15.10.2004

Die Spuren der Verwandlung verwischen

Eat The Document

Für eine lückenlose und umfassende Dokumentation der legendären England-Tournee 1966, bei der Bob Dylan seine unumstritten besten Live-Performances gab, gäben seine Verehrer wohl ziemlich alles, doch allein die Tatsache, dass Aufnahmen davon in Fülle existierten, bedeutet nicht, dass diese auch dokumentarisch, also objektiv, erhalten wurden. "Eat The Document", der Name ist Programm, bietet dennoch einen unschätzbaren Einblick in das Seelenleben eines Künstlers.

Rückblick. England 1965. Die Euphorie um Dylan kennt keine Grenzen. Nur die Beatles haben zu dieser Zeit kreischende Massen Teenager provoziert. Festgehalten in Pennebakers "Don't Look Back", mit wackelnder Handkamera, das sogenannte Genre der Rockumentary begründend, entweder On-Stage oder Off-Stage, aber immer dabei, nie diskret, sondern immer – Reputationen zum Trotz – alles zeigend, negativ wie positiv. Und diese Alles, so verdeutlicht das Material, gibt das Bild eines Jungen wieder, der – beliebt wie nie zuvor, wahrscheinlich beliebt wie nie danach – mit seinen Gedanken längst woanders ist, in einer eigenen Welt, diejenigen, die ihm zujubeln in einer Was-kümmert-mich-was-die-von-mir-Denken-Mentalität längst überholt, ad absurdum geführt hat, und dennoch noch – noch! – ihnen das gibt, was sie wollen: Eine pflegeleichte Bob-Dylan-Protest-Puppe, der man – ohne Gefahr zu laufen, mit bloßen Rockmusik-Fans verwechselt zu werden – bedingungslos folgen kann.

England 1966. Was war geschehen? Da passte einer nicht mehr ins Schema. Hatte es doch die vertraute Gestalt, das Gewissen, die Stimme einer Generation gewagt, diese Stimme um tausend Watt zu verstärken, hatte E-Gitarren, Schlagzeug und Bass zur Untermalung einer apokalyptischen Vision gewählt, die – wenn auch apokalyptisch, so doch immer auch noch irgendwie quietiv, denn da war ja bislang nicht nur eine Instanz, die für einen sprach, so das Gewissen beruhigte, da war ja auch eine Instanz, die so leise-verschämt daherkam, dass sie getrost überhört werden konnte – nun nicht mehr allgemeingültig war, denn sie entsprangen, entgegen der Folk-Tradition, der reinen Subjektivität des Interpreten. Da sang einer über sich. Und das unüberhörbar. Dreckig. Obszön. Laut. Die Reaktionen gingen von Unverständnis bis hin zu bloßem Hass, kulminierend in dem einem "Judas", im Manchester des 16. Mai 1966, in dem Dylan zunächst einen inspirierten und – vielleicht den damaligen Zuhörern unbemerkten – zukunftsweisenden akustischen Part vortrug, um dann – "Play it fuckin' loud“, so seine Anweisung – seine Vision der Musik, nach einem wohlmeinenden, aber nicht von ungefähr als provokativ empfundenen "You should be made to wear earphones" – zu präsentieren.

"Eat The Document" gibt dies alles wieder. Und dann wieder doch nicht. Die subjektive Sicht des Protagonisten wird auf die Spitze getrieben. Zeit, Raum, spielen keine Rolle, denn Lokalität und Chronologie sind außer Kraft gesetzt. Welches Konzert ist das? Und wo? Und waren wir da nicht eben schon? Und haben wir dies nicht gerade schon erlebt, diesen unartikulierten, die Musik übertönen wollenden Hass? Ja und nein. Die Kamera wankt von einem zum nächsten Ereignis, und ist sich selbst nicht sicher: Ist das neu, oder nur die Wiederkehr des immer Gleichen? Ein neues Konzert, oder nur der Moment, in dem – nach dem befriedigten Applaus angesichts des akustischen Parts – beim Auftreten der Band das Ganze umkippt. Sind die erzürnten Fans, die befragt werden – vorher oder nachher? – in London, Liverpool oder Leeds? Wer sind die skurilen Gestalten, denen man begegnet, was haben sie zu sagen? Und nie wird die Musik, so grandios sie ist, zu Ende gespielt, denn eins soll verdeutlicht werden, der Spielende ist auf der Flucht, vor sich selbst, vor den erdrückenden Erwartungen. So überträgt sich die innere Spannung, das Zerrissen-Sein des Protagonisten, auf den Zuschauer.

Zusammengehalten, wie durch rote Fäden, werden die hektischen, verwirrenden Bilder durch eine immer wiederkehrende Uhr – Zeit in einer Zeitlosigkeit symbolisierend, denn so vordergründig objektiv die Zeit ist, so spielt sie doch nie eine Rolle, sie existiert nicht in der Welt des Hauptdarstellers – und den ratternden Zug, der die Band zum nächsten Auftritt bringt, wohin auch immer. Dylan legt keinen Wert auf kontinuierliche Berichterstattung, das umfangreiche Material wurde zerschnitten und nummeriert, um dann nach einem mathematischen Schlüssel wieder zusammengefügt zu werden. Ein Schlüssel, der dem Zuschauer verborgen bleibt, so dass er ratlos vor den Bildern steht. Nur zweimal fällt ein wenig Licht in das Geheimnis: Zum einen beim Duett mit Johnny Cash, während dessen Verlauf die Maske der Coolness von Dylan abfällt, er ganz jugendlicher Enthusiast und Fan ist, zum anderen auf einer Taxifahrt mit John Lennon, der – eingespannt in das Projekt, von dem er nicht im Geringsten weiß, worauf es hinauslaufen soll – einem müden, übelgelaunten und offenbar mit Drogen vollgepumpten Dylan in Erinnerung ruft: "Money, money, money", doch der reagiert nicht, reißt sich nicht zusammen und bietet ein klägliches Bild.

"Don’t Look Back" hat Dylan das Filmemachen eröffnet, was er in "Eat The Document", wieder in Zusammenarbeit mit Pennebaker, der auch hier für die Handkamera verantwortlich zeichnet, unter Beweis stellen will, wobei er jedoch in einer Experimentalphase verharren bleibt. Zu artifiziell bleibt das Projekt, das mehr durch die unwiederbringliche Einmaligkeit des Gezeigten glänzt – das übrige gefilmte Material wurde nach dem Schnitt vernichtet –, als durch eine künstlerische Idee. Weil sich der mathematische Schlüssel, nach dem die Szenen aneinandergereiht sind, nicht erschließt, und auch der Verdacht entsteht, dieser Schlüssel habe – abgesehen von bloßer Spielerei auf der Suche nach etwas Neuem – keine Bedeutung, wirkt "Eat The Document" schlichtweg gekünstelt. Dass ein Film nach diesem Verfahren allerdings funktionieren kann, stellt Dylan 1978 mit "Renaldo & Clara", nach dem gleichen Prinzip geschnitten, unter Beweis. Ist "Eat The Document" ein bemühtes, unsicheres und sich seinen Möglichkeiten nicht bewusstes Gesellenstück, so stellt "Renaldo & Clara" das Meisterwerk dar, zu dem der Weg bereits 1966 eingeschlagen wurde.  

Stefan Strucken / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Eat The Document
(Eat The Document)

USA 1972
Regie: Bob Dylan; Drehbuch: Bob Dylan, Howard Alk; Kamera: D.A. Pennebaker, Howard Alk; Ton: Bob Neuwirth, Jones Cullinam;
Darsteller: Bob Dylan, Robbie Robertson, Garth Hudson, Rick Danko, Richard Manuel, Mickey Jones, Johnny Cash, John Lennon, Albert Grossman, Howard Alk, Bob Neuwirth, Cathy McGowan u.a.

Länge: 52 Minuten



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"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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