16.11.2014
Gut gestrickt aber mit schalem Nachgeschmack

Dritte Person


Dritte Person Auch wenn eine Geschichte gekonnt aufgebaut ist, so ist das kein Garant für ein Meisterwerk. So findet sich dieser Film sehr geschickt im Geiste des Zuschauers wie ein Puzzle nach und nach zusammen. Der Zuschauer weiß immer mehr als die Figuren selbst und kann sich stets detektivisch fragen, welche Figur oder Handlung real und welche fiktiv ist. Aber auch wenn er am Ende diese Frage gelöst hat, so heißt es nicht, dass er eine wertvolle Botschaft aus dem Kinosaal mitnimmt.

Die Handschrift des für den Film "L.A. Crash" Oscar-prämierten Drehbuchautors Paul Haggis ist in diesem Film sehr männlich. Das Drehbuch taucht in die Innenwelt eines sich in einer Schaffenskrise befindlichen Schriftstellers ein, den wir nur mit seinem Vornamen, Michael, kennenlernen – so wie übrigens auch alle anderen Figuren nur Vornamen besitzen. Die mit hohem Sex-Appeal ausgestatteten Frauen tauchen körperlich betont auf, es gibt viel sexuelles Innuendo. Fällt eine Frau aus diesem Schema heraus, dann ist sie völlig neurotisiert und betont schlecht gekleidet. Unsere Hauptfigur, Michael, dargestellt vom vielfach preisgekrönten und komplexen Darsteller Liam Neeson, der hervorragend spielt, aber dessen aussagekräftiges Gesicht für diese spezifische Rolle eine zu hohe Integrität ausstrahlt, ist der rote Faden in diesem Film. Verfolgt werden verschiedene Handlungsstränge, die sich oft nur in kurzen Momenten aber sehr elegant und optisch schön umgesetzt berühren. Es geht dabei um dramatische Paargeschichten.

Dritte Person Technisch schön umgesetzt sind die leisen optischen Verbindungen zwischen den verschiedenen Handlungssträngen – also beispielsweise das Wasser als Symbol, das in den verschiedenen Szenen mal als Wasserglas, mal als Swimmingpool, dann in eine Badewanne fließend und dann in einer Spüle auftaucht. Oder das "Watch me", das an verschiedenen Stellen des Films mal geflüstert, mal voller Bitterkeit, mal flippig, in völlig unterschiedlichen Situationen auftaucht. Wie dieser schwierig zu übersetzende Ausdruck in der deutschen Synchronfassung übersetzt wird, bleibt spannend. Vielleicht als "Schau her!"?

All dies – und das herausragende Spiel der Akteure – macht den Film sehenswert.

Dritte Person Was ihn weniger sehenswert macht ist der schale Nachgeschmack von Handlungen, die an der Oberfläche bleiben – die zwar Dramatik und gar auch Tragik erreichen, aber keine tiefere Erkenntnis. Der Film strotzt vor dauernd anzutreffenden Klischees – es muss ja der Pulitzerpreis beim Schriftsteller sein, der Verleger muss ja ein Lügner sein, ein Mann muss ja von zwei attraktiven aufreizend tanzenden Frauen angezogen sein, es muss sexueller Missbrauch und Gewalt in der Familie sein. Es gibt auch schlecht recherchierte Details – eine Zigeunerin aus Rumänien lebt in Italien – aber spricht fließend Englisch!, oder unrealistisch dargestellte – eine mittellose Mutter, die um das Besuchsrecht ihres Kindes kämpft, lässt auf unglaubhafte Weise eben mal einen Zettel mit einer schicksalhaften Information irgendwo liegen, und es fällt ihr erst Stunden später wieder auf. Das dient zwar der Geschichte, passt aber nicht zur Figur.

"Dritte Person" scheint auch nur eine aus Mangel eines besseren Titels gefundene Überschrift zu sein, denn um die Frage, wer ausgerechnet die dritte (und nicht zweite oder vierte) Person von den vielen Beteiligten sein soll, geht es nicht. "Schau her" ("Watch me") wäre da ein besserer gewesen.

Und auch wenn nicht alle Paargeschichten traurig enden, so hat man ein etwas weniger positives Menschenbild am Ende des Films, das man erst wieder abschütteln muss. Dieser Film wird Gemüter spalten – in Begeisterte und Enttäuschte. Wer sich optisch entführen lassen will in eine durchaus spannende Geschichte, ist hier auch nicht falsch. Mehr darf aber nicht erwartet werden.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Sony Pictures

 
Filmdaten 
 
Dritte Person (Third Person) 
 
GB / USA / Deutschland / Belgien 2013
Regie & Drehbuch: Paul Haggis;
Darsteller: Liam Neeson (Michael), Mila Kunis (Julia), Adrien Brody (Scott), James Franco (Rick), Olivia Wilde (Anna), Maria Bello (Theresa), Kim Basinger (Elaine), Moran Atias (Monika) u.a.;
Produzenten: Paul Breuls, Paul Haggis, Michael Nozik; Kamera: Gianfilippo Corticelli; Musik: Dario Marianelli; Schnitt: Jo Francis;

Länge: 136,45 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Sony Pictures Releasing GmbH; deutscher Kinostart: 4. Dezember 2014



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Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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