02.12.1998

Der Zwang der Erkenntnis


Die Truman Show


Die Truman Show: Truman in Seahaven

Truman Burbank ist Versicherungsangestellter, verheiratet und lebt in der mittelständischen Pastellidylle der amerikanischen Kleinstadt Seahaven, die auf einer Insel vor Florida liegt. Ein Kindheitserlebnis - sein Vater ertrank vor seinen Augen - hat dazu geführt, dass er die Insel nicht verlassen kann. Seit seiner Geburt vor dreißig Jahren ist er dort verwurzelt - nicht wissend, dass er damit der einzige wahre Mensch unter den Darstellern der Fernsehserie The Truman Show ist und seine ganze Umgebung, einschließlich seiner Frau Meryl und seinem besten Freund Marlon, aus den Marionetten einer Fernsehproduktion besteht. Täglich vierundzwanzig Stunden wird die Show live in alle Welt übertragen; ihr Produzent ist Christof, der in seiner Zentrale über den Bauten von Seahaven, dem größten Fernsehstudio der Welt, residiert und den ahnungslosen Truman mit den Augen von fünftausend Kameras verfolgt.



Der Kanadier Jim Carrey spielt hier in einer ernsteren Hollywoodproduktion, nachdem er zuvor nach dem Erfolg der Komödien Ace Ventura - Ein tierischer Detektiv (Ace Ventura, Pet Detective, USA 1993), Die Maske (The Mask, USA 1994) und Dumm und Dümmer (Dumb and Dumber, USA 1994) jemand geworden war, der 20 Millionen Dollar pro Film verlangen kann. Genauso wie Carrey es als Truman Burbank schafft, sich in das bleckende Grinsen der Fassade von Seahaven einzupassen, kann er später die Irritation und die Traurigkeit über die Entdeckung seiner Situation zeigen, womit er Anteil daran hat, dass der Zuschauer nach anfänglicher Faszination Mitleid mit Truman empfindet. Unter den weiteren Darstellern brilliert auch Ed Harris, der hinter dem Gesicht des gewissenlosen Herrschers über sein Utopia das menschliche Antlitz eines Vaters durchblicken lässt.

Die Truman Show: Christof (Ed Harris)

Mit der "Truman Show" wird das überhöhte Ausmaß der Vision einer kommerziellen Medienmaschinerie vorgeführt, in der der einzelne nur noch Gegenstand der Manipulation ist. Der Voyeurismus, mit dem die "Truman Show" verfolgt wird, scheint eine bloße Fortschreibung unserer gegenwärtigen Situation zu sein, wenn man bedenkt, dass sich schon heute Menschen gegen Gebühr im Internet bei ihren Alltagsgeschäften beobachten lassen. Dabei wird der Zuschauer hinterhältig behandelt: Erst nachdem er genügend Zeit hatte, in die Welt von Truman einzutauchen und selbst faszinierter Beobachter zu werden, gewinnen die Drahtzieher von Seahaven und ihre scheinbar perfekten Mechanismen, mit denen die paradiesische Kleinstadt funktioniert, an Konturen und werden entblößt. Es wird vorgeführt, auf welche kühle und professionelle Weise die Zuschauer der Show zum Voyeurismus angeleitet werden.

Christof scheint besessen von dem Gedanken, mit dem Leben im Reagenzglas Seahaven ein Gegenbild zu der "perversen Welt" zu finden, in der er leben muss. Dies geht so weit, dass er sogar in der Lage ist, sich von den Forderungen seines Publikums abzukoppeln und damit zu verselbstständigen. Doch auch wenn Christof, der Schöpfer, seine Welt, "so wie sie sein sollte", zu konservieren versucht, kann er eines nicht verhindern, dass dazu führt, dass das gigantische Aufnahmestudio Seahaven einem Kartenhaus gleich zusammenfällt: Ist bei Truman, dem Geschöpf, einmal der Prozess der menschlichen Erkenntnis in Gang gesetzt, ist diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Risse in der sterilen Kulisse von Seahaven, wie ein aus den Wolken herabstürzender Scheinwerfer, lassen ihn sich seiner Situation langsam gewahr werden.

Zwar wird der Begriff der Erkenntnis sehr abstrakt verwandt, doch findet er sicherlich Anwendung auf Situationen, denen sich Menschen oft stellen müssen. Wenn Truman allen Widerständen zu trotzen versucht und am Ende auf dem Boot "Santa Maria", dem Gefährt des Christoph Kolumbus, aufbricht, um die Welt jenseits der synthetischen Idylle zu entdecken, dann befindet er sich anscheinend am Scheideweg: Truman kann sich die Frage stellen, ob er zu den unerforschten Gebieten aufbricht oder in seiner sicheren Welt, im "gesegneten Leben" (Hannah Gill, die Trumans Frau spielt), zurückbleibt. Er weiß nicht, was ihn erwartet, wenn er voranschreitet, ist sich aber, ohne dass er es weiß, bewusst darüber, dass es vielleicht schon gar kein Zurück mehr gibt. Genauso wie er es nicht schaffen konnte, sich der Entdeckung seiner Lebenssituation im weiteren Verlauf zu entziehen, kann er es nun nicht schaffen, die Folgen seiner Erkenntnisse aufzuhalten.

 
Philipp Wallutat / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Offizielle Homepage trumanshow.com


Filmdaten

Die Truman Show
(The Truman Show)

USA 1998
Regie: Peter Weir;
Darsteller: Jim Carrey (Truman Burbank), Laura Linney (Hannah Gill / Meryl Burbank), Noah Emmerich (Louis Coltrane / Marlon), Natasha McElhone (Lauren / Silvia), Holland Taylor (Trumans Mutter), Ed Harris (Christof), Brian Delate (Trumans Vater) u.a.; Drehbuch: Andrew Niccol; Ausstattung: Dennis Gassner, Richard L. Johnson; Kamera: Peter Biziou; Musik: Burkhard von Dallwitz, Philip Glass; Schnitt: William Anderson, Lee Smith;

Länge: 103 Minuten; FSK: ab 12 Jahren;

Auszeichnungen: Robert Festival in Kopenhagen/Dänemark 1999 (Bester amerikanischer Film und Peter Weir als Bester Regisseur), Award des National Board of Review, USA 1998 (Ed Harris als Bester Nebendarsteller), MTV Movie Award 1999 (Jim Carrey als Bester Darsteller), London Critics Circle Awards 1999 (Peter Weir als Bester Regisseur und Andrew Niccol als Bester Drehbuchautor), Golden Globe 1999 (Philip Glass und Burkhart von Dallwitz für die Beste Filmusik eines Spielfilms, Jim Carrey als Bester Spielfilm-Darsteller in einem Drama, Ed Harris als Bester Nebendarsteller in einem Spielfilm, drei weitere Nominierungen), Florida Film Critics Circle Award 1999 (Peter Weir als Bester Regisseur), European Film Award 1998 (Preis der fünf Kontinente), Chicago Film Critics Association Award 1999 (Burkhart von Dallwitz für die Beste Filmmusik), British Academy Awards 1999 (Andrew Niccol für das Beste Original-Drehbuch, Dennis Gassner für das Beste Produktionsdesign und David Lean Award für Regie an Peter Weir), Nominierungen für die Academy Awards 1999 (Peter Weir als Bester Regisseur, Ed Harris als Bester Nebendarsteller und Andrew Niccol für das Beste Original-Drehbuch).




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