17.02.2017
Ein Film der Sektion Forum der 67. Berlinale 2017

Drôles d'oiseaux


Drôles d'oiseaux Es gibt wenig, bei dem man so angenehm alleine sein kann wie beim Spazierengehen durch eine Großstadt. Mavie, eine junge Frau, die aus Tours nach Paris gekommen ist, streift tagsüber meist durch die Straßen, lässt sich treiben, nimmt nur hin und wieder in einem ruhigen Café Platz, um zu schreiben. Dann lernt sie Georges kennen, einen siebzigjährigen, zurückgezogenen Exzentriker. Zwischen den beiden Einzelgängern entsteht eine fragile Nähe. Elise Girard erzählt mit eskapistischer Melancholie davon, wie es ist, die Liebe nur zu träumen – und feiert als Realität das, was wir zu einer solchen erklären.

Mavie (Lolita Chammah) ist in dem Leben, das ihre extrovertierte Freundin samt Geliebtem führt, nur ein Zaungast, der die Nächte auf deren Couch verbringt – von den wilden Sexgeräuschen des Pärchens um den Schlaf gebracht. Sie, die nicht gut unter Menschen sein kann, weil sie vor allem in ihren Gedanken zu Hause ist, braucht dringend ein Zimmer für sich. (Für den, der da noch keine Virginia-Woolf-Anspielung heraushört, wird es gerne nochmal explizit gesagt.) Und weil der Plot es diesem ätherischen Wesen kaum zumuten kann, sich auf die Suche nach einer Wohngelegenheit zu machen, kommt die Gelegenheit praktischerweise wie von selbst: in Gestalt von Georges (Jean Sorel), der Mavie im Café beobachtet hat und dort einen Zettel aushängt, auf dem er ein Appartement gegen Arbeit anbietet.

Georges besitzt einen verwinkelten, vollgestellten Buchladen, aus dem der einzige potenzielle Kunde, der sich einmal hinein verirrt, mit Verve verjagt wird. Worin Mavies Aufgabe nun besteht, wird nie so ganz klar. Sie räumt ein paar Bücherkisten aus. Sortiert einige Werke in die Regale. Und leistet vor allem Georges Gesellschaft, der in Mavie endlich einen Menschen gefunden hat, den er ertragen kann, weil Mavie einfach nur präsent ist, ohne sich aufzudrängen. Wenn die beiden miteinander sprechen, wird klar, dass es nicht ihr Literaturgeschmack ist, der sie verbindet. Es ist die Haltung der Welt gegenüber, die einfach nur zu stören scheint – wenn sie einem nicht gerade in Gestalt von Kellnern ein Glas Wein oder eine Tasse Kaffee reicht.

Drôles d'oiseaux So reduziert wie die Beziehung der beiden, die ihre Befriedigung manchmal nur daraus zu ziehen scheinen, sich zeitgleich im selben Raum aufzuhalten, ist auch die Bildsprache angelegt. Die Regisseurin kommt mit wenigen Orten und Perspektiven, meist langen Einstellungen und dezenter Filmmusik aus. Die Pariser Gassen bleiben in abgetöntes Licht getaucht, Schal und Mantel sind die Accessoires der Jahreszeit, Frühling wird es nie. Ab und zu fallen vergiftete Möwen vom Himmel und schlagen kurz vor den Protagonisten auf das Pflaster auf. Wenn dies als Chiffre für den Einbruch der Realität in diese dahingeträumte, entkörperlichte Zuneigung dienen soll, dann wirkt das zwar originell, aber auch etwas drastisch-ungelenk. Sollte sich dahinter ein Hitchcock-Zitat verbergen, bleibt dessen Funktion unklar.

Dass Mavie und Georges sich ineinander verlieben, wird nun fast vollständig aus der Handlungsebene herausgenommen. Zwar gibt es noch Dialoge, aber sie werden mittels Voiceover über die Szenerie gelegt. Von Berührungen, Umarmungen und Küssen wird nur phantasiert. Die physische Nähe wird nicht herbei-, sondern hinweggeredet, bis ein Geheimnis aus Georges' Vergangenheit ihn zwingt, die Stadt zu verlassen. Alleine sitzt Mavie nun im Buchladen, schreibt weiterhin in ihrem winzigen Appartement, nur noch begleitet von ihrem Kater Jacques.

Schreibt sie auf, was sie und Georges einmal tatsächlich zueinander gesagt haben? Oder waren all die Dialoge, die wir in der letzten knappen Stunde auf der Leinwand gesehen haben, nur fiktionale, die Mavie sich ausgedacht hat? Dann sehen wir Georges, der nie lieben wollte, weil er es immer für zu schmerzhaft hielt. Georges, der zurückgekehrt ist. Aus dem Auto heraus beobachtet er Mavie, die inzwischen einen jungen Mann kennen gelernt hat und diesen vor dem Buchladen flüchtig küsst. Georges' Einsamkeit, nur zeitweise außer Kraft gesetzt, ist wieder da, mit voller Wucht. Das Leben, das er einst zu spüren glaubte – es bleibt ein Traum. Die Liebe entzieht sich. Doch auch Mavies altersgerechte Beziehung wirkt aufgesetzt, in allen lebensvollen Szenen und Bildern, die der Film anbietet, glaubt man ihr und ihrem neuen Freund die Liebe nicht: Das, was Mavie und Georges hatten, wirkte bei aller Körperlosigkeit "echter".

Elise Girards poetisch-melancholische Arbeit erscheint wie eine zeitgenössische Variante des Grillparzer-Stückes "Das Leben ein Traum". An dessen Ende ist der Held durch einen Traum so geläutert, dass er ein ruhiges Leben der Innenschau dem Tatendrang in der Welt vorzieht. Sollten wir am Ende also besser nur von der Liebe träumen, als eine Erfüllung unserer Träume anzustreben? Gar im Geträumten unsere Erfüllung finden? Girards Antwort wäre ein zaghaftes "ja, vielleicht", das in den Gassen von Paris widerhallt.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Drôles d'oiseaux (Drôles d'oiseaux) 
 
Titel für den englischsprachigen Markt: Strange Birds

Frankreich 2016
Regie: Elise Girard;
Darsteller: Lolita Chammah (Mavie), Jean Sorel (Georges), Virginie Ledoyen (Felicia), Pascal Cervo (Roman) u.a.;
Drehbuch: Elise Girard, Anne-Louise Trividic; Produzenten: Janja Kralj, KinoElektron und Marc Simoncini, Reborn Production; Kamera: Renato Berta; Musik: Bertrand Burgalat; Schnitt: Thomas Glaser;

Länge: 70 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film auf berlinale.de
<17.02.2017>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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