Januar 2000

Die Vögel

Hitchcocks "Die Vögel" aus seinem Spätwerk gehört sicher zu den bekanntesten Filmen des Suspense-Meisters. Zeitlich einzuordnen ist er zwischen einem anderen Hitchcock-Klassiker, "Psycho" (1960), und "Marnie" (1964). Beide Filme handeln von sexueller Verdrängung bzw. von der Norm abweichendem Verhalten und damit verbundenem Wahnsinn. Das läßt mißtrauisch werden, ob es nicht auch unter der Oberfläche des dritten Films brodelt.

Auf den ersten Blick handelt der Film vom unerwarteten Angriff der Vögel auf die Menschen: Sie attackieren in Schwärmen die Einwohner von Bodega Bay in der Nähe von San Francisco, und sie töten auch einige ihrer Opfer. Es ist der Überraschungsangriff eines zahlenmäßig überlegenen Feindes aus der Luft. Das erste Opfer einer vereinzelten Möwe wird Melanie Daniels (Tippi Hedren, brilliert in einer ihrer ersten Rollen).

Sie ist eher zufällig in Bodega Bay, da sie Mitch Brenner (Rod Taylor) nachgefahren ist, dem sie am Tag zuvor in einer Vogelhandlung begegnete. Brenner wohnt zusammen mit seiner strengen Mutter Lydia (Jessica Tandy) und seiner kleinen Schwester Cathy, für die er zwei "Unzertrennliche" ("Love birds") kaufen wollte. Die hat Melanie Daniels als Geschenk mitgebracht, auch um Mitch wiederzusehen, an dem sie interessiert ist. Kurzentschlossen bleibt sie über das Wochenende. So wird sie Zeuge von weiteren und heftigeren Angriffen der Vögel.

Der Film überzeugt durch einen durchdachten Spannungsbogen: einer langen, ruhigen Exposition mit mehreren Verweisen auf die unruhigen Vögel folgen Schlag auf Schlag die gewaltigen, lauten Attacken.
Den Höhepunkt bildet der letzte Angriff auf das Haus der Brenners, in welchem sich Melanie, Mitch, Lydia und Cathy verbarrikadiert haben. Sie sind vollkommen isoliert, stark verängstigt und wären eigentlich den eindringenden Vogelmassen nicht gewachsen - doch die Vögel lassen sie ziehen. Es herrscht eine bedrohliche Ruhe nach dem Sturm, als die Menschen mit letzter Kraft das Haus verlassen und sich durch die Vögel den Weg in die Freiheit bahnen, mit dabei den Käfig mit den "Unzertrennlichen".

Zuletzt hat der Zuschauer wirklich einen Eindruck vom "Ende der Welt", das vorher ein Betrunkener prophezeite.

Die teilweise recht langen Angriffsszenen vermögen auch heute noch zu schockieren. Hitchcock fühlte sich herausgefordert, alle damals möglichen Mittel auszureizen, um sie möglichst naturalistisch wirken zu lassen.
Das Vogelgeschrei und sämtliche andere Geräusche sind durchkomponiert, Musik fehlt ganz.

Hier sehen wir auch eines der explizitesten und blutigsten Bilder aus Hitchcocks Werk, für wenige Sekunden werden die ausgehackten Augenhöhlen eines toten Mannes gezeigt.

Diese spektakulären Momente lenken leicht von den anderen Geschichten ab, die in dem Film stecken:

Die anbahnende Romanze zwischen Melanie und Mitch, Melanies Wandlung von einer verwöhnten und überheblichen Abenteuerin zu einer Frau, die Verantwortung übernimmt und Mitgefühl entwickelt. Am Ende ist sie verwundbar und gebrochen.

Interessant ist auch die Vorgeschichte von Mitch, seine kurze Beziehung zu der Lehrerin Annie Hayworth, die später sterben muß. Die Beziehung endete wegen Lydias kühler Behandlung von Annie. Hier entwirft Hitchcock eine weitere dominante Mutterfigur wie zuvor in "Psycho" und anderen Filmen.

Dieses Thema nimmt relativ viel Raum ein, auch Melanies Mutter wird im Gespräch zwischen ihr und Mitch erwähnt. Überhaupt sind die Dialoge des Films intelligent ausgefeilt und auf Wesentliches reduziert.
"Die Vögel" ist somit mehr als nur ein Horrorfilm oder Katastrophenfilm, und dadurch spannender und zeitloser als die reißerischen Fließbandproduktionen mit Ameisen, Killerbienen oder Mörderspinnen, die folgen sollten.

Faszinierend ist die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein der Menschen - ganz ähnlich wie Cary Grant in seiner Rolle in "Der unsichtbare Dritte" ("North By Northwest") auf dem freien Feld nicht vor dem angreifenden Flugzeug fliehen kann.

Der beliebte kleine Hitchcock-Ratgeber von Francois Truffaut klärt uns darüber auf, daß Hitchcock die Idee aus Daphne du Mauriers Kurzgeschichte mochte, nach der es ganz normale unauffällige Vögel sein sollten welche angreifen.

Hitchcock weist auch in seinem amüsanten Trailer - welcher gespickt ist mit schwarzem englischen Humor - daraufhin, wie viele Motive die Vögel doch hätten, um am Menschen Rache zu nehmen. Schließlich jagt und tötet sie der Mensch, ißt sie, hält sie zum Spaß in Käfigen gefangen oder stellt sie ausgestopft zur Dekoration auf ( wie Norman Bates ). Doch natürlich macht es uns der Meister nicht zu einfach und liefert keine komplette Interpretation.

P. S.: Das Buch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" von Francois Truffaut ist als Taschenbuch im Heyne-Verlag erschienen und ist auch für Leute geeignet, die nicht ausschließlich Interesse an Hitchcocks Werk haben, sondern am Film generell. 1999 wurde es zu Hitchcocks 100. Geburtstag neu im Großformat aufgelegt.

Es gehört mittlerweile zu den Klassikern unter den Filmbüchern.  

Jessica Ridders / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Die Vögel
(The Birds)

USA 1963
Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Evan Hunter nach der Vorlage von Daphne du Maurier; Kamera: Robert Burks; Musik: Bernard Herrmann;
Darsteller: Tippi Hedren, Rod Taylor, Jessica Tandy, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright u.a.

Länge: 119 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; BRD-Kinostart: 20. September 1963



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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