20.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Special

Dog Days


Der Titel des chinesischen Dramas erinnert wohl nicht nur zufällig an Sidney Lumets Krimi-Drama "Dog Day Afternoon" ("Hundstage"). Auch das Langfilmdebüt des New Yorker Filmemachers Jordan Schiele basiert auf einer realen Begebenheit, es gibt einen Amateurverbrecher und seinen transsexuellen Freund und die Protagonisten plagt die Hitze des titelgebenden Wetterphänomens. Leider sind die künstlerischen Aspirationen des Regisseurs so absurd wie die Aktionen seiner Figuren.

Dog DaysDer Plot schleppt sich über einen Handlungszeitraum von mehreren Tagen dahin und wirkt dabei immer gleichgültiger. Diese Stimmung spiegelt die der Tänzerin und Mutter Lulu, die in einem schäbigen Club arbeitet. In der Zwischenzeit bleibt das gemeinsame Baby bei ihrem Partner Bai Long. Eines Tages kommt Bai Long nicht wie gewohnt, um sie von der Arbeit abzuholen. Die Tür ihres Appartements findet sie verschlossen vor und nirgendwo eine Spur von Freund und dem Baby, das sie immer noch bei ihm glaubt. Ein Bekannter gibt Lulu die Adresse einer Bar. Offenbar führt Bai Long ein Doppelleben, von dem alle außer ihr etwas wissen, denn in der Bar trifft Lulu dessen transsexuellen Freund Sunny. Er träumt davon, mit Bai Long nach Shanghai zu gehen, aber damit das geschehen kann, muss Lulu ihren Freund freigeben und außerdem Geld her. Wer sich in seiner sexuellen Orientierung nicht an reaktionäre Normen hält, will in Jordan Schieles Filmwelt die traditionelle Kernfamilie zerstören. Daher hat Bai Long das Baby gekidnappt, um es zu verkaufen. Das Geldproblem wäre damit gelöst und welche Mutter würde da nicht mit ihrem Partner Schluss machen?

Dog Days Aber Sunny will noch mehr für sich herausholen und schlägt Lulu einen Deal vor: Sie überzeugt seine konservativen Eltern, dass beide ein Paar wären. Im Gegenzug hilft er ihr bei der Suche nach dem Baby. Warum die Mutter nicht die Polizei ruft, bleibt rätselhaft. Vermutlich, damit es auf der Leinwand irgendwie weitergehen kann. Der Handel ist der Beginn einer Odyssee durch die stickigen Straßen, die zu Sunnys Eltern, in ein Hotel und schließlich zu einem wohlhabenden Arzt führt. Umso länger die Reise dauert, umso mehr zweifelt Lulu an ihrer Kompetenz als Mutter und ist am Ende gar nicht mehr sicher, was sie überhaupt will: das Baby? Bai Long? Gar nichts? So richtig klar scheint das weder der Hauptfigur zu sein, noch Regisseur und Drehbuchautor Schiele. Er scheint lediglich fest entschlossen, das Unterfangen für alle Beteiligten inklusive des Publikums so langwierig wie möglich zu machen. Die Motive und Gefühle der Figuren werden dabei nicht deutlich. Stattdessen agieren alle immer irrationaler. Aber da die Geschichte ja auf einer wahren Begebenheit basiert, muss wohl tatsächlich mal jemand so gehandelt haben. Falls gesellschaftliche oder rechtliche Umstände der Grund dafür sein sollten, erfährt man davon nichts.

Das grassierende Problem des Babyhandels in China, wo allein 2014 13.000 vermisste Kinder von den Behörden aufgefunden wurden, oder die politischen und sozialen Probleme, die das Geschäft mit Kindern begünstigen, spricht der Film nicht an. So versagt der Film als Thriller genauso wie als Sozialstudie und lässt einen so müde zurück, wie nach einer Irrfahrt an einem schwülen Sommertag.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Dog Days (San Fu Tian) 
 
Volksrepublik China 2016
Regie & Drehbuch: Jordan Schiele;
Darsteller: Huang Lu (Lulu), Tian Mu Chen (Bai Long), Luo Lanshan (Sunny), Xing Dan Wen (Mrs. Zhou), Lu Ze Xian (Dr. Zhou), Zhou Lan (der speckige Lehrer), Xia Qi (Motel-Rezeptionist) u.a.;
Produzenten: Pang Ho-Cheung, Subi Liang; Kamera: Nathanael Carton; Musik: Patrick Jonsson; Schnitt: Kong Jin Lei;

Länge: 95 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<20.03.2016>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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