12.11.2010
"Drei" sind (k)einer zu viel

Drei (2010)


Drei (2010): Sophie Rois, Devid Striesow "Parallelen". Die Kamera gleitet entlang zweier am Horizont verlaufender Linien, während eine männliche Stimme bedeutungsschwer die Stationen zweier Leben aufzählt. Dann gleiten vor blendend weißem Hintergrund eine Frau und zwei Männer einander in einer Choreografie in die Arme. Doch an den hochtrabenden Auftakt knüpft eine larmoyante Liebesgeschichte an.
Seit seinem Welterfolg "Lola rennt" wagte Tom Tykwer sich an kein Drehbuch mehr. Wer sich durch sein jüngstes Werk quält, ist dankbar dafür.

Aus einem tiefenpsychologischen Drama scheinen die Anfangsszenen von "Drei" entlehnt. Alle menschlichen Existenzen stehen in einem geheimnisvollen Einklang. Alle Lebenswege verlaufen in dieselbe Richtung. Alles ist im Fluss. Wie der Strom in den Telegraphenleitungen, als welche sich die "Parallelen" enthüllen. Nichts ist psychologisch, nichts geheimnisvoll. Die tiefschürfenden Worte kaschieren nur die Banalität des Alltags. Simon (Sebastian Schipper), Hanna (Sophie Rois) und Adam (Devid Striesow) sind die "Drei", um deren Alltagsbanalitäten sich die Handlung entspinnt. Obwohl seit zwanzig Jahren glücklich zusammen, sind Simon und Hanna unverheiratet und kinderlos. Ihr Zusammenleben gestaltet sich wie eine Mischung aus freundschaftlicher Geschwister-Beziehung und dem Trott eines alten Ehepaars. Das ändert sich schlagartig, als Simons Mutter an Krebs stirbt und die Krankheit auch bei ihm diagnostiziert wird.

Drei (2010): Filmplakat Die Konfrontation mit der Flüchtigkeit ihres Daseins weckt in beiden neue Lebenslust. Die entfacht auch die längst eingeschlafene Leidenschaft beider in neuer Glut. Allerdings nicht zueinander, sondern zu dem bisexuellen Adam. "Jetzt wird es kompliziert", fürchtet der, als die zufällige Dreiecksbeziehung, von der weder Simon noch Hanna etwas ahnen, aufzufliegen droht. Doch nichts wird kompliziert. Alle "Drei" erkennen die "Parallelen", welche zwischen ihren emotionalen und physischen Bedürfnissen bestehen. Was unterdessen im Zuschauer vorgeht, bezeichnet Hanna als "Simultandenken". Während der Geist auf eine Sache konzentriert ist, driften die Gedanken unweigerlich zu einer anderen ab. Tykwer inszeniert Beziehungsquerelen im wahrsten Sinne hoch "Drei" in seiner Liebeskomödie, um sie mit tänzerischer Verspieltheit zu lösen, ohne dass ein Hauch von Dramatik oder Spannung entstünde. Die Handlung und Charaktere von Tykwers überlanger Liebesgeschichte bewegen sich auf dem Niveau einer Fernsehromanze. "Parallelen". Solche entstehen zu den Gefühlen des Paares, wenn Tykwer beide in einer Szene im Kino zeigt, wo vermutlich eine Rohfassung von "Drei" läuft. "Ich schau gar nicht richtig hin", murmelt Hanna träge. - "Vielleicht liegt's am Film."  

Lida Bach  / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: X-Verleih

 
Filmdaten 
 
Drei (2010)   
 
Deutschland 2010
Regie & Drehbuch: Tom Tykwer;
Darsteller: Sophie Rois (Hanna), Sebastian Schipper (Simon), Devid Striesow (Adam), Annedore Kleist (Lotte), Angela Winkler (Hildegard), Winnie Böwe (Petra), Alexander Hörbe (Dirk), Hans-Uwe Bauer (Dr. Wissmer), Karl Alexander Seidel (Nick), Georgette Dee, Alexander Scheer, Marie Gruber, Tino Mewes, Irene Rindje, Jürgen Holtz, Inge Keller, Sabin Tambrea, Traute Hoess, Cornelius Schwalm u.a.; Produktion: X-Filme Creative Pool, Westdeutscher Rundfunk (WDR), ARD Degeto Film, ARTE; Produzent: Stefan Arndt; Kamera: Frank Griebe; Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil, Gabriel Isaac Mounsey; Schnitt: Mathilda Bonnefoy;

Länge: 119 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; deutscher Kinostart: 23. Dezember 2010



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<12.11.2010>


Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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