03.12.2014
(Natur)Spektakel des weiblichen Alterns

Die Wolken von Sils Maria


Die Wolken von Sils Maria Es ist ein Naturphänomen: Durch eine besondere landschaftliche Prägung eines geschlängelten Tals, des sogenannten Malojapasses im Schweizer Oberengadin, kann man an Herbsttagen beobachten, wie sich eine Wolkenschlange im Tal bewegt, während man im Sonnenschein darüber steht. Um das Naturphänomen des Alterns geht es in diesem Film des französischen Regisseurs Olivier Assayas (z.B. "Paris je t'aime", 2006). Juliette Binoche spielt darin eine Rolle in der Rolle. Sie verkörpert eine Schauspielerin, die in einer neuen Theaterrolle mit dem Altern konfrontiert wird, dabei aber selbst mit diesem Thema ringt. Und wahrscheinlich eine Ebene tiefer, als reale Binoche, auch diese Konfrontation bereits austragen musste. Diese Ausgangssituation ist für die Fragestellung sehr interessant, allerdings hapert es an der Ausführung.

Trotz des überzeugenden Spiels von Juliette Binoche, deren Gesicht und deren Auseinandersetzung mit dem Thema den Film trägt und bestimmt, fehlt es dem Film am Wichtigsten: wie es nämlich der von ihr gespielten Frau, Maria Enders, überhaupt gelingt, den Sprung zu schaffen: ihr Altern, auch als Schauspielerin, zu akzeptieren, um die Rolle, die sie angenommen hat, überhaupt anzunehmen. Ausgerechnet an dieser zentralen Stelle wird der Film unterbrochen – und geht an einer Stelle weiter, wo der innere Kampf bereits ausgetragen ist.

Schnelligkeit, Smartphones, Google (wahrscheinlich Mitsponsor), Tablets, sind immer präsent, alles ist schnell und oberflächlich in diesem Film. Die Kritik an der heutigen Gesellschaft ist so überdeutlich, dass sie – angesichts der Redundanz – für den Zuschauer zur Nervenprobe wird. Erleichtert darf er nur sein, wenn am Ende ein Jungspund der Smartphone-Generation sich – hilflos – mit einem ebenso konstruierten Abstraktum von Drehbuch gegen diese neue "Malojaschlange", der Oberflächlichkeit seiner eigenen Generation entgegensetzt.

Die Filmmusik ist katastrophal eingesetzt. Anfangs ist es adaptierter Mozart, dann zu einer Bergwanderszene völlig unpassende heitere Barockmusik, es kommt Punk-Rock dazwischen, und das musikalische "Maloja"-Motiv ist eine für Klassikfans bestimmt nicht attraktive modernisierte Version des berühmten Pachelbel-Kanons.

Um Filmzeit zu sparen wurde die Malojaschlange, die wandernde Wolkendecke, zwar aufgenommen, aber zu stark verkürzt, zum Teil gestückelt und schnell vorgespult. So als ob sich der Regisseur nicht ganz von den zweifellos wunderschönen Bildern trennen wollte, es aber für den Zuschauer nicht zu langweilig machen wollte. Hätte er sich nur für die Andeutung der Schönheit des Phänomens entschieden, oder aber für die ganze Länge desselben – beides wäre besser gewesen als das schlechte Stückwerk, gebettet auf modernisiertem Pachelbel.

Die Wolken von Sils Maria Der Film erklärt nicht den Zusammenhang zwischen dem Wolkenphänomen und der Handlung – so dass man immer parallel zwei Geschichten hat, die völlig widersprüchlich sind und nicht zueinander passen. Das lange Vorspiel – eine schwierige Beziehung Marias zu einem männlichen Schauspieler – ist irrelevant für die Handlung. Einer der Charaktere verschwindet spurlos und der Film bleibt eine Erklärung dafür schuldig. Konzentration auf die Haupthandlung und dem Zwischenspiel zwischen Maria Enders und ihrer schnippischen jungen Mitschauspielerin Jo-Anne, ihrem Alter Ego aus jungen Jahren, und ebenso mit ihrer jungen naiven Assistentin Valentine wäre für den Film zwingend nötig gewesen. Stattdessen wird Marias Ringen zwar angedeutet – ihr Benehmen ist divenhaft, herablassend und zum Teil demütigend – aber nicht zu Ende gebracht. Es ändert sich nämlich ... in der Pause.

Einzig dem herausragenden vielseitigen Spiel Juliette Binoches gelingt es für kurze Sekunden die eigentliche Tiefe des Geschehens vermuten zu lassen. Dennoch kann dies kein Gegengewicht zu einem wenig gelungenen Drehbuch darstellen.

Die Wolken von Sils Maria Natürlich kommen Erinnerungen hoch an "All About Eve" (1950) mit einer phantastischen Bette Davis, oder sogar neuere Filme wie "Being Julia" (2004) mit Annette Bening. Wie ausgerechnet Schauspielerinnen, deren soziale Existenz von Äußerlichkeit abhängt, es schaffen müssen, ihr Alter zu akzeptieren, ohne zusammenzubrechen, ist zwar ein Thema für sich, aber genauer genommen trifft diese Frage jede Frau. Da jedoch in allen hier erwähnten Filmen Männer die Drehbücher schrieben und Regie führten, kamen sie der Antwort nicht auf die Spur und weigerten sich, das Thema zu vertiefen. Wir müssen anscheinend auf eine weibliche Regisseurin warten, wenn diese Diskussion interessant werden soll.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: NFP

 
Filmdaten 
 
Die Wolken von Sils Maria (Clouds of Sils Maria) 
 
Deutschland / Frankreich / Schweiz 2014
Regie & Drehbuch: Olivier Assayas;
Darsteller: Juliette Binoche (Maria Enders), Kristen Stewart (Valentine), Chloë Grace Moretz (Jo-Ann Ellis), Lars Eidinger (Klaus Diesterweg), Johnny Flynn (Christopher Giles), Angela Winkler (Rosa Melchior), Hanns Zischler (Henryk Wald), Nora von Waldstätten (Schauspielerin) u.a.;
Produzent: Charles Gillibert; Kamera: Yorick Le Saux; Schnitt: Marion Monnier;

Länge: 123,38 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der NFP marketing & distribution GmbH; deutscher Kinostart: 18. Dezember 2014



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Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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