25.04.2018
Intelligentes Kammerspiel

Draußen in meinem Kopf


Draußen in meinem Kopf: Samuel Koch Viele Medien berichteten bereits darüber: Samuel Koch, der seit seinem Unfall bei "Wetten, dass...?" 2010 querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, ist in seiner neuen Karriere als Schauspieler erstmals in einem Film in einer Hauptrolle besetzt.
"Draußen in meinem Kopf" ist ein Kammerspiel, seine Handlung findet nur in einem Raum statt, Svens Pflegezimmer, abgesehen einmal vom Filmende. Samuel Koch spielt den 28-jährigen Sven, der unter Muskeldystrophie leidet, weswegen er bald sterben dürfte. Sven nimmt sein Schicksal der Krankheit und das Gefesseltsein an einen Ort scheinbar gelassen hin. Doch die Coolness ist nur Fassade, merkt Christoph (Nils Hohenhövel), sein neuer Pfleger, ein frisch von der Schule kommender, noch jugendlich wirkender junger Mann in seinem Freiwilligen Sozialen Jahr. Der Film lebt vom Kontrast der Charaktere zweier junger Männer, die von großartigen Nachwuchsdarstellern gespielt werden. Der Kontrast besteht in der vermeintlichen Coolness des einen und der Unerfahrenheit des anderen.

Auf den ersten Blick passt Christoph überhaupt nicht dahin: Sven – trotz ihn komplett lähmender Krankheit – feiert Partys. Christoph hingegen scheint noch nie eine Party gefeiert zu haben, so verklemmt stellt der Film ihn dar. Svens Fete ufert aus, die beiden Heiminsassen, die in Svens Raum sind (einer der beiden gespielt von Lars Rudolph), merken es nicht, aber Svens Kräfte schwinden. Christoph registriert dies und wird zum Spielverderber. Der Rest vom Fest: Der FSJler muss sich um Svens Beinahe-Ohnmacht kümmern.

Draußen in meinem Kopf: Nils Hohenhövel Die 1982 geborene Regisseurin Eibe Maleen Krebs, für ihren Film "Draußen in meinem Kopf" mit dem Wim-Wenders-Stipendium ausgestattet, zeigt zwei völlig unterschiedliche junge Männer und was aus ihrer erzwungenen "Beziehung" wird. Christoph, der Pfleger, steckt voller Enthusiasmus, anderen zu helfen. Sein Steckenpferd: die Unerfahrenheit. Der Film sagt es nie, aber in der frisch von Christoph absolvierten Schule lernt man nicht, was in der Lebenspraxis notwendig ist. Sven hingegen, der fast komplett Gelähmte, ist "streetwise", den Umgang mit Menschen kennt er, oder besser: scheint er zu kennen, er ist offen für die an Feiern interessierten Mitbewohner, nicht offen für Verklemmte. Ausgerechnet Christoph ist sein neuer persönlicher Pfleger.

Unerfahren ist Christoph auch sexuell, und unerfahren darin, dass man dies besser nicht äußern sollte – Sven nutzt es, um sich darüber lustig zu machen ("Schlappschwanz" nennt er ihn in Anwesenheit einer jungen Pflegerin, Eifersucht spielt hier eine wichtige Rolle). Doch der Konflikt der beiden wird sukzessive kleiner, eine Freundschaft entsteht allmählich. Christoph führt einmal den Besuch eines Pfarrers (Bastian Trost) bei Sven ad absurdum, indem er Heavy Metal-Musik auflegt und Luftgitarre tanzt. Christoph, der allmählich auflockert, erkennt, dass Sven anderes benötigt, als erzwungene Gespräche. Der Muskelkranke kann vor solchen Zwängen, wie sie der Geistliche versucht, nicht fliehen. Deswegen erkennt er wohlwollend an, dass Christoph sich nicht nur Mühe in der Pflege gibt, der FSJler entwickelt sich auch zum wie Sven selbst weltoffenen Menschen.

Draußen in meinem Kopf: Samuel Koch, Nils Hohenhövel "Draußen in meinem Kopf" zeigt Einzelgänger im zunächst erzwungenen, dann akzeptierten Miteinander, von ihrem Alleinsein in der Gesellschaft, aus dem es nur Befreiung gibt, wenn man einander schätzen lernt. Die anfangs nicht für möglich gehaltene Freundschaft und Vertrautheit der beiden jungen Männer entsteht durch Annäherung, durch Aufgabe der Extreme, resultierend aus dem Lernen vom jeweils anderen. Nebenbei trifft Heavy Metal (Christoph) auf Johann Sebastian Bach (Sven), und zwar Bachs "Komm, süßer Tod". Sven zeigt zynischen Humor und gleichzeitig Todessehnsucht. Dies ist ebenso eine Stärke des Films: dem Zuschauer Svens Lähmung spürbar zu machen und deren Bedeutung für die Psyche.

Filmemacherin Eibe Maleen Krebs in ihrem auf einer wahren Begebenheit basierenden Langfilmdebüt (Drehbuch: Krebs mit Andreas Keck) schafft es, Kitsch oder von der Handlung Ablenkendes zu vermeiden, sie konzentriert sich auf den einzigen Raum, in dem der Film spielt, die beiden Figuren und ihre Kontrastierung in nahezu bravouröser Form.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Martin Menke Junafilm

 
Filmdaten 
 
Draußen in meinem Kopf  
 
Deutschland 2018
Regie: Eibe Maleen Krebs;
Darsteller: Samuel Koch (Sven), Nils Hohenhövel (Christoph), Eva Nürnberg (Louisa), Lars Rudolph (Larry), Wieslawa Wesolowska (Beate), Mario Fuchs (Laus), Bastian Trost (Pastor Wieckmann), Franziska Arndt (Sylvia), Harald Schwaiger (Prof. Steffens) u.a.;
Drehbuch: Eibe Maleen Krebs, Andreas Keck; Produzentin: Verena Gräfe-Höft; Kamera: Judith Kaufmann; Musik: Martin Lingnau, Ingmar Süberkrüb; Schnitt: Marianne von Deutsch;

Länge: 99,28 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Salzgeber & Co. Medien GmbH; deutscher Kinostart: 26. April 2018



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<25.04.2018>


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"Ich finde es sehr gut, dass es viele Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle fair bezahlt werden. In Hollywood bewegen wir uns allerdings in einer Kunstform, die vom Kommerz bestimmt wird. Deshalb nenne ich es auch 'Show-off-Business'. Filmemachen ist ein brutales Geschäft."

Schauspielerin Jamie Lee Curtis über #MeToo und Hollywood

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