06.01.2016
Mehr Mut, Charlie Brown!

Die Peanuts - Der Film


Die Peanuts - Der Film Kein Löwe, der aus dem New Yorker Zoo ausbricht, um eine abenteuerliche Reise nach Afrika zu starten. Keine Eichel, die den Erdboden spaltet und so für die Entstehung der Kontinente sorgt: Im neuen "Peanuts"-Streifen ist der Held, Charlie Brown, ein Kind inmitten anderer Kinder, sein Hund Snoopy kann zwar fliegen, tanzen und Schlittschuh laufen, aber nicht sprechen, und als außergewöhnliches Ereignis gilt, dass ein neues Mädchen in den Vorort zieht. Vor 65 Jahren schuf Charles M. Schulz, der fast fünf Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod im Jahr 2000 noch zeichnete, seine Kindertruppe mit den großen Köpfen, den knolligen Nasen und den liebenswerten Marotten. Nun haben sein Sohn Craig Schulz und sein Enkelsohn Bryan Schulz die Drehbuchvorlage für den Animationsfilm geliefert, der zu Unrecht mit dem Vorwurf konfrontiert wird, sich vom Geist seines Schöpfers entfernt zu haben.

Das erste, was bei den Figuren auffällt, ist die Liebe zum Detail, mit der die computeranimierten Helden ausgestattet wurden: Snoopys Fell verströmt eine kuschelige Haptik, seine Nase glänzt matt wie das runde, polierte Stück eines schwarzen Autoreifens. Sehr behutsam wurden die Zeichentrickfiguren in die Dreidimensionalität überführt, so dass Lucy, Linus, Peppermint Patty, Sally, Schroeder und Pig Pen lediglich greifbarer und frischer wirken – wie zum Leben erweckte Versionen ihrer Vorbilder aus den Comic-Strips. Während Nase und Ohren wie aus Knetmasse modelliert und doch fein wirken, bleiben die Münder Linien, die sich – je nach Gefühlslage – kräuseln und nach oben oder unten verziehen.

Die Macher kombinieren also die Illusion der Haptik, wie sie im Computeranimationsverfahren entsteht, mit gekonnt eingesetzten Reminiszenzen an den originären Zeichentrick – und vereinen harmonisch das Beste aus beiden Welten. Unverwechselbar bleiben die Figuren ohnehin stets durch ihre liebenswerten Ticks: Pig Pen rauscht in einer Staubwolke an, Schroeder blüht auf, wenn er Beethoven spielen darf, Lucy brüllt konsequent alle nieder, die ihr zu wenig Bewunderung zollen, und wehe, jemand nimmt Linus seine Kuscheldecke.

Und Charlie Brown? Die Sehnsucht danach, etwas Bedeutendes zu erreichen, von anderen verehrt, gemocht, zumindest aber wahrgenommen zu werden, der Ärger darüber, dass sich die Welt da draußen immer im unpassendsten Moment gegen einen verschworen zu haben scheint, ganz gleich, ob es darum geht, einen Drachen steigen zu lassen, ein großes Glas Bowle zu balancieren oder eine Buchbesprechung fertig zu stellen – diese Gefühle kennt unser Under Dog nur zu gut. Im Sich-Behaupten gegen das permanente Scheitern, das entschlossene Dagegen-Ankämpfen bleibt Charlie Brown auch 2015 Identifikationsfigur für Unzählige, Erwachsene wie Kinder.

Er kämpft um die Aufmerksamkeit des kleinen rothaarigen Mädchens, holt sich für fünf Cent – die Preise stagnieren hier offensichtlich seit den sechziger Jahren – psychiatrischen Rat bei Klassenkameradin Lucy und fühlt sich nur bei einem wirklich aufgehoben – seinem treuen... halt, nein! Denn während Charlie abends im Bett laut über die Unwägbarkeiten seines Lebens nachdenkt, ist Snoopy bereits eingeschlafen, schnarcht wohlig vor sich hin – und zieht seinem Herrchen zu allem Überfluss auch noch die Bettdecke weg.

Die Peanuts - Der Film Überhaupt, dieser Hund! Ein Kuscheltier war er noch nie, loyal die meiste Zeit über schon – wenn es nicht gerade darum geht, Charlie Brown beim Baseball bei dessen Wurfübungen zu unterstützen. In dieser Sequenz feuert er den Schneeball so entschlossen zurück, dass Charlie Brown ohne Klamotten dasteht, und lacht diabolisch in sich hinein – mit Bill Meléndez' Stimme aus Archivaufnahmen, die schon in früheren Filmen zum Einsatz kam. Solange Snoopy zusammen mit Charlie Brown, Lucy, Sally und Co. auftritt, funktioniert er als selbstbewusster, frecher, eigensinniger und immer wieder helfender Charakter.

Zu den lustigsten Szenen im Film gehört die, in der Charlie Brown, ausgerüstet mit einer Blume, endlich an der Tür des kleinen rothaarigen Mädchens steht, seinen Hund fest an seiner Seite. Im entscheidenden Moment, als er den Klingelknopf drücken will, verlässt ihn jedoch der Mut. Snoopy seufzt empathisch mit ihm, lässt den Kopf hängen, signalisiert Verständnis – um dann allerdings eilig zu läuten. Der Trickser.

Die Peanuts - Der Film Die Passagen jedoch, in denen Snoopy als Fliegerass mit Pilotenbrille und im Kampf gegen seinen ewigen Widersacher, den Roten Baron, antritt, wirken wie der hilflose Versuch, dem beschaulichen Vorort-Setting doch noch jenes Maß an Action und Spannung hinzuzufügen, das das Publikum aus Madagaskar und Ice Age gewohnt zu sein scheint und eventuell vermissen könnte. Mehr Mut!, möchte man den Filmemachern somit zurufen – und zwar genau den Mut, den es braucht, um nicht allen Ansprüchen gerecht werden zu wollen, sich auch gegen bestimmte filmische Verfahren, gegen bestimmte Stilelemente zu entscheiden. Denn bei allem Tohuwabohu bleiben die Flugszenen vorhersehbar – Snoopy kann die in die Fänge des Barons geratene Hündin Fifi retten und zumindest temporär über seinen Feind triumphieren. Ein Gewinn für den Film ist das nicht.

"Die Peanuts" besticht vor allem durch die Eigenständigkeit der Figuren, die auf der Leinwand ihre Ticks und Marotten wunderschön illustriert in Szene setzen dürfen. Die spielerischen und humorvollen Szenen, in denen es vor allem um Selbstüberwindung geht, können es an Witz und ironischer Brechung durchaus mit Charles M. Schulz‘ Comic-Strips aufnehmen. Charlie Brown nimmt schließlich all seinen Mut zusammen – und hätte seinem Kreativteam doch gerne ein wenig davon abgeben können. Nicht nur Mut, sondern auch das Vertrauen darauf, dass Schulz‘ Kreativität und Humor, mit denen er Millionen von Lesern gefesselt hat, auch heute noch völlig ausreichen, um ein Publikum zu faszinieren – Erwachsene wie Kinder.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Twentieth Century Fox

 
Filmdaten 
 
Die Peanuts - Der Film (The Peanuts Movie) 
 
USA 2014
Regie: Steve Martino;
Drehbuch: Bryan Schulz, Craig Schulz, Cornelius Uliano; Produzenten: Paul Feig, Bryan Schulz, Craig Schulz, Michael J. Travers, Cornelius Uliano; Musik: Christophe Beck; Schnitt: Randy Trager;

Länge: 88,30 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Twentieth Century Fox of Germany GmbH; deutscher Kinostart: 23. Dezember 2015



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Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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