler zu machen! Macht so viele Fehler, wie ihr könnt!" Worte, die lauten Applaus ernten in der Kinoadaption von Stephenie Meyers Vampir-Romanze "Twilight: Eclipse". Am lautesten klatschen vor der Leinwand vermutlich die amerikanische Erfolgsautorin und David Slade, der bei der Verfilmung des dritten Teils der Vampir-Saga Regie führte. Mehr als die Handschrift des bei jeder Adaption wechselnden Regisseurs trägt die unter dem deutschen Verleih-Untertitel "Bis(s) zum Abendrot" erscheinende Fortsetzung die Handschrift Meyers und der Drehbuchautorin Melissa Rosenberg. Fehler macht ihr Film en masse und beweist dabei, dass selbst der stupideste Film kongenial sein kann. Den Geist der Buchvorlage fängt das bornierte Werk perfekt ein. Im Abendrot beim Untergang der Weisheit werfen selbst Vampire lange Schatten.

Die zweistündige Handlung ist eine plumpe moralische Parabel. Unheimlich an Meyers Vampir-Romanze um die junge Bella Swan (Kristen Stewart), die sich nach einem Umzug zu ihrem Vater in das entlegene Städtchen Forks in Edward Cullen (Robert Pattinson), den Spross einer Blutsauger-Sippe, verliebt, ist einzig, dass das erzkonservative Lehrstück zum medialen Phänomen gewachsen ist. Film- und Buchinhalt sind auf Bellas Zaudern gegenüber Edwards Heiratsantrag reduziert. Der als Handlungshintergrund dienende Kampf zwischen Gut und Böse ist offensichtliche Metapher für Bellas inneren Kampf. Weil der einschläfernd platt dargestellt ist, suchen nebenher die Menschenblut verschmähenden Cullens, böse Vampire und gute, auf Menschenfleisch verzichtende Werwölfe Forks für possierliches Raufen auf. Die Toleranzgrenze gegenüber filmischer Gewalt scheint sich bei "Twilight"-Fans allerdings antiproportional zu deren Toleranzgrenze für Prüderie zu verhalten.

Eclipse - Bis(s) zum Abendrot: Riley (Xavier Samuel, Mitte) führt Victorias Armee von neugeborenen Vampiren an Noch mehr als im letzten "Twilight"-Film "New Moon - Bis(s) zur Mittagsstunde" gleichen die Werwölfe übergroßen Plüschtieren. Die Kämpfe der Werwölfe mit Vampiren sind wie jene der Vampire untereinander aseptisch wie in einem zensierten Computerspiel. Wie Porzellan zerbröseln die bösen Vampire. Blut fließt fast nie, ein Tropfen aus Bellas Finger und ein Kratzer in der Hand eines Nebencharakters sind alles, was der sensiblen Zielgruppe an Körperflüssigkeit zugemutet wird. Filmisch ist dies etwa so packend, wie einer Schaufensterpuppe die Hand abfallen zu sehen. Auch im übertragenen Sinne ist "Twilight: Eclipse" der blutärmste Vampirfilm seit – nun, seit "Twilight: New Moon". Der Sieg der Guten ist ebenso vorhersehbar wie der Sieg des vermeintlich Guten in Bella. Zweifel an der Ehe erstickt sie wie ihr als verderbt inszeniertes sexuelles Begehren. Schluss mit der Zeit, als Vampire dekadente Verführer waren. Keusch bekleidet liegen Bella und Edward beisammen, denn "Edward is old school", wie Bella erklärt. Dialogsätze wie "Marriage has value" und sein "the way one says 'I love You'", machen Meyers Sexualfeindlichkeit unmissverständlich. Was an Sexualität über von Pop-Balladen untermalte Küsse hinausgeht, ist so stark tabuisiert, dass Meyers Protagonisten buchstäblich ins Stottern verfallen, wenn das Thema angesprochen wird. Kehrseite der Prüderie ist der ungenierte Voyeurismus, mit dem das Kamera-Auge die stets halbnackt herumlaufenden Werwölfe beäugt.

Eclipse - Bis(s) zum Abendrot: Bree Tanner (Jodelle Ferland) Fetischisierung und Prüderie gehen in "Twilight: Eclipse" eine groteske Symbiose ein. Umgeben von einem – im Falle der Werwölfe wortwörtlichen – Rudel attraktiver Verehrer muss Bella der Versuchung widerstehen. Den ebenfalls um sie werbenden Werwolf Jacob weist sie zugunsten Edwards zurück. Jacob verkörpert die animalische Triebnatur Bellas, der sie entsagen muss, um mit Old-School-Edward ein reaktionäres Ideal von Ehe und Familie erfüllen zu können. Wer dieses Ideal missachtet, wird erbarmungslos vernichtet wie die bösen Vampire, von denen es wiederholt heißt, sie hätten sich "nicht unter Kontrolle". Angesichts der reaktionären Filmbotschaft erstickt selbst das Lachen über die grenzdebilen Dialoge: "Von jetzt an bin ich ich die Schweiz!" Das adäquate Urteil über die dritte Verfilmung der epischen Romanreihe liefert Edward persönlich: "It won't make my list of top-ten evenings."  

Lida Bach / Wertung:  0 von 5 Punkten 
 

Quelle der Fotos: Concorde Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Eclipse - Bis(s) zum Abendrot (The Twilight Saga: Eclipse) 
 
USA 2010
Regie: David Slade;
Darsteller: Kristen Stewart (Bella Swan), Robert Pattinson (Edward Cullen), Taylor Lautner (Jacob Black), Xavier Samuel (Riley), Bryce Dallas Howard (Victoria), Anna Kendrick (Jessica), Michael Welch (Mike), Christian Serratos (Angela), Jackson Rathbone (Jasper Hale), Ashley Greene (Alice Cullen), Billy Burke (Charlie Swan), Dakota Fanning (Jane) u.a.;
Drehbuch: Melissa Rosenberg nach dem Roman von Stephenie Meyer; Produktion: Wyck Godfrey, Greg Mooradian, Karen Rosenfelt; Ausführende Produktion: Marty Bowen, Mark Morgan; Co-Produktion: Bill Bannerman; Kamera: Javier Aguirresarobe; Musik: Howard Shore; Schnitt: Art Jones, Nancy Richardson;

Länge: 124 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Concorde Filmverleih; deutscher Kinostart: 15. Juli 2010



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<09.07.2010>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe